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Keine Auskünfte von Immobilienfirma: Johannisturm steht weiterhin leer

Die Bürger wünschen sich eine sinnvolle Nutzung des Turmes - 25.11.2019 06:00 Uhr

Ein markantes Gebäude, das momentan nicht genutzt wird: Was wird aus dem Johannisturm?

© Foto: Moritz Schlenk


Neben den beiden gläsernen Eingangstüren liegt eine weiße Pappschachtel, darin drei kleine, leere Fläschchen Kräuterlikör. Am geschwungenen silbernen Türgriff zieht eine Spinne ihre Fäden. Der Eingangsbereich wirkt verwahrlost. Auf dem schwarzen Klingelschild rechts neben der Tür prangt noch der Name des letzten Gewerbes: Sellbytel.

Mit diesem Namen verbinden viele in St. Johannis das Gebäude mit der verspiegelten Glasfassade hier am südlichen Ende des Stadtteils. Das markante Bürogebäude mit dem hervorstechenden Turm steht seit Januar 2018 leer. Das Gebäude, in seiner heutigen Form Baujahr 1990, diente lange Jahre als Geschäftssitz der Sellbytel Group.

Vor knapp zwei Jahren zog das Unternehmen endgültig von Johannis in die Tullnau um. Die Immobilie in der Großweidenmühlstraße ist, laut Grundbuch, im Besitz der APO Immobilien-Kapitalanlagegesellschaft mbH mit Sitz in Düsseldorf. Das Gebäude umfasst auf fünf Etagen eine Fläche von 4494 Quadratmetern Nutzfläche. Das ist auf der Webseite nachzulesen. Rechnet man die Zylinderspitze des Turmes, also das sechste und siebte Geschoss, mit, kommt man auf eine Gesamtfläche von 4752 Quadratmetern – plus 76 Tiefgaragenstellplätze.

"Sinnvolle Nutzung des Gebäudes wäre toll"

Jede Menge Freifläche also, gerade in Zeiten, in denen über Wohnungsnot und Parkplatzmangel debattiert wird. Das meint auch Sven Heublein, Erster Vorsitzender des Bürgervereins St. Johannis-Schniegling-Wetzendorf. "Ich finde es persönlich extrem schade, dass eine so große Fläche mitten in Johannis ungenutzt dasteht", sagt der Bürgervereinvorsitzende zur Situation.

Er sieht besonders eine gute ÖPNV-Verbindung vor Ort und die Nähe zur Pegnitz, mitsamt der Radwege, als Standortvorteil des ehemaligen Lyra-Geländes. "Als Sellbytel damals rausging, dachte ich mir, da kommt bald was Neues rein. Heute denke ich, dass das Areal für ein kleines Unternehmen wahrscheinlich zu groß und für ein großes Gewerbe zu klein ist."

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Für den Stadtteil St. Johannis spiele das Gebäude mit dem wuchtigen Turm nur eine untergeordnete Rolle, was der globalen Ausrichtung des vorherigen Unternehmens geschuldet sei. "Eine sinnvolle Nutzung des Gebäudes wäre toll", sagt Heublein. Der Bürgerverein wünscht sich eine gewerbliche Nutzung, die den Stadtteil bereichern würde. "Ein Steuerberater, eine Arztpraxis – einfach ein Gewerbe, das die Leute hier nutzen könnten." Eine Passantin, die kurz stehen bleibt, kritisiert: "Bezahlbarer Wohnraum ist ohnehin schon knapp in Nürnberg, es ist sinnlos, eine solche Fläche ungenutzt zu lassen."

Unternehmen gibt sich auskunftsunfreudig

Wie es derzeit im Gebäudeinneren aussieht, wie der aktuelle Stand ist und was zukünftig mit der Immobilie geplant ist, war bislang nicht herausfinden. Trotz mehrfacher Nachfrage war niemand bei der APO Immobilien-Kapitalgesellschaft mbH zu einer Stellungnahme bereit.

Wie die Geschichte des Areals weitergeht, bleibt also offen. Dabei ist die Historie der Fläche lang. Schon 1860 zieht die erste Nürnberger
Bleistiftfabrik Lyra, 1806 von Johann Froscheis gegründet, unweit des Geländes in die Großweidenmühle. Mit Hilfe von Wasserkraft beginnt dort die maschinengestützte Massenfertigung von Kreidestiften bis hin zu Füllfederhaltern. Das Wahrzeichen der Firma: der große gelbe Bleistift mit Lyra-Schriftzug und Harfe.

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Schnell erreichte das Werk jedoch seine Kapazitätsgrenze. Im Jahr 1887 zog die Firma an die Ecke Brücken- und Großweidenmühlstraße um. Zur Jahrtausendwende arbeiteten 1900 insgesamt 500 Beschäftigte bei Lyra, das zum damaligen Zeitpunkt jährlich 53 Millionen Stifte herstellte.

Knapp ein halbes Jahrhundert später glich das Fabrikgelände aber eher einer Geröllwüste. Während des Zweiten Weltkrieges wurden rund 85 Prozent des Gebäudeareals zerstört, der Großteil der Maschinen war unbrauchbar. Also musste das Gebäude Stück für Stück wieder aufgebaut werden. Exakt hundert Jahre nach dem Bezug in St. Johannis zog Lyra im Jahre 1987 nach Nürnberg-Gebersdorf um. Das ehemalige Johanniser Bleistiftareal wurde dem Erdboden gleichgemacht, markant wieder aufgebaut. Und steht nun leer.

Moritz Schlenk

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