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Falsche Polizisten ergaunern am Telefon 1,2 Millionen Euro

Zahlreiche Betrugs-Anrufe im Jahr 2020 in Mittelfranken - 25.03.2021 20:11 Uhr

„Hallo, hier spricht die Polizei!“ Falsche Beamte rufen wieder häufiger ältere Bürgerinnen und Bürger an, um an ihr Erspartes zu gelangen. Die Kriminalstatistik verzeichnet einen Anstieg von solchen betrügerischen Anrufen.
 

22.05.2020 © Symbolfoto: Julian Stratenschulte, dpa


Noch nie habe sie tagsüber eine Beruhigungstablette nehmen müssen. Jetzt war sie nötig. Doris L. hat einen Anruf erhalten. Auf dem Display stand: 110. Es war einer der Anrufe, vor denen die Polizei in aller Regelmäßigkeit warnt. Dahinter stecken Trickbetrüger, die sich als Polizisten ausgeben. Die Anrufer sprechen astreines Deutsch, sitzen aber in einem sogenannten Callcenter im Ausland, meist in der Türkei.
Der angebliche Beamte warnt L., dass ihr Geld auf der Bank nicht mehr sicher sei. Er sagt, dass in ihrer Straße vier Männer eine Frau überfallen hätten, zwei der Täter seien der Polizei ins Netz gegangen. Bei ihnen habe man die Adresse von L. sowie ihre Telefonnummer gefunden. Es gebe auch eine Verbindung zu Mitarbeitern ihrer Bank, die mit den Tätern unter einer Decke steckten.

„Der Anrufer hat mich so unter Druck gesetzt. Wenn ich nicht kooperiere, dann sei mein Geld weg“, sagt L. Sie war verunsichert. Schließlich überwog die Skepsis, sie ging nicht darauf ein. Als sie anschließend bei der echten Polizei anrief, war es klar: Die ganze Geschichte war erlogen.

Ehepaar übergab 50.300 Euro an falsche Polizisten

Eine altbekannte Masche – sie funktioniert aber leider immer wieder, wie Zahlen aus dem aktuellen Sicherheitsbericht des Polizeipräsidiums belegen. Insgesamt sind 2020 die Straftaten in Mittelfranken zwar zurückgegangen – im Jahresvergleich um 6,5 Prozent. Allerdings trifft das nicht auf alle Bereiche zu. Beim Phänomen „Callcenter-Betrug Falsche Polizeibeamte“ ist der Trend gestiegen.

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Registrierte das Präsidium Mittelfranken 2019 noch fünf Fälle, so waren es im vorigen Jahr 26. Entsprechend hoch ist auch der Schaden. 2019 lag er bei 270.000 Euro, im vergangenen Jahr verloren betrogene Bürgerinnen und Bürger ein Gesamtvermögen in Höhe von 1,2 Millionen Euro. Dazu zählen Bargeld, Goldmünzen, Goldbarren und Schmuck.

Polizei hatte Abholerin auf dem Schirm

So wurde nach Angaben der Polizei am 14. Juli 2020 ein älteres Ehepaar aus Nürnberg-Moorenbrunn Opfer eines solchen Callcenter-Betrugs. Dabei ergaunerten die Kriminellen Bargeld und Schmuck im Wert von rund 50.300 Euro. Ähnlich wie Doris L. erhielt auch das Ehepaar einen Anruf von falschen Polizisten. Aus Angst um ihr Vermögen gingen die Senioren auf die „Kooperation mit der Polizei“ ein. Eine Frau holte das Geld und den Schmuck ab.
Die Polizei hatte die 23-jährige Abholerin aus Kösching bereits auf dem Schirm. Doch noch ehe die Überwachung anlief, schlug sie im Auftrag der im Ausland sitzenden Täter am 20. Juli in Rosenheim erneut zu: Ein 76-Jähriger übergab ihr Gold im Wert von über 100.000 Euro.

Frau und Kinder verbarrikadierten sich in der Wohnung

Drei Tage später klingelte das Telefon bei einer 33-Jährigen in Roth. Die Anrufer schüchterten die Frau so ein, dass sie sich mit ihren Kindern in ihrer Wohnung verbarrikadierte und zwei Stunden lang ausharrte, bis ihr Ehemann nach Hause kam. Geld und Wertgegenstände hatte sie zuvor der 23-Jährigen Abholerin übergeben.

