Jetzt auch in Nürnberg: Sicherer Radfahren mit der SimRa-App?

Max Söllner

Volontär in der Lokalredaktion

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11.4.2021, 06:00 Uhr
Auf fast jeder seiner Radfahrten kommt es zu unschönen Vorfällen, sagt Robin Mannetstätter.

Auf fast jeder seiner Radfahrten kommt es zu unschönen Vorfällen, sagt Robin Mannetstätter. © Michael Matejka, NNZ

Sein täglicher Weg zur Arbeit führt Robin Mannetstätter einmal quer durch die Stadt. Der 30-Jährige wohnt im Norden, arbeitet aber beim TÜV in Schweinau als Chemielaborant. Eigentlich wäre die Ringstraße eine gute Fahrradroute dorthin, allein schon deshalb, weil es kaum andere Möglichkeiten gibt, den Frankenschnellweg zu kreuzen. Doch der Nordring ist laut Mannetstätter "an vielen Stellen schlecht ausgebaut", vor allem die Breite der Radstreifen lasse sehr zu wünschen übrig. "Das ist die schnellste Strecke, aber meiner Meinung nach auch die gefährlichste!"

Wie eng es auf dem Ring zugeht, zeigt Mannetstätter vor dem Haupteingang des Westfriedhofs. Links vom markierten Radstreifen rauschen auf zwei Spuren die Pkws und Laster vorbei, rechts davon darf legal geparkt werden. Öffnet sich plötzlich eine Autotür, weil der Fahrer den Schulterblick vergisst, muss Mannetstätter ruckartig nach links ausweichen, um einen sogenannten Dooring-Unfall zu vermeiden. Dort aber droht ihm ein Zusammenstoß mit den fahrenden Autos, die sowieso schon dicht überholen. Wie man es auch dreht und wendet: Für ein sicheres Vorankommen ist der Radstreifen einfach viel zu schmal.

Gefährliche "Beinahe-Unfälle"

Mannetstätter bezeichnet solche brenzligen Situationen, sofern dabei nichts passiert, als "Beinahe-Unfälle", die in den offiziellen Statistiken kaum auftauchen würden: "Wer geht schon zur Polizei und sagt: Ich hatte einen Beinahe-Unfall?" Für viele Radfahrer aber seien sie Alltag, er selbst erlebe auf fast jeder Fahrt mindestens einen unschönen Vorfall. "Es geht immer ums Gleiche: Enges überholen, Nötigen, Anschreien!"


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SimRa will Radfahrer damit nicht länger allein lassen. Der App-Name steht für "Sicherheit im Radverkehr". Die an der technischen Universität Berlin entwickelte App protokolliert über Smartphone-Sensoren, wie Radfahrer sich bewegen. Dabei erkennt sie zum Beispiel abrupte Bremsmanöver oder Schlangenlinien, die mit gefährlichen Momenten zu tun haben könnten. Nach Ende einer jeden Aufzeichnung fragt SimRa nach, ob dies wirklich der Fall war - und nach der genauen Ursache.

"Der Vorteil ist, dass wir dann auch Daten haben, also nicht nur subjektive Gefühle", sagt Mannetstätter. In Berlin wurden ihm zufolge schon rund 22.000 Fahrten mit über 8.000 gefährlichen Ereignissen erfasst. Den Datenschutz hält er für gewährleistet: SimRa sei keine kommerzielle Datensammel-App, zudem können Anfang und Ende einer jeden Fahrt abgeschnitten werden. "Es sieht sehr vernünftig aus", sagt Mannetstätter.

Apropos Datensammeln: Kurz vor Ostern wurde Nürnberg bei SimRa offiziell freigeschaltet. Jetzt kann es also auch hier richtig losgehen. Mannetstätter, der im Vorstand des Nürnberger Fahrradclubs (ADFC) aktiv ist, fungiert als lokaler Ansprechpartner, der später detaillierte Vorauswertungen vom SimRa-Team erhalten wird. Zum ersten Mal von SimRa gehört hatte er im Dezember letzten Jahres - und war sofort begeistert von der Idee. Kein Wunder, denn nicht nur wegen seines Jobs beim TÜV bezeichnet er sich als "mess- und datenaffin". Schon vor zwei Jahren habe er einen Abstandssensor entwickelt, um den Überholabstand von Autofahrern messen zu können. Zur Serienreife hatte es dieser zwar nie geschafft, ein anderer Sensor aber soll mit SimRa kompatibel sein. Mannetstätter hat schon bestellt: Einen für sich privat, drei für den ADFC.

Die SimRa-App achtet vor allem auf ruckartige Lenkbewegungen und plötzliche Bremsmanöver.

Die SimRa-App achtet vor allem auf ruckartige Lenkbewegungen und plötzliche Bremsmanöver. © Michael Matejka, NNZ

Verkehrsplanungsamt ist skeptisch

Wenn für Nürnberg einmal genug Daten vorliegen, will Mannetstätter an die Stadt herantreten, um auf Gefahrenstellen aufmerksam zu machen. Frank Jülich, Leiter des Verkehrsplanungsamtes, will sich die SimRa-Auswertungen zwar gerne ansehen, ist aber skeptisch: "Ich glaube nicht, dass uns SimRa weiterhilft."

Der Grund: "Wir haben kein Erkenntnisdefizit, sondern ein Handlungsdefizit" - ihm mangele es schlicht an Mitarbeitern. "Qualitativen Hinweisen" würde die Stadt schon jetzt "immer" nachgehen und "planerische Änderungen" anstoßen, sofern diese die Sicherheit erhöhen können. Auch Radwege würden bereits verbreitert. Manches aber, wie der fehlende Schulterblick beim Türöffnen, sei eher "ein Ding der Fahrschulen".


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