Leben im Rampenlicht: Hinter den Kulissen des Zirkus Flic Flac

1.1.2019, 06:00 Uhr
Artistin Elayne Kramer bereitet sich auf ihren Premieren-Auftritt in Nürnberg vor. Sie gehört schon zur sechsten Generation einer Zirkusfamilie und hat sich bereits als Vierjährige für ein Leben in der Manege entschieden.

Artistin Elayne Kramer bereitet sich auf ihren Premieren-Auftritt in Nürnberg vor. Sie gehört schon zur sechsten Generation einer Zirkusfamilie und hat sich bereits als Vierjährige für ein Leben in der Manege entschieden. © Fotos: Günter Distler

Wer hinter der Manege Glamour erwartet, wird enttäuscht. Es gibt einen Weihnachtsbaum mit etwas Bling-Bling, ansonsten geht es Backstage nüchtern zu. Die 77 Künstler haben kleine Zelte, in denen gibt es Privatsphäre und Platz für Kostüme und Requisiten. Bierbänke stehen bereit für einen Plausch. Der russische Trapezkünstler Stanislav Bogdanov sitzt gerade allein hier und checkt Nachrichten auf seinem Handy.

Ansonsten: viel freier Platz. Chih Han Chao lässt sein Diabolo noch mal springen. Gleich eröffnet er die 16-Uhr-Vorstellung. Der Taiwanese schlüpft durch den ersten der drei Vorhänge, die den Backstage-Bereich von der Manege trennen, und betritt den roten Teppich. Showtime.

Elayne Kramer ist auch im ersten Teil dran, sie faltet und verbiegt ihren schmalen Körper so sehr, dass man nur davon ausgehen kann, dass die 26-jährige Argentinierin als biegsames Wunderkind auf die Welt kam. "Oh nein, das bin ich nicht", lacht sie. "Diese Bewegungen haben auch für mich nichts Natürliches."

Nach dem Aufstehen fange sie mit dem Dehnen an, "das geht dann den ganzen Tag so weiter." Sie habe sich schon als Vierjährige für das Leben im Rampenlicht entschieden. "Ich gehöre zwar zur sechsten Generation einer Zirkusfamilie, aber anders als viele Artistenkinder konnte ich mir aussuchen, ob ich das auch machen möchte. Ich wollte es unbedingt."

Lob fürs Publikum

Kramer mag das deutsche Zirkuspublikum, "es ist aufmerksam, lässt uns in Ruhe arbeiten und applaudiert im richtigen Moment." Nürnberg kennt die Argentinierin noch nicht, sie möchte zumindest das Dokumentationszentrum am Reichsparteitagsgelände besichtigen, "das ist mein Pflichtprogramm."

David Eriksson hat schon eine Stadtbesichtigung im Schnelldurchgang absolviert. "Ich mag die Brunnen und Skulpturen auf den Plätzen, einige sind richtig skurril." Besonders angetan ist der Schwede vom Ehekarussell am Weißen Turm. "Am Ende würgt sich das Paar, cool", sagt er und beweist auch abseits der Manege seinen Sinn für schrägen Humor.

Tobias Finck und Freddy Peters gehören mit ihren Motorrädern zu den Flic-Flac-Stars.

Tobias Finck und Freddy Peters gehören mit ihren Motorrädern zu den Flic-Flac-Stars.

Was wäre Flic Flac ohne die Jumper, die Motorradfahrer, die über die Köpfe der Zuschauer fliegen, als gebe es keine Schwerkraft. "Wenn der erste Sprung geklappt hat, ist die Angst weg", sagt Tobias Finck. Bühnenarbeiter bauen die schmale Treppe zum Zuschauerraum gegenüber der Manege vor der Nummer schnell zu einer Rampe um. Die Jumper haben kaum ein paar Meter für den Anlauf, sie beschleunigen auf rund 60 Stundenkilometer und schießen durch das schmale Loch 13 Meter hoch ins Zirkuszelt. "Wenn das Publikum losjubelt, ist das der Kick."

Der Sprung sei nicht zu unterschätzen, sagt Motorradartist Freddy Peters. Die Maschinen röhren im Zelt besonders laut, "wir fahren ohne Tacho, da kann man leicht das eigene Tempo überschätzen", mit der Gefahr, dass die Power nicht reicht für den 21 Meter weiten Satz. Peters sprang am Tag der Premiere in Nürnberg für einen Jumper ein, der sich bei Proben ein Bein gebrochen hatte.

"Das Wichtigste ist es, nicht zu viel nachzudenken, nicht an sich zu zweifeln." Nach einer Verletzung treibe einen die Liebe zum Sport dazu, weiterzumachen, sagt Peters. Tobias Finck hat als Glücksbringer immer zwei Krücken dabei, die er mal nach einem Sturz verpasst bekam.

Zelthohe Pyramide

Fan Mengdie glaubt nicht an Glücksbringer, das 29-jährige Leichtgewicht gehört zur China National Acrobatic Troupe und balanciert fast an der Spitze, wenn sich die Artisten zur zelthohen Pyramide formieren. "Von dort oben sehe ich vom Publikum gar nichts, da bin ich einfach nur konzentriert."

Auch ihr Mann gehört zur Vorzeigetruppe aus Peking, die fast das ganze Jahr über auf Tournee ist. 300 Artisten gehören dazu, während Fan Mengdie mit 18 Kollegen bei Flic Flac in Nürnberg auftritt, gastiert ihr Mann in Kassel. "Am Anfang unserer Ehe war es schwer, wenn wir getrennt waren, besonders an Feiertagen. Aber man gewöhnt sich daran."

Nach der Silvester-Vorstellung feierte die Artistenfamilie auf Zeit gemeinsam im Flic Flac-Zelt. Vladik Myagkostoupov wird dann seine Frau und die zwei Töchter vermissen, die daheim in Las Vegas den Jahreswechsel begehen. Die älteste Tochter ist sieben Jahre alt und jongliert schon wie ihr Papa.

Vladik Myagkostoupovs Kunst besticht besonders durch seine tänzerische Leichtigkeit, wie ein Elf schwingt er im Reifen über der Manege. Vor vier Jahren trat der 34-Jährige, dessen Eltern mit dem Moskauer Zirkus tourten und in Las Vegas blieben, als er sechs Jahre alt war, schon mal in Nürnberg auf. Den Christkindlesmarkt habe er heuer leider verpasst. Keine Zeit. Bei drei Shows am Tag werde der Körper müde. "Aber wenn ich rausgehe und das Publikum spüre, kommt die Energie zurück."

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