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Endstation 2025? Nürnberger U-Bahn-Ausbau droht ein Ende

Gutacher sehen nur wenige wirtschaftlich sinnvolle Ergänzungen im Netz - 26.05.2020 09:37 Uhr

Trotz Corona: Die Arbeiten für das vorerst letzte Teilstück der U 3 von Großreuth nach Gebersdorf haben planmäßig begonnen. Am Nordrand des Tiefen Feldes sind Bauleute dabei, den Aushub für die künftige Station Kleinreuth vorzubereiten. © Foto: Roland Fengler


Es könnte, jedenfalls nach den bisher vorliegenden Beschlüssen und Planungen, tatsächlich der Schlusspunkt erreicht sein. Erst recht, wenn die öffentlichen Kassen durch und nach Corona leergefegt sind – trotz aller Beteuerungen, den öffentlichen Nahverkehr stärken zu wollen.

Freilich sind weiter führende Überlegungen keineswegs tabu: Wie wäre es etwa, das entstehende neue Wohnviertel in Wetzendorf durch eine Verlängerung der U3 vom Nordwestring her zu erschließen? Und wie steht es um die seit langem diskutierte Anbindung von Stein und von Eibach ans U-Bahn-Netz?

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Um eine Grundlage für mögliche Zukunftsprojekte zu gewinnen, hat das Nürnberger U-Bahn-Bauamt das bekannte Büro Intraplan mit Voruntersuchungen beauftragt. Das von den Beratern erstellte Gutachten sollte eigentlich bereits im März im Rathaus vorgestellt werden. Doch daraus wurde nichts; nun beschäftigen sich am kommenden Donnerstag erstmals die Stadträte im neu formierten Verkehrsausschuss des Stadtrats mit der Zukunftsmusik im Nürnberger Untergrund.

Ungleiche Entwicklung

Als größtes Pfund fallen für die U-Bahn bekanntlich die hohen Fahrgastzahlen in die Waagschale: Auch in den vergangenen zehn Jahren war insgesamt ein weiterer Anstieg zu verzeichnen, allerdings mit ungleicher Verteilung: Am meisten Fahrgäste, nämlich pro Werktag durchschnittlich 174.000, sind auf der U1 unterwegs; allerdings waren es auch schon mal rund 200.000. Mehr als wettgemacht haben den Rückgang zum Teil steile Zuwächse auf den beiden anderen Linien, auch dank des schrittweisen Ausbaus der U3.

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Über die Lichtschranken an den Zugängen zu den Bahnsteigen zählt die VAG aktuell rund 128.000 Fahrgäste auf der U2 und 78.000 auf der U 3, ebenfalls pro Werktag. Unterm Strich ergibt das ein Plus der "Linienbeförderungsfälle", wie es im Fachchinesisch heißt, von vier Prozent gegenüber 2008.


U3-Verlängerung: Betrieb soll Ende des Jahres starten


"Zukunftsprognosen lassen sich aus den Zeitreihen allerdings nicht ableiten", warnen die Verfasser der Studie vor überzogenen Erwartungen. Vor allem auf der U 1 sehen sie durchaus noch Steigerungsmöglichkeiten. Sobald zum Beispiel auf dem Quelle-Areal neues Leben einzieht, dürfte sich das auch in den U-Bahn-Zügen bemerkbar machen. Und ausgereizt ist das Potenzial auf der Linie noch nicht, zum Beispiel könnten die Bahnen in dichterem Takt rollen.

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Mögliche Netzerweiterungen und –ergänzungen beurteilen die Verkehrsforscher unterschiedlich. Eine Schlüsselrolle spielen die Richtlinien für eine Förderung durch Bund und Land. Sollten einige Rahmenbedingungen geändert werden – worüber auf politischer Ebene diskutiert wird – könnte das einigen Projekten neuen Schub verleihen.

Was ist mit dem Marienberg?

