„Ich hatte nie Lust, mich selbst zu malen“

13.5.2014, 00:00 Uhr

© Eduard Weigert

SUSEMIHL

Ein eitler Geck im Stringtanga präsentiert seinen rundumtätowierten Körper vor einem Spiegel. Längst nicht der einzige schrille Vogel, den Ingeborg Leuthold auf Leinwand verewigte. Wer sich die Malerin ebenfalls exaltiert vorstellt, der täuscht sich. In der Galerie Atzenhofer sitzt eine kleine Frau im konservativen Outfit einer Chef-Sekretärin, die 2015 ihren 90. Geburtstag feiert. Um dies zu verdeutlichen: In Leutholds Geburtsjahr fand die Uraufführung von Charlie Chaplins „Goldrausch“ statt und das erste deutsche Kreuzworträtsel erschien in der „Berliner Illustrierten Zeitung“.

Leuthold wurde im thüringischen Auma geboren und absolvierte die Meisterschule für Textilindustrie in Plauen. Danach noch einmal kurz Auma, 1948 ging sie nach Berlin. „Ich hatte die Schnauze von dem Kaff voll“, sagt Leuthold lächelnd. In Berlin besuchte sie die Hochschule für bildende Künste und war Meisterschülerin bei Karl Schmidt-Rottluff, ein wichtiger Vertreter des Expressionismus. „Schmidt-Rottluff hat uns gewarnt: Macht angewandte Kunst, eure Bilder werdet ihr nicht verkaufen.“

Quasi die gesamten 60er Jahre lang habe sie von gestickten Wandteppichen gelebt. „Sticken ist wie malen mit Nadel und Faden“, unterstreicht Leuthold. Ihre exzessiv bunten Stillleben, die Kakteen im Botanischen Garten von Berlin und Menschen aus verschiedenen Milieus werden in der Galerie Atzenhofer präsentiert.

Arbeit in Serien

„Ich neige dazu, in Serie zu malen. Ein Bild kann, je nach meiner inneren Vorstellung, einen Tag oder vier Wochen zur Fertigstellung benötigen.“ Zeigst du mir dein Arschgeweih, zeig ich dir mein Oberarm-Tribal: 1985 entdeckte Leuthold ihr Faible für tätowierte Menschen. „Lange bevor es hierzulande einen Tattoo-Boom gab.“ Bilder, die unter die Haut gehen, gibt es schon seit Tausenden von Jahren. So zeigt die Mumie des vor gut 5300 Jahren verstorbenen „Ötzi“ 15 rudimentäre Tätowierungen und enttarnt ihn als frühen Fan von ewigem Körperschmuck.

Eine weitere Serie zeigt freizügige Bilder von fröhlich ausstaffierten Transvestiten, die Leuthold beim Christopher Street Day kennenlernte. Wieviele Bilder Leuthold in über 60 Jahren gemalt hat kann sie nicht einmal schätzen. Aber: Es gibt nur ein Selbsporträt. „Da sieht man mein Gesicht in einem zerdepperten Spiegel. Ich hatte nie Lust, mich zu malen.“

Am Samstag, 17. Mai, um 16 Uhr findet ein kostenloser Kurzvortrag mit anschließender Führung durch die Ausstellung statt. Verantwortlich zeichnet der Berliner Historiker und Autor Urban Kressin, der kürzlich ein Buch über Ingeborg Leuthold veröffentlichte und die Bilder der Malerin im Kontext der Entstehungszeit erklärt.

bis 8. Juni, Donnerstag–Sonntag von 13–18 Uhr. Galerie Atzenhofer, Maxplatz 46a.

www.galerieatzenhofer.de  

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