NN-Bildungsforum: Lehrkräfte fordern bessere Ausstattung

21.9.2018, 19:59 Uhr
Rund 200 Gäste waren bei der Podiumsdiskussion in der Wilhelm-Löhe-Schule am Donnerstagabend zugegen.

© Michael Matejka Rund 200 Gäste waren bei der Podiumsdiskussion in der Wilhelm-Löhe-Schule am Donnerstagabend zugegen.

"Unser Zeitplan ist schon jetzt komplett im Eimer", zog NN-Redakteur Kurt Heidingsfelder, der zusammen mit seiner Kollegin Ute Möller die Moderation des lebhaften Diskussionsabends übernommen hatte, nach dem ersten Themenschwerpunkt Zwischenbilanz. Das lag auch an den vielen unterschiedlichen Diskussionsbeiträgen der Besucher, zu einem großen Teil aktive oder ehemalige Lehrkräfte und Schulleiter, die offen aussprachen, was ihrer Ansicht nach im bayerischen Schulsystem im Argen liegt.

Zum Beispiel bei der technischen Ausstattung der Schulen, wo sich laut einer Studie des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV) im Schnitt vier Schüler einen PC teilen müssen, oder bei der dünnen Personaldecke. "Viele Kolleginnen und Kollegen sind am Limit", sagte eine Schulleiterin und berichtete von einigen Pädagogen aus ihrem Umfeld, die sich wegen des Burnout-Syndroms in ärztliche Behandlung begeben mussten.

Dünnhäutige Reaktionen

Der wegen vorangegangener Termine ein paar Minuten zu spät gekommene Kultusminister Bernd Sibler (CSU) reagierte mit vielen Zahlen und wies auf neue Initiativen, Förderprogramme und Modellversuche hin. Bisweilen reagierte der Gast aus München ein wenig dünnhäutig, wenn Versäumnisse seines Ressorts zur Sprache kommen, die ihm – erst seit einem halben Jahr im Amt – nun auf die Füße fallen.

Dass man jetzt liefere – diesen Satz hörte man von Sibler, der seine berufliche Laufbahn als Gymnasiallehrer begonnen hatte, mehrmals an diesem Abend. "Sie sehen sich als Kümmerer, und ich erlebe das auch so. Die Mitglieder unseres Verbandes messen Ihre Ankündigungen aber an den realen Bedingungen vor Ort", konterte Simone Fleischmann, die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes. "Wir schauen genau hin, was nach dem 14. Oktober passiert."

In Sachen Digitalisierung ist in den vergangenen Monaten immerhin schon einiges auf den Weg gebracht worden: 212 Millionen Euro werden in den kommenden Jahren in Bayern in eine zeitgemäße technische Ausstattung der Schulen investiert, 50 000 digitale Klassenzimmer sollen eingerichtet werden – nach Ansicht von Matthias Weingärtner vom Landesschülerrat ein überfälliger Schritt. "Die Entwicklung hätte sicherlich vor 15 Jahren schon begonnen werden können. Andere Bundesländer sind da definitiv schon weiter", meinte der Schüler einer staatlichen Berufsoberschule. Wichtig sei aber, dass die Lehrkräfte die neue Technik in ihren Unterrichtsstunden auch einsetzen.

Keine Lust auf Computer?

"Wir wollen nicht die Old-School-Typen sein, die mit Overheadprojektor und Folie daherkommen", betonte Simone Fleischmann und wehrte sich gegen die Kritik, dass viele Pädagogen keine große Lust auf digitale Unterrichtsmittel hätten. Nicht nur die technische Ausstattung müsse stimmen, sondern auch der Support und die Fortbildung für die Lehrkräfte – "dann können wir uns auf den Weg machen".

Es sei wirklich nicht so, dass ein Lehrer die Schüler fragen müsse, um den Computer einzuschalten, ergänzte Jürgen Böhm, Vorsitzender des Bayerischen Realschullehrerverbandes. Die moderne Technik solle da eingesetzt werden, wo sie tatsächlich einen Mehrwert bringe, aber sie dürfe kein Selbstzweck sein. "Es geht uns nicht darum, Computer-Nerds heranzubilden, sondern mündige Menschen, die auch die Hintergründe dieser Medien durchblicken." Die Technik habe der Pädagogik zu dienen, nicht umgekehrt, brachte es Bernd Sibler auf den Punkt.

In diese Richtung zielt auch ein Versuch an 135 bayerischen Schulen, an denen die private Nutzung von Handys erlaubt ist. "Die Schüler werden den ganzen Tag von diesen Geräten begleitet, und es muss ihnen ja jemand beibringen, wie man damit vernünftig umgeht", erklärte Henrike Paede, stellvertretende Vorsitzende des Bayerischen Elternverbandes. Die Digitalisierung könne auch zur Bildungsgerechtigkeit beitragen, denn mit Hilfe neuer Medien wie Lehrvideos können Schüler den Lernstoff wiederholen, wenn sie etwas im Unterricht nicht verstanden haben. "Einen Nachhilfelehrer kann sich nicht jeder leisten, eine App für zehn Euro im Monat vielleicht doch", ergänzte Matthias Weingärtner.

Besonders emotional wurde die von Moderator Kurt Heidingsfelder aufgeworfene Frage diskutiert, warum angesichts der unterschiedlichen Bezahlung der Lehrkräfte die Lehre am Gymnasium anscheinend mehr wert sei als die an der Grundschule. Jürgen Böhm, Vorsitzender des Bayerischen Realschullehrerverbands warnte davor, hier die verschiedenen Lehrergruppen gegeneinander auszuspielen, und auch der Begriff "Neiddebatte" war in der anschließenden Diskussion mit den Besuchern zu hören.

35 Schüler in einer Klasse

Bernd Sibler verwies in diesem Zusammenhang unter anderem auf 700 zusätzliche Studienplätze für Grundschul-Lehramt, die nun geschaffen wurden, und Programme, die auch diesen Pädagogen die Einstufung in eine höhere Besoldungsstufe ermöglichen. Das Drehen an diesen Stellschrauben ändert nach Ansicht vieler Besucher aber nur wenig am grundsätzlichen Problem der unterschiedlichen Wertschätzung und des Lehrermangels an Grund- und Mittelschulen. Ein ehemaliger Schulleiter berichtete von Klassenstärken von zeitweise 35 Schülern und von einer Flasche Sekt, die man im März im Lehrerzimmer aufgemacht hatte. An jenem Tag musste erstmals im Schuljahr keine einzige Unterrichtsstunde ausfallen.

Beim Thema Bildungsgerechtigkeit verwies NN-Redakteurin Ute Möller auf die teilweise eklatanten Unterschiede bei den Übertrittszahlen, etwa in manchen oberbayerischen Landkreisen, bei denen 25 Prozent der Grundschüler aufs Gymnasium wechseln, während es im Landkreis München sage und schreibe 63,5 Prozent sind. "Sind die Kinder in München schlauer?", fragte Möller und verwies auf die Tatsache, dass für Kinder aus Akademikerfamilien die Chance auf eine Gymnasiumsempfehlung dreimal so hoch ist wie für Kinder aus einem Arbeiterhaushalt.

Dass Bildungschancen auch etwas mit dem Geldbeutel der Eltern zu tun haben, wollte auch Simon Fleischmann nicht in Abrede stellen. Sie wehrte sich aber gegen den Rückschluss, dass sich Lehrkräfte bei ihren Bewertungen von Schülern von solchen Faktoren beeinflussen lassen.

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