Mit.Menschen: Ulf Poschardt - "Die Gesellschaft verblödet im Konsens"

Franziska Holzschuh
Franziska Holzschuh

Leitung Lokalredaktion Nürnberg und Stadtanzeiger

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14.1.2021, 10:36 Uhr
Ulf Poschardt polarisiert - macht das aber mit Freude.

© Hans-Joachim Winckler Ulf Poschardt polarisiert - macht das aber mit Freude.

“Ich bin männlich, heterosexuell und links.” Heute mag man es vielleicht kaum glauben, aber diesen Satz hat einst Ulf Poschardt über sich geschrieben. Lange ist es her, die Zeile taucht in seiner Dissertation zur “DJ Culture” auf. Soziale und kulturelle Teilhabe, sowie Fortschritt und Emanzipation, das seien seine Themen gewesen, sagt Poschardt, “Insofern ist es ein sehr klassisches linkes Buch.”

Heute würde der Chefredakteur der Welt sich längst nicht mehr so bezeichnen - und seine vielen Kritiker ihn sicher auch nicht. Poschardt nennt sich selbst einen Liberalen, seine Gegner werfen ihm vor, reaktionären Schreibern eine Plattform zu bieten - und dies selber auf sozialen Plattformen wie Twitter zu befeuern.

Ja, er habe eine Lust an der Auseinandersetzung, sagt Poschardt im Podcast Mit.Menschen. Und kein Problem damit, wenn sich die Menschen an ihm und seinen Äußerungen reiben. Auch an der von vor eineinhalb Jahren: “der @POTUS (Präsident der Vereinigten Staaten, d. Red) muss dieses jahr den friedensnobelpreis bekommen. da sind wir uns doch alle einig?”, schrieb er auf Twitter (sic!), als Israel, die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrain sich an einen Tisch gesetzt hatten.

Nach den Geschehnissen der vergangenen Woche mit dem Sturm auf das Kapitol in Washington D.C. würde er das nicht mehr posten, räumt er ein - betont aber gleichzeitig, Trump habe insbesondere in der Außenpolitik viel richtig gemacht.


Cancel Culture: Wer bestimmt, was gesagt werden darf?


Woher diese Lust am Disput kommt? “Weil ich das Gefühl habe, dass die Gesellschaft im Konsens verblödet und dass Applaus schwach und bequem macht”, antwortet Poschardt. Und Auseinandersetzungen komme ihm die Art der Franken zu Gute: “Die heben nicht ab und das ist eine große Qualität.” Es verhindere auch, dass man in Debatten seine Erdung verliere.

Ohnehin fühlt sich Poschardt, der in Nürnberg geboren und Schwabach aufgewachsen ist, mit Franken noch sehr verbunden. “Wenn ich den Dialekt höre, geht mir das Herz auf.” Er sei fränkisch sozialisiert - in seiner Familie habe man immer die Nürnberger Nachrichten abonniert, “ich habe sie gelesen, seit ich sieben Jahre war.”



Er habe eine unbeschwerte Kindheit verbracht, behütet, aber mit vielen Freiheiten. Daraus habe er ein Urvertrauen gezogen, “das macht unerschütterlich”.

Er habe immer zu seiner Heimat gestanden, auch als er für die Doktorarbeit nach New York zog, “war auf meinem Rucksack hinten ein FCN-Batch drauf”, erinnert er sich. “Ich finde es ganz schlimm, wenn Leute ihren Akzent verlieren und sich gar nicht mehr daran erinnern wollen, wo sie herkommen. Oder ihren eigenen, vielleicht eher bescheidenen Hintergrund vergessen. Menschen, die ihre Dankbarkeit verloren haben und ihre Demut.”

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