Zum Beispiel einem möglichen Ast der U2 von der Hohen Marter nach Eibach und vor allem einer Verlängerung bis an den Westrand von Stein. Schon mehrfach ins Auge gefasst, endeten alle bisherigen Untersuchungen mit einer Enttäuschung: Der erforderliche positive Kosten-Nutzen-Faktor war nicht in Sicht. Unter anderen Vorzeichen, also bei einer Neufassung der sogenannten Standardisierten Bewertung, könnte das besser aussehen – wenn nämlich nicht nur die Teilstrecken in die Rechnung einbezogen werden und der Rahmen breiter gefasst wird.

In erreichbarer Nähe sieht Intraplan den "magischen" Kosten-Nutzen-Indikator von 1,0 auch am Marienberg, also für einen zusätzlichen Halt auf der U2 auf halber Strecke zwischen Ziegelstein und Flughafen. Die Voraussetzung: In dem dort angepeilten neuen Quartier müssten insgesamt um die 10.000 Bewohner und Beschäftigte eine Bleibe oder einen Arbeitsplatz finden – eine Dimension, die allerdings umstritten ist.

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Allerdings waren die Voraussetzungen für eine solche zusätzliche Station bereits beim Bau der Strecke zum Flughafen geschaffen worden, die Nachrüstung wäre also zu vergleichsweise überschaubaren Kosten zu realisieren, zumal trotz des zusätzlichen Halts kein zweigleisiger Ausbau der Strecke nötig wäre.

Wetzendorfer sollen Bus fahren

Schlecht stehen die Aktien für eine Verlängerung der U 3 im Nordwesten um 1,2 Kilometer Richtung Wetzendorf: Selbst bei optimistischen Annahmen zu einer rundum bequemen Erreichbarkeit eines dortigen U-Bahnhofs und also entsprechend hoher Attraktivität bestehe "nicht im Entferntesten eine Aussicht auf Förderwürdigkeit", heißt es in dem Gutachten für die Stadträte.

Das Fahrgastpotenzial gilt bei voraussichtlich knapp 6000 Bewohnern in dem gut 40 Hektar großen Entwicklungsgebiet als zu schwach, um die auf 70 Millionen Euro geschätzten Investitionen zu rechtfertigen. Von einer Verknüpfung mit der Ringbahn, für deren Reaktivierung sich ÖPNV-Aktivisten stark machen, versprechen sich die Gutachter schon gar keinen nennenswerten Gewinn. Für die Bürger im Stadtteil bedeutet das unterm Strich: Ihnen bleibt nur eine Anbindung ans Busnetz – oder sie steigen für den Weg zur U-Bahn aufs Fahrrad.

Auch die Blütenträume von einer zusätzlichen U-Bahn-Station etwa mit der Bezeichnung "Technische Universität" zwischen Hasenbuck und Bauernfeindstraße lassen die Gutachter erst einmal platzen: Durch die geplante Straßenbahnverlängerung von der Tristanstraße zur Brunecker und Bauernfeindstraße (und möglicherweise noch weiter Richtung Klinikum Süd) sehen sie das neue Viertel auf dem ehemaligen Südbahnhof-Gelände mit der künftigen Technischen Universität ausreichend erschlossen.

Als Option hat und will sich die Stadt eine mögliche Verknüpfung mit der U-Bahn durch einen zusätzlichen Bahnhof zwar offen halten. Aber nach Einschätzung der Verkehrsplaner fiele der mögliche Nutzen für die neu zu gewinnenden Fahrgäste weniger ins Gewicht als die Zeitverluste für alle anderen Nutzer der U 1 – und das sind täglich mehr als 40 000. Deshalb hätte die Stadt keine Aussicht auf Fördermittel – und allein aus eigener Kraft würde sie sich die Station an der Brunecker Straße kaum leisten können und wollen.

Allenfalls für die Straßenbahn kommen schließlich Tunnelabschnitte auf der einstmals als "U 4" geplanten Strecke vom Plärrer durch die Südstadt und St. Peter hinüber nach Zerzabelshof in Frage.

Wolfgang Heilig-Achneck

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