Mit Sehbehinderung ins Netz: Selbstversuch im "Josephs"

Johannes Handl
Johannes Handl

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22.8.2020, 05:57 Uhr
Und schon verschwinden die eben noch gut lesbaren Buchstaben. Diese Brille simuliert, wie Menschen mit einem Grauen Star sehen. Die Stationen im Innovationslabor "Josephs" sollen auf Hürden im digitalen Alltag hinweisen.

© Foto: Stefan Hippel Und schon verschwinden die eben noch gut lesbaren Buchstaben. Diese Brille simuliert, wie Menschen mit einem Grauen Star sehen. Die Stationen im Innovationslabor "Josephs" sollen auf Hürden im digitalen Alltag hinweisen.

Und plötzlich sitzt man da - ratlos. Ja, das Teil vor der eigenen Nase dürfte die Tastatur sein. Aber wo bitte sind denn die Buchstaben hin? Nicht zu erkennen. Auch der Bildschirm selbst zeichnet sich nur sehr schemenhaft ab. Mit viel Mühe lassen sich an der einen oder anderen Stelle ein paar Wörter entziffern. An ein entspanntes Surfen im Internet ist hier aber ebenso wenig zu denken wie an die Chance, einen Behördengang digital zu erledigen.

Grauer Star und Zitterhände im Selbstversuch

Zum Glück kann man die spezielle Brille – sie simuliert die eingeschränkte Sicht infolge eines Grauen Stars – im "Josephs" gleich wieder abnehmen. Doch der Selbstversuch im offenen Innovationslabor hinterlässt seine Spuren. "Viele erleben bei uns einen Aha-Effekt", sagt "Josephs"-Geschäftsführer Christofer Daiberl. Plötzlich können sie lebhaft nachvollziehen, mit welchen Einschränkungen etwa die eigene Oma im Alltag zu kämpfen hat.


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Gemeinsam mit der Bundesagentur für Arbeit veranstaltet das "Josephs" derzeit die Wochen der digitalen Barrierefreiheit. Noch bis zum 17. Oktober können die Besucherinnen und Besucher in der Karl-Grillenberger-Straße 3 verschiedene Tests absolvieren. Das Ziel ist es, digitale Stolpersteine im Alltag zu identifizieren, um Online-Angebote künftig noch inklusiver zu gestalten.

Informationen in "Leichter Sprache"

Elvin Akar führt durch die Stationen. Sie verrät, was auf die Gäste zukommt, wenn sie in einen Alterssimulationsanzug schlüpfen oder sich spezielle Handschuhe überziehen, die ihre Hände und Arme durch Elektro-Impulse immer stärker zittern lassen. Dabei erfahren die Besucher am eigenen Leib, wie schwierig es ist, digitale Angebote zu nutzen, wenn man körperlich beeinträchtigt ist.

Unter den Augen von „Josephs“-Geschäftsführer Christofer Daiberl versucht Elvin Akar mit einem Alterssimulationsanzug klarzukommen.

Unter den Augen von „Josephs“-Geschäftsführer Christofer Daiberl versucht Elvin Akar mit einem Alterssimulationsanzug klarzukommen. © Foto: Stefan Hippel

Bereits im Jahr 2016 hat das EU-Parlament eine Richtlinie zur Barrierefreiheit von Websites und mobilen Anwendungen öffentlicher Stellen verabschiedet, die inzwischen in deutsches Recht überführt wurde. Die Bundesagentur für Arbeit etwa bietet den Besuchern ihrer Homepage neben der gewöhnlichen Ansicht auch die Möglichkeit, die Reiter "Leichte Sprache" oder "Gebärdensprache" anzuklicken. Niemand soll von den Informationen ausgeschlossen werden, sondern sie nach seinen Bedürfnissen und Fähigkeiten konsumieren können.

Eine immer größere Rolle dürfte das Thema laut Daiberl auch im elektronischen Handel spielen. Wer Produkte und Dienstleistungen verkaufen möchte, will natürlich unter allem Umständen vermeiden, potenzielle Kunden durch digitale Hürden von vornherein von seinen Angeboten auszuschließen.


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Christofer Daiberl möchte aber nicht nur Programmierer und Produktentwickler sensibilisieren, sondern auch die breite Öffentlichkeit. Denn wie ein abgesenkter Bordstein Rollstuhlfahrern und Eltern mit einem Kinderwagen gleichermaßen zugute kommt, so nutzt auch die digitale Barrierefreiheit jedem und jeder Einzelnen.

Termine zu Hause verfolgen

Zusätzlich zu den Teststationen findet im "Josephs" eine Veranstaltungsreihe statt, die sich mit dem Thema digitale Barrierefreiheit aus verschiedenen Blickwinkeln auseinandersetzt. Den Auftakt übernimmt am 15. September die Bundesagentur für Arbeit.

Für die Termine zwischen dem 28. September und dem 2. Oktober wird es ein begrenztes Kontingent an Plätzen vor Ort geben, weitere Gäste können sich per Live-Stream bequem von zu Hause aus zuschalten. Die Teilnahme ist immer kostenfrei.

In der Regel finden die einzelnen Veranstaltungen zwischen 17.30 Uhr und 19 Uhr statt. Die konkreten Themen werden in den nächsten Tagen auf der Website www.josephs-innovation.de/wp/eventteilnahme veröffentlicht.

Das "Josephs" ist ein offenes Innovationslabor, in dem Workshops stattfinden und Innovationsräume vermietet werden. In sogenannten Test Spaces können Unternehmen und Start-ups ihre Ideen und Produkte schon in einem sehr frühen Stadium von den Besuchern testen und ausprobieren lassen.

Öffnungszeiten: Montag bis Freitag von 13 bis 19 Uhr und samstags von 13 bis 18 Uhr. Weitere Infos finden Sie unter www.josephs-innovation.de

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