Führung zu Wirkungsstätten des Denkmalpflegers Julius Lincke

2.7.2009, 00:00 Uhr
Die alten Arkaden des Kreuzigungshofes im Heilig-Geist-Spital ließ Julius Lincke nach Jahrhunderten wieder öffnen. Heute drängen sich hier zum Beispiel während des Bardentreffens die Menschen.

© Fengler Die alten Arkaden des Kreuzigungshofes im Heilig-Geist-Spital ließ Julius Lincke nach Jahrhunderten wieder öffnen. Heute drängen sich hier zum Beispiel während des Bardentreffens die Menschen.

Julius Lincke wurde am 6. Juli 1909 bei München geboren und nach seinem Diplom bei German Bestelmeyer 1933 ins Landbauamt nach Nürnberg geschickt, wo er maßgeblich an der Wiederherstellung der Kaiserburg beteiligt war. Dann wechselte er in das Städtische Amt für Denkmalpflege, dessen Leiter er von 1937 bis 1945 war. Hier war er auch für den Kunstluftschutz verantwortlich. Nach dem Krieg war er als freier Architekt mit bedeutenden Wiederaufbauprojekten betraut und arbeitete bis zu seinem Tod 1991 ehrenamtlich bei den Altstadtfreunden.

Aus allen drei Schaffensperioden haben sich zahlreiche Zeugnisse erhalten, die das Stadtbild prägen. Beginnen wir unseren Rundgang, bei dem manch wichtiges Werk nicht berührt werden kann, bei der Burg. Die Brücke des Vestnertores ist bereits eine Arbeit Linckes: Nachdem die alte Brücke 1887 durch eine Betonkonstruktion ersetzt worden war, wurde 1937 wieder eine Holzbrücke geschaffen, die das alte Bild wiederaufleben ließ.

Die Burg selbst, an der Linckes Arbeit in Nürnberg ihren Anfang nahm, behielt trotz Zerstörung im Wesentlichen ihre alte Ausstattung, weil diese durch das Denkmalamt im Krieg ausgelagert worden war.

Wenden wir uns nun der Kaiserstallung zu. Ebenso wie bei zwei weiteren Bauwerken, dem Heilig-Geist-Spital und dem Spießhaus, hatte der Architekt hier sowohl die Wiederherstellung vor dem Krieg, als auch den Wiederaufbau nach der Zerstörung zu meistern. Bereits bis 1938 hatte er die Kaiserstallung restauriert und als Jugendherberge ausgebaut, wobei auch umfangreiche Arbeiten an der Fassade durchgeführt wurden. Nach der Zerstörung wurde sie bis 1952 wieder hergestellt. Gekrönt wurden diese Arbeiten mit dem Wiederaufbau des völlig verschwundenen Turmes Luginsland, der sich seit 1955 wieder über der Stadt erhebt. Ohne Lincke gäbe es ihn wohl nicht.

Unten in der Stadt grüßt von der Burg noch einmal der warme Farbton des Sandsteines. Dieser wurde von Lincke erst 1938 unter einer bräunlichen Putzschicht freigelegt.

Eine weitere Arbeit des Denkmalamtes war die Freilegung des Fachwerkes am Pilatushaus um 1939. Vorbei am Ziehbrunnen (Mitarbeit an der Rekonstruktion 1980) fällt der Blick auf die Obere Schmiedgasse 52.

Hier waren ab 1940 die wichtigsten Kunstschätze vor den feindlichen Angriffen geschützt. Die Glasfenster der Kirchen, der Engelsgruß, aber auch die Reichskleinodien und vieles Andere haben hier die Zerstörungen unbeschadet überstanden. Auch das Stadtmodell von 1940 war hier verwahrt. Lincke befürchtete bereits damals, «dass wir einmal um das Modell sehr froh sein würden». Im Vorübergehen werfen wir einen Blick auf den schönen Dacherker des Hauses Untere Krämersgasse 14 aus dem Jahr 1982. Entwurf und Ausführung lag in den Händen von Julius Lincke.

