Freitag, 22.11.2019

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Mehr als Pässe: Das läuft im Einwohneramt hinter den Kulissen

Die Behörde ist im steten Wandel - 22.10.2019 05:55 Uhr

Wartende in der großen Halle. In den kommenden Wochen wird sich das Bild verändern. Unter anderem wird es eine neue Anzeigentafel geben, aber auch Lärm- und Schutzwände werden eingezogen. © Foto: Roland Fengler


An diesem Morgen sorgt ein Buchstabe für die erste Verwirrung des Arbeitstages. Gleich mit fünf Kollegen steht der junge Mann aus Rumänien an Schalter 9 und versucht das mit seinem Nachnamen zu erklären. Denn der steht eben auf der Wohnungsgeberbestätigung anders als im Pass. Immer wieder hält er Rücksprache mit den Kollegen, der Dolmetscher, der selbst schlecht Deutsch spricht, ist da auch keine große Hilfe. Und dann wäre da noch die unleserliche Adresse. Also zeigt er Ingrid Hartmann die Straße auf seinem Handy. Die nickt kurz und verbessert alles an ihrem Bildschirm.

Mit Händen und Füßen

Mit ein bisschen Englisch, Händen und Füßen geht es am Ende doch. "Das hat ganz gut geklappt", sagt Ingrid Hartmannn, nachdem der junge Mann, der hier ein paar Monate arbeiten will, wieder abgezogen ist. Es ist Mittwochmorgen kurz nach halb neun im Einwohnermeldeamt. Da an diesem Tag das Amt bereits um 12.30 Uhr schließen wird, hatten sich bereits vor acht Uhr zwei lange Schlangen vor der noch verschlossenen Tür gebildet.

Also ist die Wartehalle schon jetzt voll besetzt, während sich an dem Info-Schalter immer wieder neue Menschen anstellen, um ihr Anliegen vorzutragen und eine Nummer zu bekommen. Bis vor ein paar Jahren zog man die noch am Automaten und wartete dann bis die Nummer aufgerufen wurde - zuweilen stundenlang, und wenn man Pech hatte, auch umsonst. Fehlende Unterlagen oder schlicht das falsche Amt für das eigene Anliegen waren Gründe, warum 100 bis 150 Leute am Tag am Schalter wieder unverrichteter Dinge weggeschickt werden mussten.

Der Info-Schalter, an dem auch heute zwei Mitarbeiterinnen sitzen, verhindert das inzwischen. Bis zu 2000 Menschen pro Tag beraten die beiden. Ohne Wartezeiten geht es aber so gut wie nie. Mal sind es zehn Minuten, mal drei Stunden. Wann viele Menschen kommen, ist kaum abzuschätzen — auch wenn es heikle Tage gibt, wie am Anfang des Monats, am Ende oder an Brückentagen.

„Die Arbeit ist anspruchsvoller geworden“, sagt die 64-jährige Ingrid Hartmann, die seit 25 Jahren im Einwohnermeldeamt arbeitet. Sie macht sie dennoch gerne. © Foto: Roland Fengler


Dann ist meist viel los an den 28 Schaltern in der Halle. Aber Verlass ist darauf eben nicht, was die Planung schwierig macht. Fakt ist, dass gerade die Meldebehörden an ihre Grenzen stoßen, ob nun in Essen, Dortmund oder Frankfurt, wo zuweilen die Menschen schon viele Stunden vor dem Öffnen der Schalter vor den Amtstüren stehen.

Denn auch Nürnberg wächst. Mehr als 536.000 Menschen leben heute im Stadtgebiet. Im Jahr 2000 waren es noch 488.400 gewesen. Mehr Menschen bedeuten mehr Verwaltungsaufwand für die etwa 85 Mitarbeiter. Zuweilen machen auch Sprachbarrieren das Arbeiten auf dem Amt schwerer. Gezielte Englisch-Kurse für die Mitarbeiter können da zwar einiges abfedern, wie auch fremdsprachige Formulare, aber wenn Fragen auftreten, helfen Dolmetscher, Übersetzungsprogramme oder am Ende eben doch auch Englisch mit Händen und Füßen, wie bei dem jungen Rumänen an Ingrid Hartmanns Schalter mit der Nummer 9.

