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Nürnberger Chefarzt: "Jeder Ungeimpfte hält diese Pandemie am Laufen"

Isabella Fischer
Isabella Fischer

Hochschule & Wissenschaft

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22.11.2021, 16:53 Uhr
Die Corona-Infektionszahlen steigen und steigen, die Intensivstationen geraten erneut an ihr Limit. Im Podcast Mit.Menschen gibt Prof. Joachim Ficker, ärztlicher Leiter der Klinik für Pneumologie am Klinikum Nürnberg, einen Einblick und erklärt, wie die vierte Welle bewältigt werden kann. 

Die Corona-Infektionszahlen steigen und steigen, die Intensivstationen geraten erneut an ihr Limit. Im Podcast Mit.Menschen gibt Prof. Joachim Ficker, ärztlicher Leiter der Klinik für Pneumologie am Klinikum Nürnberg, einen Einblick und erklärt, wie die vierte Welle bewältigt werden kann.  © NEWS5 / Merzbach, NN

Er und seine Kolleginnen und Kollegen arbeiten seit über 21 Monaten direkt an der Corona-Front: auf der Intensivstation im Klinikum Nürnberg. Im April 2021 war Prof. Joachim Ficker, Leiter der Klinik für Pneumologie, schon einmal zu Gast im Podcast Mit.Menschen. Da war Deutschland gerade mitten in der dritten Welle, alle Hoffnungen lagen auf den Impfungen. Wenn die Impfquote über 70 läge, wäre eine Herdenimmunität möglich - dachte man zumindest. Auch Ficker war zuversichtlich, im Herbst eine ganz andere Pandemielage im Land zu erleben.

Sieben Monate später lässt sich an der Realität nichts mehr schön reden. Zwar sind knapp 70 Prozent der Bevölkerung vollständig gegen Corona geimpft, doch die Infektionszahlen sind so hoch wie nie. Die Kliniken sind erneut an ihrer Belastungs- und Kapazitätsgrenze, auch am Klinikum Nürnberg.

"Unsere Routinekapazitäten sind ausgeschöpft", erzählt Ficker im Podcast. Die Konsequenz: Andere Stationen müssen zu Corona-Stationen umfunktioniert und auf den Intensivstationen die Nicht-Covid-Bereiche reduzieren werden - ein tägliches Tetris-Spiel, das auch für andere Patienten negative Folgen hat. Elektive Operationen, die medizinisch auch in mehreren Wochen und Monaten noch möglich sind, müssen auch im Klinikum Nürnberg schon verschoben werden. "Das klingt so harmlos, ist für die betroffenen Menschen aber extrem belastend", so Ficker.

Gut vorbereitet in die vierte Welle

Für die vierte Welle waren er und seine Kollegen gut vorbereitet, denn schon um Pfingsten warnten Mediziner und Wissenschaftler vor steigenden Infektionszahlen im Herbst. "Wir haben die Zeit genutzt, verschiedene Stufenpläne erarbeitet und uns bestmöglich auf die jetzige Situation eingestellt. Jetzt läuft es noch routinierter und transparenter als in vorherigen Wellen", erzählt er. Auch sei die Covid-Therapie in den vergangenen Monaten wesentlich präziser geworden.

Den Sommer "verschlafen" habe dagegen die Politik und die Gesellschaft. "Die Tendenz war, das Problem nicht mehr sehen zu wollen", so Ficker. Ohne Namen zu nennen oder zu pauschalisieren ist er von der Politik enttäuscht. "Die Abschaffung der FFP2-Masken, Gespräche über den Freedom-Day oder das Ende der pandemischen Lage - das fliegt uns jetzt um die Ohren", sagt er.

Psychisch wie physisch an der Grenze

Wie überall in der Republik sind auch am Klinikum Nürnberg die meisten Patienten auf den Intensivstationen ungeimpft. Die Versorgung bleibe bei jedem Patienten die Gleiche, doch "man tut sich schwer. Die Leute kämpfen um ihr Leben, dabei müssten sie nicht da sein, wären sie geimpft. Das ist eine bittere Wahrheit", gibt Ficker zu.

Die Dauer-Belastung bringt die Ärzte und Pflegekräfte an ihre psychischen wie physischen Grenzen. Posttraumatische Belastungsstörungen seien mittlerweile keine Seltenheit mehr, erzählt er. Unterstützung bekommen die Mitarbeiter von den Kollegen der Psychosomatik und den Klinikseelsorgern. Gemeinsamer Austausch Detox-Café oder Team-Aktivitäten außerhalb des Krankenhauses helfen, die Belastungen der dritten Welle und die Auswirkungen auf das eigene seelische Wohlbefinden zu reflektieren. "Die Gefahr, sich die Schuld für Leid und Tod mit nach Hause zu nehmen ist groß. Aber Selbstzweifel sind nicht der richtige Weg. Man muss empathisch bleiben und Emotionen zulassen", beschreibt er es.

Lange so weitergehen darf es allerdings nicht mehr. Ficker warnt eindringlich vor der vierten Welle und ihren Konsequenzen: "Wir werden sonst an eine Grenze kommen, an der Patienten - auch mit Herzinfarkten oder nach schweren Unfällen - nicht mehr adäquat versorgt werden können. Und da möchte niemand hin." Der einzige Ausweg sei die Impfung. "Jeder Ungeimpfte hält diese Pandemie am Laufen. Das heißt, dass jeder auch eine Verantwortung trägt, auch für seine Mitmenschen. Das Ende der Pandemie wird das harte 3G sein. Geimpft, genesen oder gestorben."

Die ganze Folge und alle weiteren Episoden Mit.Menschen hören Sie unter www.nordbayern.de/mitmenschen.