Klinik-Streik: "Wir sind psychisch am Ende"

14.10.2020, 13:05 Uhr
Aufgeheizte Stimmung vorm Nord-Klinikum: „Dieser Lohn ist ein Hohn!!“

Aufgeheizte Stimmung vorm Nord-Klinikum: „Dieser Lohn ist ein Hohn!!“ © Doreen Gareis

Mittwochmorgen, acht Uhr vor dem Haupteingang des Klinikums Nürnberg-Nord: Die Gewerkschaft ver.di rief erneut zum Warnstreik auf und alle kamen. Zumindest sehr viele – vom Pflegepersonal des Klinikums Nürnberg und seiner weiteren Beschäftigten über die Service-Gesellschaft KNSG bis zu den Pflegekräften des NürnbergStift.

Nieselregen und graue Wolken verdarb wohl keinem der Streikenden die Stimmung, denn diese war stark aufgeheizt. "Wir sind körperlich und psychisch am Ende", ruft eine Streikende ins Mikrofon und erntet donnernden Applaus. Neben ihr streckt eine junge Frau ein Plakat in die Höhe: "Dieser Lohn ist ein Hohn."

"Das stimmt nicht"

Es ist laut hier, es scheint, als würde jede Menge Wut herausgerufen und -geblasen werden. Für letzteres sorgen Trillerpfeifen. Auch Ekkehard Kopp ist wütend. "Warum geht der Klinikvorstand gegen uns motivierte Mitarbeiter vor, gegen die eigenen Leute, die alles am Laufen halten?", empört sich der Krankenpfleger der Herzchirurgie. Damit meint er die Aussage des Vorstands, dass an den Streiktagen die Patientenversorgung gefährdet sei. "Aber das stimmt nicht", betont Kopp.


Streik: Klinikum Nürnberg wehrt sich gegen Vorwürfe


Die momentanen Forderungen von ver.di: 4,8 Prozent Gehaltszuwachs im Tarifvertrag des Öffentlichen Dienstes. Für die unteren Lohngruppen sollen mindestens 150 Euro monatlich mehr in die Lohntüte. Dazu soll der Verdienst von Auszubildenden um monatlich 100 Euro aufgestockt, die Fahrkosten erstattet werden.

Zu wenig Personal auf den Stationen

Doch viele Streikende sprechen zugleich den Personalmangel an. Wie Antje Hauptmann, die seit zwei Jahrzehnten als Krankenschwester arbeitet: "Es geht zu weit, wenn eine Pflegekraft nachts bis zu 35 Patienten versorgen muss - darunter auch Schwerkranke und Frischoperierte."


Offener Brief an Chefarzt: Klinikums-Mitarbeiter wehren sich


Und Markus Sendelbeck, stellvertretender Personalratsvorsitzender des NürnbergStift, ruft ins Mikrofon: "Wir sind das reichste Land Europas und müssen das Geld dort investieren, wo es nötig ist." Nach etwa einer Stunde, in der die Streikenden ihr Recht auf Warnstreiks betonten und von derzeitigen Gehältern und Arbeitsbedingungen sprachen, die sie nicht länger akzeptieren wollen, setzt sich ein langer Zug an Gelbwesten, laut und dynamisch, in Richtung Nürnberger Rathaus in Bewegung. In der Innenstadt wird die Protestaktion fortgesetzt.

Das Klinikum sieht das anders

Der Vorstand des Nürnberger Klinikums dementiert die Aussage, dass eine Pflegekraft nachts bis zu 35 Patienten versorgen muss. "Es gibt keine Station mit 35 Betten beziehungsweise Patienten, die eine einzige Pflegekraft alleine zu versorgen hat", heißt es in der Stellungnahme.

In einer Pressemitteilung zieht das Klinikum Nürnberg Bilanz. In der Pressemitteilung heißt es: Insgesamt sind rund 130 Operationen ausgefallen. Eine Notbesetzung, die in vielen Fällen der Wochenend-Besetzung entsprach, hat auch am zweiten Tag des 48 Stunden dauernden Warnstreiks die Versorgung der Patientinnen und Patienten am Klinikum Nürnberg sichergestellt. Die Mindeststärke an Pflegepersonal wurde auf keiner Station unterschritten. Doch leider mussten bislang aufgrund aller bisherigen Warnstreik-Tage im Rahmen der Tarifverhandlungen öffentlicher Dienst rund 130 Operationen verschoben werden: von kleineren Eingriffen bis zur großen Tumor-OP. Der Vorstand des Klinikums hofft deshalb, dass es zwischen der Gewerkschaft ver.di und dem Kommunalen Arbeitgeberverband (KAV) bald zu einer Einigung im Tarifstreit kommt.

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