MuZ-Club: Beethoven statt Rock'n'Roll

28.5.2013, 18:19 Uhr

© Frank Schuh

„Roll over Beethoven, tell Tchaikowsky the news!“ Bald 60 Jahre ist Chuck Berrys überschwänglicher Spottgesang nun alt – ein Song, der mit frechem Selbstbewusstsein eine Grenze zog zwischen Jung und Alt, zwischen revolutionär und reaktionär, zwischen vitalem afro-amerikanischem Rhythm & Blues und der vergeistigten europäischen Hochkultur, die mit angewiderter Überheblichkeit auf die „Dschungelmusik“ der gerade aufkeimenden Rock’n’Roll-Revolution herabblickte: „Wir sind das Jetzt“, schien Chuck zu sagen, „ihr seid das Gestern!“

Heute sieht man das alles freilich viel entspannter: Strubbelbärtige Mittzwanziger entdecken ganz ungezwungen Bruckner und Mahler für sich, schon allein deshalb, weil auch ihre Eltern irgendwann gemerkt haben, dass es kein Widerspruch ist, Dylan und Mozart zu mögen.

Trotzdem scheint es immer noch Annäherungsprobleme zwischen den Welten zu geben. „Wenn man in die Philharmonie geht,“ sagt die junge Konzertpianistin Maria Nguyen-Nhu, „dann sind alle über Sechzig. Das muss doch auch jüngere Leute ansprechen!“ Die vietnamesisch-stämmige Musikerin steht in der Garderobe des MuZ-Club, gleich wird sie als DJane Dan-Thanh bei der ersten Ausgabe des „Orchesterclub“ klassische Musik im clubtauglichen Format auflegen.

In München hat sie bereits die Reihe „Klassik im Club“ etabliert, wofür die Menschen vor der Disco „Bob Beaman“ inzwischen Schlange stehen. In Nürnberg ist man davon noch weit entfernt: Nur etwa 15 Besucher verteilen sich auf den knuffigen Sitzmöbeln im MuZ-Club – was nicht zuletzt auch dem letzten lauen Frühlingsabend vor einer längeren Schlechtwetterperiode geschuldet sein dürfte.

Dabei ist das Angebot ja durchaus attraktiv: Veranstalter Hans-Christian Lehner, der sich auch als Mitbetreiber des jungen Eckentaler Labels Bekassine Records jeglichem stilistischem Dogmatismus verweigert, hat nicht nur DJane Maria, sondern auch das Augsburger Quartett Aux’ Neoclas eingeladen.

Vivaldi in der Dauerschleife

Das verfolgt mit der ungewöhnlichen Besetzung Cello (Tobias Hoffmann), Violine (Agnes Liberta), Klarinette (Hedwig Gruber) und Schlagwerk (Fabian Löbhart) einen ähnlich unkonventionellen Klassik-Ansatz wie Maria Nguyen-Nhu, die gerade einen markanten Part aus Vivaldis „Frühling“ in der Loop-Schleife laufen lässt, während man sich im Club zwanglos unterhält.

„Das Servieren von Klassik in kleinen Häppchen gehört natürlich zum Konzept“, erklärt sie. „In einem Club kannst du keine Sinfonie spielen.“ Als dann je zwei Damen und Herren im studierfähigen Alter auf der Bühne Platz nehmen, verlagern sich mit der Konzentration auch die optischen Effekte, die gerade noch über die Wände flimmerten, auf eine Leinwand hinter der Bühne. Anfangs noch etwas unsicher, später immer selbstbewusster, begeistern die Vier in drei Sets mit einem frischen, improvisationsfreudigen Mix aus Paganini, Poulenc, Vivaldi, Massenet oder eigenen Kompositionen, wie dem hinreißendem Solo für eine Snare-Drum.

Fantastisch auch die Uraufführung eines noch namenlosen Stücks des Stuttgarter Komponisten Franz Jochen Herfert, bei dem die Tonsprache der modernen Klassik mit einem zwingenden Groove organisch verschmilzt.

Bezeichnenderweise hat man in dieser lockeren Atmosphäre keineswegs den Eindruck, man lausche einem klassischem Konzert. Vielmehr erlebt man einfach eine außergewöhnliche Band. Womit der erste „Orchesterclub“ trotz des enttäuschenden Publikumszuspruchs mit seinem wichtigsten Anliegen erfolgreich war: Er hat zwei Welten vereint.

Der nächste „Orchesterclub“ ist im Rahmen des Brückenfestivals am 10. August geplant.
 

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