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Dann gelang den Fahndern ein Erfolg: Polizisten stoppten das Fluchtfahrzeug der 23-Jährigen an der bayerisch-hessischen Grenze. Bei der Festnahme hatte sie die Beute aus Roth dabei. Weitere Ermittlungen in Zusammenarbeit mit dem LKA Schleswig-Holstein ergaben, was mit der Beute hätte passieren sollen: Die geständige Frau sollte sie einem 20-Jährigen aus Celle übergeben, der die Beute dann in die Türkei hätte schaffen sollen. Auch dieser Mann wurde festgenommen. In der Vernehmung gab der 20-Jährige zu, bis dato 30 derartige „Botendienste“ in die Türkei ausgeführt zu haben. Die Gesamtschadenssumme: rund zwei Millionen Euro. Er und die 23-Jährige sitzen seitdem in U-Haft.

Täter sind "unglaublich geschickt"

Die Polizei setzt auf Prävention. „Tatsächlich warnen wir schon seit längerem intensiv vor den Betrugsmaschen am Telefon. Unser Präsidium hat dazu im vergangen Jahr eine umfangreiche Präventionskampagne initiiert“, sagt Polizeisprecher Stefan Bauer. In Video-Clips, die im VAG-Fahrgast-TV sowie im Impfzentrum in der Nürnberger Messe laufen, wird auf die Gefahren hingewiesen.
Die Betrüger sind laut Bauer „unglaublich geschickt und redegewandt“. Sie seien auf mögliche Zweifel der potentiellen Opfer vorbereitet. „Um den Senioren keine Möglichkeit zu geben, über die Angelegenheit ,in Ruhe‘ nachzudenken und sich bei Dritten rückzuversichern, setzen die Täter sie unter Druck und versuchen das Telefonat ständig aufrechtzuerhalten.“

Spur führte in die Türkei

Was kann man tun? Bauer empfiehlt, einen möglichen Kontakt zwischen den Betrügern und potentiellen Opfern von vorne herein zu verhindern. „Hilfreich wäre, wenn Senioren ihre Rufnummer aus dem Telefonbuch streichen lassen. Soweit möglich können auch technische Sperren helfen – etwa die Sperrung von Auslandstelefonaten in der eigenen Telefonanlage.“

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Die Spur führt die Ermittler oft in die Türkei. Die Zusammenarbeit mit den dortigen Behörden ist aber nicht immer einfach. „Ermittlungen gegen international agierende Täter gestalten sich immer schwieriger. Das zeigt sich schon bei der Notwendigkeit eines internationalen Rechtshilfeersuchens mit dem zugehörigen Aufwand, etwa die Übersetzung der deutschen Unterlagen“, so Bauer.

Schlag gegen eine Betrüger-Bande

Doch im vergangenen Dezember führte die Zusammenarbeit zum Erfolg. Den türkischen Behörden gelang in einem großangelegten Ermittlungsverfahren ein Schlag gegen eine Callcenter-Bande, die ihren Sitz in Izmir hatte. „Über 33 Personen wurden festgenommen“, heißt es in einem Polizeibericht. Die türkischen Ermittler durchsuchten 48 Wohnungen und Geschäfte. Sie stellte 1,5 Millionen Euro Bargeld, fünf Kilogramm Gold, drei Hotels, 87 Luxuswohnungen und Büros sowie hochwertige Luxusfahrzeuge im Gesamtwert von 105 Millionen Euro sicher.

Bleiben die Menschen hierzulande mit 110-Anrufen jetzt verschont? Die Polizei geht nicht davon aus. Das halte Täter in anderen Callcentern nicht davon ab, nach einer kurzen „Schockstarre“ weiterzumachen. In der Zwischenzeit hätten sich in der Einsatzzentrale der Polizei wieder Bürgerinnen und Bürger gemeldet, die von solchen betrügerischen Anrufen berichteten. Stefan Bauer: „Erst Anfang des Monats hat es wieder eine Welle gegeben mit einem erkennbaren Schwerpunkt in Cadolzburg.“


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