Inklusion: Arbeitnehmer mit Handicap brauchen mehr Chancen

3.1.2020, 08:18 Uhr
Auch in der industriellen Fertigung können – manchmal schon mit geringem Extraaufwand – Arbeitsplätze für Menschen mit einer Behinderung eingerichtet werden, wie hier bei der Montage von Motorklemmen.

Auch in der industriellen Fertigung können – manchmal schon mit geringem Extraaufwand – Arbeitsplätze für Menschen mit einer Behinderung eingerichtet werden, wie hier bei der Montage von Motorklemmen. © Foto: Matthias Kleindienst/Jobcenter Nürnberg

Nach den Erfahrungen der Arbeitsagenturen und Jobcenter hat die Scheu möglicher Arbeitgeber, Schwerbehinderten eine Chance zu geben, noch ganz andere Gründe: Zum einen fehlen oft Informationen, zum anderen wirken eher unbegründete Ängste als Hemmschuh. Deshalb wollen die Teams in beiden Institutionen, sowohl in den Reha-Abteilungen wie beim Arbeitgeber-Service verstärkt aufklären – und können dabei mit erweiterten Förder- und vor allem Weiterbildungsmöglichkeiten locken.

Dabei bringen nicht wenige Betroffene solide Kenntnisse mit. So hat zum Beispiel Thorsten B. (Name geändert) einen Abschluss als Systemelektroniker in der Tasche und auch erste Erfahrungen in einem Systemhaus gesammelt. Aber bei Bewerbungen bekommt er zu spüren, dass sich seine seelische Behinderung als Stigma auswirkt. Und mit inzwischen 38 Jahren hat er auch schon ein paar Jährchen mehr auf dem Buckel als Mitbewerber, die sich gleich nach der Schule für diesen Weg entscheiden konnten.

Dem Nürnberger war das lange verwehrt geblieben. Er hatte sich aus familiären Gründen und krankheitsbedingt lange mit Helfertätigkeiten in Lagern und beim Kommissionieren begnügen und über Wasser halten müssen. Erst beim Berufsförderungswerk (BFW) gelang ihm der große Schritt nach vorn. "Mein Traum wäre ein Job bei einem Spieleentwickler wie der US-Firma Valve", meint er. Ob er mit der Begeisterung und Leidenschaft auf diesem Gebiet punkten kann, wird sich zeigen. Auf eine Portion mehr Verständnis als andere bleibt er bei potenziellen Arbeitgebern angewiesen – gute Rahmenbedingungen mit Gleitzeit seien für ihn besonders wichtig, meint er.

Problem beginnt mit Förderschulen

Okan A. (im Rollstuhl) bei einem Termin im Jobcenter Nürnberg mit Ramon Strobel, der ihn als Integrationsfachkraft unterstützt.

Okan A. (im Rollstuhl) bei einem Termin im Jobcenter Nürnberg mit Ramon Strobel, der ihn als Integrationsfachkraft unterstützt. © Foto: Matthias Kleindienst/Jobcenter Nürnberg

Ebenfalls in den IT-Bereich strebt Okan A. "Das Problem fängt allerdings schon mit den Förderschulen an", bedauert der Rollstuhlfahrer. Denn mehr als der Mittelschulabschluss sei dort nicht vorgesehen. Und sein Blick wie seine feste Stimme unterstreichen seine Entschlossenheit, nebenher das Abitur zu erreichen – um schließlich auch ein Fernstudium abzuschließen. Beides ist nicht nur mit Bürokratie, sondern auch enormen Kosten verbunden. "Nicht die Behinderung ist das Problem, sondern das Drumherum", bekräftigt er. Allein die Fahrten zu den Veranstaltungen mit Anwesenheitspflicht – die ihm trotz der erschwerten Umstände nicht erspart bleiben, verlangen immensen Aufwand. Aber wenn das Recht auf Inklusion ernst genommen wird, müssten auch andere Fördermaßstäbe gelten, so Okan A., der parallel dazu auch auf Arbeitssuche ist.

Da können und sollen Beispiele wie das von Rebekka Rensch Mut machen: Beim Berufsbildungswerk Mittelfranken schaffte die inzwischen 22-Jährige den Abschluss als Fachpraktikerin Hauswirtschaft und fand nach einem Praktikum eine Anstellung beim Seniorendomizil Guttknechtshof in Stein – wo sie die erste Mitarbeiterin mit Schwerbehinderung ist. "Viele fürchten wohl, dass Menschen mit einem Handicap nur schwächere Leistungen erbringen und die Anforderungen und Erwartungen nicht erfüllen können", meint Einrichtungsleiter Hellmuth Everding und plädiert dafür, den Einzelfall anzusehen: "Ein paar Anpassungen der Arbeitsbedingungen reichen, damit sie mit Freude und Dankbarkeit dabei sind, wir sehen das als einen Gewinn für alle."


Nürnberger Café beschäftigt Menschen mit Behinderung


Dabei sind zahlreiche Fachdienste, die Unterstützung anbieten, auch Betroffenen noch zu wenig bekannt. Neben Reha-Betrieben wie Access oder dem gemeinnützigen Integrationsfachdienst gehört dazu vor allem "Ergänzende unabhängige Teilhabeberatung" (EUTB), die unter anderem gezielt darauf setzt, dass sich Menschen mit Behinderungen gegenseitig beraten und unterstützen.

Jeder neunte Arbeitssuchende mit Schwerbehinderung

Im Agenturbezirk Nürnberg – neben der Großstadt gehören dazu auch Schwabach und der Kreis Nürnberger Land – muss etwa jeder neuntegemeldete Erwerbslose mit einer Schwerbehinderung zurechtkommen – im November waren das insgesamt knapp 2000 von gut 17.000 Frauen und Männern. Doch während die Zahl der "erwerbsfähigen Leistungsberechtigten", wie das im Jobcenter-Jargon heißt, zuletzt von Mitte 2018 bis Mitte 2019 um acht Prozent zurückging, nahm der Anteil der Arbeitssuchenden mit einer Behinderung beim Jobcenter nur knapp halb so stark ab.

Dabei erweist sich offenkundig nicht allein die Behinderung als Hürde bei der Arbeitssuche: Weit mehr als die Hälfte der Betroffenen ist 50 Jahre und älter – kein Wunder, vielfach sind bleibende Einschränkungen ja Folge einer schweren Krankheit oder eines Unfalls. Etwa jeder Zweite hofft auf eine Anstellung als Fachkraft, vorzugsweise in den Bereichen Verkehr und Logistik, Produktion und kaufmännische Dienstleistungen – und verfügt dafür auch über eine abgeschlossene berufliche oder akademische Ausbildung.

Dass umgekehrt knapp die Hälfte über keinen Abschluss verfügt, entspricht dem Durchschnitt aller gemeldeten Erwerbslosen.

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