Erst 52 Prozent vollständig geimpft

Mit Cocktails, Würstchen und Delfinen: Nürnberg wirbt für die Corona-Impfung

Isabel Lauer
Isabel Lauer

Lokalredaktion Nürnberg

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15.8.2021, 11:16 Uhr
Im Blauen Salon des Nürnberger Tiergartens kann man sich am 23. und 24. August im Beisein von Delfinen gegen das Coronavirus impfen lassen.

Im Blauen Salon des Nürnberger Tiergartens kann man sich am 23. und 24. August im Beisein von Delfinen gegen das Coronavirus impfen lassen. © Michael Matejka

"Ich organisiere gerade einen DJ!" Mit Leidenschaft berichtet Ulrike Goeken-Haidl, was sie als Öffentlichkeitsarbeiterin für die "Koordinierungsstelle Impfzentrum" des Rathauses ausheckt. Das Ziel heißt: Impf-Marketing. Am 21. August, einem Samstag, soll es im Impfzentrum in der Nürnberg-Messe bis zum Abend Musik, Foodtrucks und alkoholfreie Cocktails an mobilen Bars geben. "Die Berliner haben’s mit ihren Impfnächten vorgemacht. Wir wollen die 20- bis 50-Jährigen in den Fokus nehmen", sagt Goeken-Haidl. "Wenn die Delta-Variante jemanden betrifft, dann die jungen, ungeimpften Leute."

Impfzentrum ist schon geschrumpft

Rund 278.000 Nürnberger waren bis Freitag, 13. August, vollständig gegen das Sars-CoV2-Virus geimpft, das entspricht 52 Prozent der Bevölkerung. Täglich kommen ein paar Tausend Menschen hinzu – doch die Erstimpfungen lahmen im Vergleich, liegen bei wenigen Hundert täglich.

Im Messe-Impfzentrum ist das Verhältnis günstiger: 340 Erst- und 428 Zweitimpfungen verzeichnete es an den ersten vier Tagen der vergangenen Woche, im selben Zeitraum eine Woche zuvor waren es 305 Erst- und 1209 Zweitimpfungen. Seine aktuelle Kapazität für 600 Impfungen täglich (schon reduziert von einst 2300) schöpft das Zentrum aber nicht mehr aus. Ende September wird es nach jetzigem Stand aufgelöst und in die Impfstelle in der alten Kfz-Zulassungsstelle im Stadtnorden integriert.

Deshalb verfolgt die Stadt Nürnberg jetzt noch intensiver ihre Strategie der Sonderaktionen. Die sind aufwändiger, aber offenbar durch den Erlebnischarakter viel beliebter. "Die Aktionen laufen supergut", freut sich Sprecherin Goeken-Haidl. Das wenig gefragte Impfmobil beim Spiel des 1. FCN im Stadion ausgenommen, seien beim Gemeinschaftshaus Langwasser, bei den Moscheen oder im Multiplex-Kino jeweils mehrere Hundert Menschen erschienen. Den Impfbus auf dem Hauptmarkt habe sogar beispielsweise eine Urlauberfamilie aus Brandenburg dankbar für ihr Kind genutzt. Und am Samstag bot ein Altstadtlokal den ersten 200 Kandidaten gratis Drei im Weckla an.

Spritzen im historischen Rathaussaal

Nach der "Impfparty" in der Messe sind im August noch Impftage bei den Delfinen im Blauen Salon des Tiergartens angesetzt. Im September will Ulrike Goeken-Haidl ein "historisches Impfen" im Rathaussaal aufpeppen, mit Kostümen oder Mittelalter-Accessoires vielleicht. "Einfach kommen und genießen, das ist unser Motto." Termine gibt es auch in einem Gartencenter und beim Norisring-Rennen; man verhandle außerdem mit Discountern.

Auch das

Auch das "Nürnbärland" auf dem Volksfestplatz macht mit: Am 21. August kann man sich hier nochmals impfen lassen. © Pieknik, News5

Ungeimpfte sind in Sommer- und Urlaubslaune schwer zu gewinnen, egal ob sie zu den Zweiflern oder Unorganisierten zählen - Nachfragen bei impfenden Arztpraxen bestätigen das. "Es läuft schleppend", sagt etwa Dr. Michael Bangemann, Hausarzt und Vorsitzender des Praxisnetzes Nürnberg-Süd, und blättert in seinen Zahlen. "Hier: 40 hatten wir am letzten Impftag, nur zwei davon waren Erstimpfungen. Patienten, die wir regelmäßig sehen, haben wir alle versorgt. Aber die Gesunden, die wir nicht kennen, können wir ja nicht ansprechen."