Wer in Nürnberg leben oder länger als ein paar Monate arbeiten will, der kommt am Einwohnermeldeamt nicht vorbei. Hier landet jeder und auch alles. "Wir spüren viele gesellschaftliche und politische Entwicklungen", sagt Stefan Gruber von der Stabsstelle Melde- und Passwesen. Hier ist der Kurde, der sich nicht zur Behörde in seiner Heimat traut, um Unterlagen zu besorgen. Da die Arbeit der "Auskunftsgruppe", die von Jahr zu Jahr mehr Anfragen auf den Tisch bekommt. Allein im vergangenen Jahr waren es 80.000 nur von Gläubigern. "Die Zahlungsmoral hat sich einfach verändert", wie eine langjährige Mitarbeiterin sagt.

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Dass immer mehr Frauen Gewalt ausgesetzt sind und vor ihren Partnern auf der Flucht sind, spüren die Mitarbeiter am "Sonderschalter": Immer häufiger werden Sperren verhängt, damit bei gefährdeten Personen nur Gruppenleiter und speziell geschulte Mitarbeiter Zugriff auf die Daten haben.

Und in der Passstelle werden nicht nur Dokumente nach Berlin geschickt oder vorläufige Pässe vor Ort gedruckt. Die Mitarbeiter geben auch Auskunft an Botschaften in aller Welt, wenn etwa ein Deutscher vorgibt, in Nürnberg gemeldet zu sein. Und so manches Fahndungsfoto bekommt die Polizei von den Mitarbeitern, die hier vor den Bildschirmen sitzen.

"Wir müssen uns mit all diesen Dingen und immer neuen Herausforderungen auseinandersetzen", sagt Gruber. Vor der großen Flüchtlingswelle etwa hätte man nicht gewusst, wie zum Beispiel Dokumente aus Syrien aussehen, so Gruber. "Heute erkennen wir eine syrische Heiratsurkunde sofort." Immer wieder neue Aufgaben, neue Bestimmungen — auch deshalb finden regelmäßige Schulungen für die Mitarbeiter statt.

"Die Arbeit ist anspruchsvoller geworden.", sagt auch die 64-jährige Ingrid Hartmann, die hier seit 25 Jahren arbeitet. "Mit dem Öffnen der EU-Grenzen kamen auch die vielen Sprachbarrieren", sagt sie. Die Sonderzeichen etwa machten die Arbeit für Fehler anfällig, das koste mehr Zeit - Im Gespräch mit dem Kunden, aber auch bei der Nachbearbeitung.

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"Das sehen die Menschen in der Halle aber nicht, sondern nur, dass jemand am Schalter sitzt und dennoch niemand aufgerufen wird." Das sorgt zuweilen für Unmut, wie auch der Geräuschpegel in der hohen Halle eine Zumutung ist, wie Ingrid Hartmann sagt. Eine bessere Arbeitsumgebung erhoffen sich die Mitarbeiter nun durch einen neuen Lärm- und Sichtschutz ab Ende November. Ende 2020 sollen auch Schalter in den ersten Stock ziehen. Auch davon erhofft man sich eine gewisse Entzerrung in den bisher beengten Verhältnissen.

Reizgas und Alkohol

Die Einlasskontrollen wird es weiter geben. "Die sind leider nötig", wie Dienstellenleiter Olaf Kuch sagt. An diesem Vormittag haben die Sicherheitsleute unter anderem Weinflaschen und ein Pfefferspray eingesammelt. An anderen Tagen sind es Messer und Schusswaffen. "Wir wollen aufgeheizte Situationen vermeiden", sagt Kuch. Denn ein rauer Ton und Aggressionen schlagen den Mitarbeitern hier zuweilen von Wartenden entgegen.

Das macht die Arbeit nicht gerade beliebt, weshalb viele Stellen nicht besetzt werden können. "Inzwischen sind wir im zweistelligen Bereich", sagt Kuch. Auch die Fluktuation, etwa nach der Ausbildung, die zeitintensive Einarbeitung oder Renteneintritte sorgen zuweilen für nicht besetzte Schalter. Vielleicht irgendwann auch der mit der 9, an dem Ingrid Hartmann gerne sitzt. Sie geht Ende Jahres in den Ruhestand. "Ich mache die Arbeit hier gerne", wie sie sagt. Aber es sei schon schwieriger geworden mit den Kunden. Doch jammern helfe da nicht. "Wir müssen ja trotzdem höflich bleiben."

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