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Geschwister aus Franken kurz vor Abschluss abgeschoben

Drei Geschichten zeigen: Nicht jede Familie ist vom Grundgesetz geschützt - 03.05.2019 05:07 Uhr

Immer wieder gehen Abschiebeflüge auch in Länder, die Experten nicht als sicher bezeichnen. © Daniel Maurer/dpa


Lalshin I. lebt im Hotel. Eine Glastüre öffnet sich automatisch, der Zettel am Eingang ist unmissverständlich: "Anordnung: Ruhezeit ab 22 Uhr ist einzuhalten." Die junge Frau wartet unterm Hotelbaldachin, flankiert von mannshohen Koniferen. Jeanshemd, lange braune Haare, die Ärmel ihres Pullis hat sie bis zu den Fingerknöcheln vorgezogen, als wollte sie möglichst wenig von sich herzeigen. Sie sieht verloren aus. Sie hat ihre Familie verloren.

Ehe und Familie stehen unter dem Schutz des Staates, sagt das Grundgesetz. Trotzdem werden in Deutschland Eltern und Kinder auseinandergerissen, Paare getrennt, Tausende Kilometer voneinander entfernt. Niemand weiß, ob sie sich je wiedersehen werden, sie sind Flüchtlinge, die nicht bleiben dürfen.

Lalshin I. lebt in einer Muggenhofer Flüchtlingsunterkunft, die einmal ein Hotel war.


Das hat auch Lalshin I. getroffen. Ihr Vater ist nach Syrien zurück, zwei jüngere Brüder wurden zwangsweise nach Bulgarien gebracht. Kein Einzelschicksal. Ein Mann, dessen Frau mit den drei Kindern gerade in den Iran abgeschoben wurde, blieb fassungslos zurück. Zu ihm später mehr.

Keine Ausbildungserlaubnis

"Appart Hotel Tassilo" steht noch über dem Eingang des leicht heruntergekommenen Gebäudes in Muggenhof, das jetzt Flüchtlingsunterkunft ist. Hier lebt Lalshin, oder besser: Hier quält sie sich durch die Tage, untätig, hoffnungslos, alleine. Ihre Lehre als Arzthelferin hat sie vor über einem Jahr abbrechen müssen, weil ihr die Ausbildungserlaubnis plötzlich entzogen wurde (wir berichteten).

Gibt es einen Pass? Fehlen Ausweispapiere? Nimmt das Herkunftsland die Menschen zurück? Vieles entscheidet über bleiben dürfen oder gehen müssen. Lalshins Mutter und ein Bruder leben zwar noch in derselben Stadt wie sie — und sind doch unendlich weit weg. In ihrer zentralen Unterkunft darf man sie nicht besuchen. Jeden Tag können sie nach Bulgarien abgeschoben werden, wo die Familie 2014 zum ersten Mal Asyl beantragt hat. Die Mutter ist schwer depressiv, außerdem müsste sie operiert werden. Das wurde abgelehnt.

Geflohen vor der Gewalt des IS, des Islamischen Staates, ist diese Familie in Nürnberg binnen drei Jahren in die Brüche gegangen. Der Vater ertrug den Druck nicht mehr und kehrte nach Syrien zurück. Der Kontakt ist abgerissen. Zwei 18 und 19 Jahre alte Brüder, der ältere geistig behindert, wurden 2017 nach Bulgarien abgeschoben, das Land, in dem die Familie zuvor acht Monate lang auf der Straße leben musste. Den Brüdern gehe es schlecht, sagt Lalshin I., manchmal könne sie ein paar Euro schicken. "Lieber tot als wieder dorthin", hat sich die 24-Jährige geschworen.