Nürnberger Kult-Lokal verschenkt zur Corona-Impfung Drei im Weckla


2100 Corona-Impfungen hat seine Praxis bisher durchgeführt. Ihre anfänglich vier Impftage pro Woche wird sie nun nach der Urlaubsschließung auf einen einzigen herunterschrauben. Mehr Werbekampagnen und prominente Vorbilder für die Impfung wären nötig, findet der Allgemeinmediziner.

"Ansonsten habe ich trübsinnige Gedanken für den Herbst. Die Ungeimpften sind alles potenzielle Opfer der Delta-Variante, und Jüngere halten auf den Intensivstationen länger durch." Blende man die geimpfte Hälfte der Bevölkerung bei der Rechnung aus, sei der Corona-Inzidenzwert (in Nürnberg am Freitag 23,9 Fälle pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen) schon jetzt anteilig gewichtiger, als die Zahl sich anhöre, gibt der Arzt zu bedenken.

Der Imfbus gastiert zurzeit immer wieder auf dem Hauptmarkt - das Angebot wird gern angenommen.

Der Imfbus gastiert zurzeit immer wieder auf dem Hauptmarkt - das Angebot wird gern angenommen. © Stadt Nürnberg, Koordinierungsstelle Impfzentrum

Auch Dr. Dagmar Rico López warnt vor einer Delta-Welle nach der Urlaubszeit durch menschliche Trägheit. "Solange nichts passiert, sehen viele keine Veranlassung zur Impfung und retten sich mit Tests." In ihrer Praxis in Nürnberg-Fischbach ist nach der Impf-Hektik des Frühjahrs Ruhe eingekehrt. Seit Anfang Juli ist die Warteliste abgearbeitet und kein Samstagsdienst mehr nötig. "Ich habe meinem Team zwei Tage Sonderurlaub gegeben, weil wir bis dahin alle so am Limit waren." Jetzt sei nur noch jeder Fünfte bis Zehnte ein Neu-Impfling, der Rest erhält die zweite Dosis.

"Die wollen einfach abwarten"

Biete Wurstsemmel oder Gratis-Konzert gegen Impfbereitschaft - vom Belohnungsprinzip hält Rico López wenig. "Dann warten viele ja noch länger ab, bis was Besseres kommt. Man kommt halt nur begrenzt an die Menschen ran." Höchstens eine Handvoll echte Impfverweigerer seien ihr bisher begegnet, sagt die Hausärztin. Auch Ängste vor den Impfstoffen habe sie ihren Patienten durch Gespräche gut nehmen können. "Die, die jetzt noch nicht kamen, wollen einfach abwarten. Unsere Botschaft heißt: Wir werden auch in Zukunft Impfstoff da haben. Und es lohnt sich immer noch."

Beide Hausarztpraxen sind froh, bisher höchstens einzelne überzählige Ampullen entsorgen zu müssen. Anders im städtischen Impfzentrum in der Messe. "Es ist grauenhaft, es zerreißt einem das Herz", sagt Sprecherin Ulrike Goeken-Haidl über die vor einem Vierteljahr noch heiß begehrten Präparate, die jetzt übrig bleiben und zu verfallen drohen.

Den Großteil könnten die fränkischen Impfzentren voneinander übernehmen. Doch 5100 nicht genutzte Dosen Moderna landeten soeben im Kühlschrank "in Quarantäne: Unsere Hoffnung ist, diese Chargen möglicherweise doch einsetzen zu können, sollten sich, wie schon häufig während der Impfkampagne geschehen, die Anforderungen hinsichtlich der Lagerung und des Transportes ändern".

In allen städtischen Impfstellen kann man sich mittlerweile ohne Termin einfinden – auch Kinder ab zwölf Jahre. Kinder bis 15 Jahre müssen einen Elternteil mitbringen. 16- und 17-Jährige müssen einen von einem Elternteil unterzeichneten Aufklärungsbogen mitbringen. Zu allen Impfangeboten der Stadt Nürnberg geht es hier. Das Bürgertelefon für Fragen rund ums Impfen ist montags bis sonntags von 8 bis 16.30 Uhr unter (0911) 231-10644 erreichbar.

Eine Impf-Aktion in der Eyüp-Sultan-Moschee war im Juni der Auftakt für weitere Sonderimpfungen in benachteiligten Stadtteilen. Auch OB Marcus König ließ sich mit Johnson & Johnson impfen, um die Akzeptanz für diesen Impfstoff zu erhöhen.

Eine Impf-Aktion in der Eyüp-Sultan-Moschee war im Juni der Auftakt für weitere Sonderimpfungen in benachteiligten Stadtteilen. Auch OB Marcus König ließ sich mit Johnson & Johnson impfen, um die Akzeptanz für diesen Impfstoff zu erhöhen. © Stefan Hippel