Hilfe per Video oder Mail

2.2.2021, 17:00 Uhr
Onlineberaterin Marlies Engelhardt – hier an ihrem Arbeitsplatz in der Beratungsstelle Zentrum Kobergerstraße – ist für die Distanzberatung speziell geschult worden.

Onlineberaterin Marlies Engelhardt – hier an ihrem Arbeitsplatz in der Beratungsstelle Zentrum Kobergerstraße – ist für die Distanzberatung speziell geschult worden. © Foto: Zentrum Kobergerstraße

In Fachkreisen spricht man von "blended counseling", zu deutsch "gemischte Beratung". Gemischt deshalb, weil dabei unterschiedliche Formen von Präsenz- und Distanzberatung miteinander verknüpft werden. Etwa das persönliche Gespräch vor Ort und das Austauschen per Mail oder Videochat. Dieses Konzept gibt es nicht erst seit Corona, die Umsetzung hat die Pandemie aber vielerorts beschleunigt. So auch im Zentrum Kobergerstraße im Nürnberger Norden, einer staatlich anerkannten Beratungsstelle für Schwangerschaftsfragen sowie Beratungsstelle für Schwangere, Eltern und Kinder.

Marlies Engelhardt arbeitet dort als Systemische Beraterin und Onlineberaterin. Die Diplom-Sozialpädagogin beschäftigt sich schon lange mit den Möglichkeiten von blended counseling und sieht viele Vorteile. Sie betont: "Distanzberatung ist nicht die Notlösung für die Coronazeit. Es ist keine Beratung zweiter Klasse."

Die Vorstellung, dass gute Beratung nur dann stattfinden könne, wenn man sich persönlich gegenüber sitzt, sei falsch. Manche fühlen sich auf anderen Kommunikationswegen wohler. "Es ist eine Typsache", meint die Leiterin des Zentrums, Barbara Schuster. "Einigen fällt es zum Beispiel leichter, zu schreiben, sie können jetzt auch mitten in der Nacht aus einer konkreten Situation heraus eine Anfrage stellen". Die Antwort der Beraterin erfolgt zwar nicht unmittelbar, aber "allein das Schreiben erleichtert schon und ist Reflexionsprozess", so Marlies Engelhardt.

Online oder persönliche Beratung: Klienten entscheiden

Oft sind es auch ganz pragmatische Gründe, warum Klienten die Distanzberatung zu schätzen wissen. Etwa weil sie weiter weg wohnen, niemanden für die Kinderbetreuung organisieren müssen oder eben aktuell wegen Corona direkte Kontakte vermeiden. "Wir erreichen damit auch Menschen, die ansonsten vielleicht keine Beratung in Anspruch nehmen würden oder könnten", ist Engelhardt überzeugt.

Ob per Video-Unterhaltung oder im Chat: Die Klienten können sich aussuchen, auf welchem Weg sie Rat suchen wollen.

Ob per Video-Unterhaltung oder im Chat: Die Klienten können sich aussuchen, auf welchem Weg sie Rat suchen wollen. © Foto: Zentrum Kobergerstraße

Entscheidend bei blended counseling ist, dass man nicht auf einen Kommunikationskanal festgelegt ist, das Setting kann je nach Bedarf und Wunsch der Klienten geändert werden. Fragen zum Elterngeld lassen sich beispielsweise gut schriftlich formulieren und anschließend in einem Videochat beantworten. Über Sorgen und Ängste in der Schwangerschaft zu sprechen, fällt einigen Frauen leichter per Telefon, andere brauchen den direkten Kontakt vor Ort, manche wiederum scheuen diesen und suchen anonym via Mail Rat – alles ist möglich.

Das Besondere im Zentrum: Auch wenn Präsenz- und Distanzberatung sich abwechseln, die Klienten werden stets von der gleichen Beraterin betreut, was in größeren Einrichtungen häufig voneinander getrennt organisiert ist. "Das ist wichtig für den Beziehungsaufbau", sagt Engelhardt. Sie berichtet von einer Klientin, die sie während der Schwangerschaft über einen längeren Zeitraum begleitet und zu praktischen wie emotionalen Themen über unterschiedliche Kanäle beraten hat. "So ist eine solide beraterische Beziehung entstanden. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass sie sich wieder meldet, wenn etwa nach der Entbindung neue Fragen entstehen."

Berater müssen auch zwischen den Zeilen lesen können

Alle Beraterinnen im Zentrum Kobergerstraße sind speziell für die Anforderungen von Distanzberatung geschult. Denn klar ist: Ein Videochat ist nicht gleichzusetzen mit einem direkten persönlichen Gespräch, bei dem mehr Körpersprache zum Ausdruck kommt. In der schriftlichen Kommunikation fehlen Mimik und Gestik ganz, die Beraterinnen müssen Texte genau und auch zwischen den Zeilen zu lesen verstehen, sowie Antworten ihrem jeweiligen Gegenüber entsprechend formulieren können.

Die digitalen Beratungen erfolgen alle ausschließlich über spezielle Software und gesicherte Server, die den Datenschutz gewährleisten. Ratsuchende müssen dafür keine gesonderten Apps oder Programme herunterladen. Rund 200 Videoberatungen hat das Zentrum Kobergerstraße zwischen Ende März 2020 und Mitte Januar dieses Jahres durchgeführt. Auch bei der Mailberatung sind die Anfragen gestiegen.

Die Resonanz der Klienten sei durchweg positiv, berichtet Barbara Schuster. Ein Vater, den Marlies Engelhardt nie persönlich kennengelernt, sondern ausschließlich per Mail beraten hat, schrieb ihr: "Durch das Schreiben und Ihre Antworten habe ich gemerkt, dass ich mich auf meine Gefühle verlassen kann. Das hilft mir auf jeden Fall schon weiter."

Weitere Informationen auf der Internetseite des Zentrums unter: www.zentrum-koberger.de sowie auf Instagram unter: www.instagram.com/zentrum_kobergerstrasse

Keine Kommentare