In der Burgstraße begrüßt uns das Hauszeichen des Greifen. Auch bei dessen Anbringung konnten die Altstadtfreunde 1984 auf Linckes Mitarbeit rechnen. Am gegenüberliegenden Fembohaus ließ Lincke als Leiter des Denkmalamtes vor dem Krieg den Giebel sanieren. Auch die wuchtige Stuckdecke von Donato Polli im Hausinneren verdankt ihre heutige Farbgebung dieser Sanierung, während sie zuvor braun getüncht war.

Bergab laufend erreichen wir die Sebalduskirche. Neben der Erneuerung der Fialen vor dem Krieg sei erwähnt, dass wohl weder das Schreyer-Landauersche Grabmal, noch das Sebaldusgrab ohne Kunstluftschutz unbeschädigt geblieben wären.

Am gegenüberliegenden Rathaus wurden unter Linckes Leitung in den 30er Jahren verschiedene Arbeiten durchgeführt. So geht die heutige Gestaltung der Ehrenhalle auf diese Umbauten zurück. Hinzu kamen noch die Restaurierung des Rathaussaales 1936 und der Einbau und die Ergänzung historischer Vertäfelungen.

Während noch 1940 eine alte Vertäfelung angebracht wurde, begann kurz darauf bereits der Ausbau und die Bergung dieser Teile. Bei den eingelagerten Teilen, die wieder eingebaut werden konnten, sei die Kassettendecke des kleinen Rathaussaales hervorgehoben, während die ebenfalls erhaltene Vertäfelung leider bis heute nicht wieder eingebaut wurde.

Linckes besonderes Anliegen war im Rathaus vor allem die Wiederherstellung des Saales, dessen Außenbau bereits 1958 vollendet war. Hier hat er die Bestrebungen zum Wiederaufbau maßgeblich vorangebracht und nahm 1978 den Sitz, der den Altstadtfreunden zugestanden wurde, in der Aufbaukommission ein.

1970 erfolgte der Beschluss des Stadtrates zum Wiederaufbau des Rathaussaales in der alten Form. Im folgenden Jahr wurde bereits mit dem Einbau der Holztonnendecke begonnen. Während der Rathaussaal in seiner Architektur und Ausstattung heute fertig gestellt ist, fehlt bis jetzt leider die Neuausmalung die ein unverzichtbarer Bestandteil der Dürerschen Umgestaltung des Saales ist.

Vorbei am Schönen Brunnen und Westchor der Frauenkirche (beide unter Lincke mit einer Schutzummauerung vor der Zerstörung bewahrt) überqueren wir die Pegnitz auf der Museumsbrücke und blicken auf das Heilig-Geist-Spital. Bereits bei der Sanierung 1939 musste Julius Lincke das einsturzgefährdete Chörlein abbauen und entschloss sich, den Neuaufbau nicht als Kopie des alten Stumpfes, sondern als Wiederherstellung des auf zahlreichen Stichen belegten Originalzustandes durchzuführen.

Als er nach dem Krieg mit dem Wiederaufbau des Komplexes betraut war, prägte er das Bild des Spitales wiederum entscheidend, indem er u.a. die alten Arkaden des Kreuzigungshofes nach Jahrhunderten wieder öffnete. Auch der Erhalt der Außenwand der Spitalkirche zum Hans-Sachs-Platz wäre ohne ihn kaum denkbar gewesen.

Zum Abschluss betrachten wir mit St. Lorenz sein vielleicht wichtigstes Werk. Hier begann Lincke bereits 1945 als freier Architekt den Wiederaufbau der Kirche. Sie war 1945 in großen Teilen zerstört. Immerhin hatte man das Sakramentshaus und das Portal durch Ummauerung retten können. Es gelang das schier Unmögliche: Aus den Trümmern wuchs in der unfassbaren Zeit von nur sieben Jahren wieder eine Kirche. Lincke schuf mit ihr kein zweifelhaftes, zeitgeistiges Gemenge von Alt und Neu.

So hat er zum Beispiel die fehlenden 50 Meter der Maßwerkbrüstung wiederhergestellt wie sie waren und nicht wie von einem Denkmalschützer vorgeschlagen als eiserne Stabbrüstung. Ein Mitarbeiter sagte: «Er hat kein eigenes Werk schaffen, sondern die Lorenzkirche wiederherstellen wollen».

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