Höllenlärm: So geht es den Anwohnern am Frankenschnellweg

23.3.2021, 05:46 Uhr
Gärteln an der Schnellstraße: Nur eine dünne Lärmschutzwand trennt den Frankenschnellweg von den Anwohnern Osman und Serife Simsek, die neben ihrer Wohnung in der Speyerer Straße in der Südstadt nahe des Herrschelplatzes gerade ein paar Steckzwiebeln in die Erde bringen.

Gärteln an der Schnellstraße: Nur eine dünne Lärmschutzwand trennt den Frankenschnellweg von den Anwohnern Osman und Serife Simsek, die neben ihrer Wohnung in der Speyerer Straße in der Südstadt nahe des Herrschelplatzes gerade ein paar Steckzwiebeln in die Erde bringen. © Stefan Hippel, NNZ

Dunkle Erde liegt aufgehäuft auf einem schmalen Beet, daneben treibt die kleine Kirsche an. Direkt hinter ihr zieht sich eine gut 2,50 Meter hohe Stahlwand wie ein grauer Vorhang hoch. Serife Simsek hat ein Bündel Steckzwiebeln an die Seite gelegt. Als ihr Mann Osman ein Loch schaufelt, fördert er die Reste einer letztjährigen Staude zu Tage. Er hält die angefressenen Wurzeln gegen das Licht: "Maulwürfe!" sagt er, seine Frau seufzt wissend.

Mehr Unterhaltung geht nicht, denn die Simseks verstehen ihr eigenes Wort nicht. Hinter der Lärmschutzwand donnert der Verkehr über den Frankenschnellweg. Und fünf Meter neben dem kleinen Gärtchen in Gibitzenhof liegt der orangefarbene Wohnblock der städtischen WBG wie ein bunter Riegel, in dem die Simseks seit 1974 wohnen.

Osman hält seine Hände in die Luft und legt einen imaginären Hebel um: Auch wenn man das Fenster in der Wohnung schließe, müsse man sich anbrüllen. Das Geräusch dringt unaufhaltsam nach drinnen.

Dichte Fenster fehlen

Tochter Derya, die mit Mann und Kind ebenfalls in der Anlage lebt und hier geboren wurde, wünscht sich, dass endlich Abhilfe kommt. Schallschutzfenster seien schon lange versprochen, nie habe man sie erhalten. Vielleicht helfe ja der Tunnel, in dem die Autos und vor allem der ratternde Lkw-Verkehr verschwinden soll, meint sei. Von den Ausbauplänen hat sie gehört. Doch überzeugt klingt sie nicht.

"Die Tanne schluckt ein wenig Autogeräusche", sagt Oskar Stöcklein-Rieber (rechts), der im Stadtteil Ley sein Häuschen am Frankenschnellweg hat. Nachbar Abdi Sarica vermisst eine taugliche Lärmschutz-Vorrichtung, die die Stadt den Bürgern schon vor 6 Jahren versprochen hat.  © Stefan Hippel, NNZ

Die Anwohner direkt an der Verkehrsachse sind genervt. "Solange ich den Baum habe, halte ich es noch aus", sagt Oskar Stöcklein-Rieber, der in der Herzogenauracher Straße im Stadtteil Ley wohnt. Er deutet auf seine meterhohe Blautanne, die am Ende des Rasens die mageren Schutzwände draußen entlang der Trasse überragt. Das Gewächs halte etwas von dem Sausen und Surren ab, das in seinen Garten dringt.

Schnee hilft

Am schönsten sei es im Winter, wenn es schneit, sagt der Senior, dann schlucke der weiße Belag allen Lärm, die Autos würden ohnehin langsam tun. "Die Röhre wäre das Beste", glaubt der gelernte Dreher. Dann lasse sich hier wieder gut leben.

Nachbar Abdi Sarica erzählt, dass die Stadt schon 2015 Glaslärmschutzwände angekündigt habe, passiert sei seitdem nichts. Vor allem der Lkw-Verkehr habe zugenommen, "oft riecht es furchtbar!", sagt der freundliche Rentner.

An der Rothenburger Straße rollt die Blechlawine unaufhaltsam  Richtung Süden. Hier an der Kreuzung mit dem Frankenschnellweg staut sich der Verkehr täglich. Beim geplanten kreuzungsfreien Ausbau würden die Autos im Tunnel verschwinden.

An der Rothenburger Straße rollt die Blechlawine unaufhaltsam  Richtung Süden. Hier an der Kreuzung mit dem Frankenschnellweg staut sich der Verkehr täglich. Beim geplanten kreuzungsfreien Ausbau würden die Autos im Tunnel verschwinden. © Stefan Hippel, NNZ

Matthias Hetzel wohnt gegenüber. Klar sei er für den Ausbau der umtosten Magistrale, sagt er verschmitzt. Denn er ist aus seinem Homeoffice unter Dach heruntergekommen, in dem er gerade über Plänen sitzt - über denen des Frankenschnellwegs. Hetzel ist im Verkehrsplanungsamt beschäftigt und setzt sich sozusagen dienstlich wie privat dafür ein, dass es mit dem Großprojekt vorwärts geht.

Tunnel soll 1,8 Kilometer lang werden

Der damalige Innenminister Günther Beckstein, ein Nürnberger, habe in den 1990er Jahren die Tunnellösung ins Spiel gebracht, weiß Hetzel, um die vielen Fahrspuren ober- wie unterirdisch zu bündeln. Seitdem hätten sich die Planungen ständig geändert, statt einen halben Kilometer soll der Tunnel nun 1,8 Kilometer lang werden und die Fahrzeuge verschlucken. Ob er wirklich gebaut wird? Warten wir es ab, sagt der Fachmann und verschwindet wieder in sein Büro.

Felix, 28 Jahre, ist aus dem Osten hergezogen und lebt jetzt bei der Freundin in der Knauerstraße in Gostenhof, die zwei Häuser weiter auf die nie ruhende Rothenburger Straße stößt. Hier biegen die Autos schier unaufhaltsam in den Schnellweg ein, hier fahren sie ab und schlängeln sich durchs Viertel. Die schlechte Luftqualität spüre er immer, wenn er auf den Balkon trete, berichtet Felix.

Doch die Ausbaupläne hält er für "Quatsch". In Zeiten des Klimawandels in den Straßenverkehr zu investieren, sei das falsche Signal. Lieber wäre es ihm, es gebe hier mehr Fahrradwege.

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