Entspannter Familienausflug an die Pegnitz: Die Zwillinge Armin und Arasch, ihre Schwester Yalda mit einem Freund am Flussufer. Sie mussten zurück in den Iran. © privat


In einer Flüchtlingsunterkunft im Norden Nürnbergs blättert ein Vater aus einem anderen Land in einem roten Ordner. Ein Zeugnis in einer Klarsichtfolie zieht er heraus. "Yalda, eine ehrgeizige, vielseitig interessierte Schülerin, war in ihrer zielstrebigen und dabei hilfsbereiten Art in der Klasse anerkannt", steht über dem hervorragenden Noten der 16-Jährigen, die jetzt 4500 Kilometer entfernt im Iran lebt.

Kurz vor der Mittleren-Reife-Prüfung an der Geschwister-Scholl-Realschule ist das Mädchen mit seinen 14-jährigen Zwillingsbrüdern und der Mutter abgeschoben worden. Morgens um vier hätten zwölf Polizisten mit Schilden geklopft, nicht mal Kleidung hätten die vier einpacken dürfen. Mohssen Mohammadi-Gawnaroudi (53) legt den Ordner weg, stützt den Kopf in die Hände.

Der Mann ist am Boden. "Papa, meine Zukunft ist kaputt", sage ihm die weinende Tochter am Telefon. Sie wollte Abi machen, studieren. Yalda sei jeden Morgen um fünf Uhr aufgestanden, um zu lernen, erzählt Mohammadi-Gawnaroudi. "So eine Schülerin", sagt Lehrer Erich Treutlein über Yalda, "hat man nur alle zehn Jahre." Auch Arash und Armin, die Jungs, wollten weiterkommen und demnächst den Quali an der Preißlerschule machen. Das ist vorbei.

Monatelang im Gefängnis

Dieser Fall überschreite "die Grenze der Humanität" weit, schreibt der Frankfurter Anwalt der Familie und verweist — auf das Grundgesetz. In Teheran werden Angehörige der religiösen Minderheit der Bahai verfolgt, ihre Kinder dürfen keine Schule besuchen. Die Mohammadi-Gawnaroudis sind Bahai, der Familienvater saß deshalb monatelang im Gefängnis. Geglaubt hat man ihm das in Deutschland nicht, der Asylantrag der Familie wurde abgelehnt. Weil der Vater keinen gültigen Pass hat, konnte er nicht abgeschoben werden.

Mohssen Mohammadi-Gawnaroudi blieb alleine zurück. © privat


Seine Frau sei bei der Rückkehr in Teheran sofort verhaftet worden. Angehörige hätten sie nach Wochen freikaufen müssen. Der Zurückgebliebene geht in dem kahlen Zimmer zum Regal. Yaldas Duden ist noch da, daneben selbst gekaufte Übungshefte, die sie zurückließ. Auf dem Schrank türmen sich Koffer voller Kleidung, der Vater trägt jetzt die Turnschuhe seiner Söhne auf.

Zurück ins "Appart Hotel Tassilo". Jede Nacht liegt die 24-jährige Lalshin I., die der in Syrien verfolgten Minderheit der Jesiden angehört, hier in Zimmer 402 neben einer wildfremden Frau im Bett. Es ist, wie die meisten Räume in dem Ex-Hotel, ein Doppelzimmer. Tagsüber müssen beide die Enge in dem 15-Quadratmeter-Raum ertragen, in dem Wäscheständer, Essensvorräte und zwei Metallspinde stehen. Nachts dann die erzwungene Nähe, Körper an Körper.

Im abgedunkelten Computerraum, dem einzigen Ort, an dem ein ungestörtes Gespräch möglich ist, hängen riesige Ansichten der Nürnberger Altstadt an der Wand. Wo früher Touristen aus aller Welt gefrühstückt haben, sitzt jetzt die junge Syrerin mit hängenden Schultern. Sie habe, sagt sie, von einem Job im Altenheim gehört. Es klingt nicht, als glaube sie daran. Fünf Jahre ist Lalshin I. jetzt in Nürnberg. "Ich bin keinen Schritt vorwärtsgekommen. Ich bin total kaputt."

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