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Nürnberger Einzelhandel: "Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel"

Die inzidenzgesteuerten Öffnungen sorgen für Unmut - 11.04.2021 06:00 Uhr

Am Samstag vor den Verschärfungen im Einzelhandel war die Nürnberger Innenstadt wie leer gefegt. Durch die "Click and Meet"-Regelung ab 12. April könnte sich die Situation für die Einzelhändler noch zuspitzen.

10.04.2021 © Stefan Hippel, NNZ


Stellen Sie sich vor, es ist ein frühlingshafter Tag im April. Vielleicht würden Sie in ihrer Mittagspause schnell ein Geschenk im Bastelladen um die Ecke kaufen - oder ein paar frische Schnittblumen?

Im Jahr 2021 ist dieses Szenario undenkbar, insbesondere nachdem die geplanten Lockerungen für Geschäfte für den kommenden Montag doch wieder gekippt wurden. Die Ausnahmegenehmigung für einige Händler ist vom Tisch, stattdessen sollen jetzt inzidenzgesteuere Öffnungen greifen. Nürnbergers Händler sind - milde gesagt - verärgert.

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Geschäfte des notwendigen Bedarfs wie zum Beispiel Supermärkte, Drogerien, Apotheken oder Optiker bleiben wie gehabt mit Maskenpflicht offen. Für alle anderen gelten vier Stufen: Bei einer Inzidenz von unter 50 dürfen alle mit beschränkter Kundenzahl und Maskenpflicht aufmachen, bei einer Inzidenz bis 100 ist Click and Meet nach Anmeldung im Laden möglich, bei einer Inzidenz von 100 bis 200 Click and Meet mit Termin und aktuellem, negativen Coronatest. Bei einem Wert über 200 ist nur noch Click and Collect, das Abholen vorbestellter Ware, erlaubt.

Die genauen Ausführungen dazu nehmen im Bericht der Kabinettssitzung (Stand 7. April) fast zwei Seiten ein. Dazu kommen weitere Regelungen bezüglich der Größe der Verkaufsfläche oder der Aktualität des Schnelltest ("max. 48 Stunden alter PCR-Test oder max. 24 Stunden alter Schnelltest").


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Nürnbergs Händler sind wütend und enttäuscht

Überraschend seien die Maßnahmen nicht gewesen, sagt Stephanie Steichele. Die Geschäftsführerin von "Blumen Kuhn Floraldesign" habe sich mittlerweile daran gewöhnt, dass ständig "offen und wieder zu ist."

Eigentlich stattet sie mit ihren Kollegen Messeräume, den Opernball und sogar die Club-Lounges aus. Dass all das und nun zusätzlich wieder das Tagesgeschäft wegfällt - dies ist für die Floristin ein schwerer Schlag. "Man ist perspektivlos", so Steichele, die trotzdem versucht positiv zu bleiben.

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Auch der "Juwelier Paul" in Nürnberg muss sich nun auf die Regeln wieder neu einstellen. "Es ist schrecklich für uns," sagt Mitarbeiterin Olga Schupp offen. "Man geht eben damit um, weil man keine andere Wahl hat." Wenn die Inzidenzzahlen es am Montag erlauben, dürften die Kunden wieder mit Termin kommen. Doch auch hier: Es fehlt das Tagesgeschäft, der Einkaufsbummel.

Spontan versucht die neuen Situation zum Beispiel ein Mitarbeiter von "Bär GmbH", einem Schuhladen in der Breiten Gasse, zu handhaben. Schnelltests liegen auf dem Tisch für die kommende Woche bereit. Der Mann hat sie selbst bezahlt. "Ich warte die ersten zwei, drei Tage ab, ob viele Menschen einen Termin machen."

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Ob sich dies lohnt, würde sich dann erst im Laufe der Woche zeigen. Auch bei der "Typosphäre", einem Kleiderladen an der Karlsbrücke will man noch die Entwicklungen des Wochenendes abwarten, ehe man konkrete Schritte zu den inzidenzbasierten Öffnungen einleitet. Die Unsicherheit, die die ständigen Neuerungen mit sich bringen, ist bei Nürnbergs Händlern spürbar.

"Situation hat sich verschlechtert"

Das weiß auch Bernd Ohlmann vom Handelsverband Bayern. Die ausbleibenden Lockerungen seien "für die Einzelhändler eine Verschlechterung der Situation", sagt der Sprecher. Natürlich können Läden bei einer niedrigen Inzidenz öffnen. Doch: "Wenn Sie sich die Zahlen in Bayern anschauen; da kommt derzeit kein Landkreis unter 50," sagt Ohlmann. Click and Meet sei kein Ersatz, manche Händler würden bei diesem Modell sogar draufzahlen. "Strom, Mitarbeiter und Reinigung müssen bezahlt werden - und das für eine geringe Anzahl von Kunden."


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Auch aus Kundensicht klingen die inzidenzgesteuerten Öffnungen nicht nach einem angenehmen Shoppingerlebnis. Je nach Inzidenzwert muss ein Termin und gegebenenfalls ein negativer Coronatest her.

19.000 Betriebe auf der Kippe

"Viele Menschen sind außerdem immer noch zurückhaltend," sagt Ohlmann. "Manche wollen sich keiner Gefahr aussetzen oder haben keine Lust, extra einen Test zu machen." In Bayern seien viele Menschen zudem derzeit eher in Spar- als in Spendierlaune. Für die Händler sei Click and Meet schlicht "zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel." Insgesamt 19.000 Betriebe stünden im Freistaat auf der Kippe - und mit ihnen viele Arbeitsplätze.

Die Gefahr sieht auch Ilona Motalik. "Soll der Einzelhandel kaputt gehen? Denn er geht kaputt", sagt die Mitinhaberin vom "Der Laden" in Nürnberg. Dort verkauft sie auf einer kleinen Fläche nachhaltige Mode. Die Kundinnen an der Tür "abfertigen" gefällt Motalik nicht, die Beratung und der Kundenkontakt seien in der Modebranche wichtig. Den Sinn der neuen Maßnahmen verstehe keiner mehr, insbesondere mit Blick auf die teilweise rege besuchten Drogerien und Supermärkte, so die Mitinhaberin.

Kritik an Altmaier

Man merkt den Einzelhändlern an: Sie sind müde. Das wurde auch dem Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier beim "Wirtschaftsgipfel" gesagt. Er musste sich seitens der Wirtschaftsverbände viel Kritik anhören. Der "Dauer-Lockdown" bedrohe vor allem den Einzelhandel, weniger die exportstarke Industrie.

Altmaier verwies darauf, dass die Bundesregierung zusätzliche Hilfen beschlossen hat. Diese Hilfen sind allerdings in vielen Fällen noch nicht angekommen. Es bleibt eine Endlosschleife für Einzelhändler, die versuchen mit den nur begrenzten Möglichkeiten zu überleben. All das mit Blick auf Drogerien und Supermärkte, die teilweise Bücher, Haushaltswaren, Dekoration und Pflanzen verkaufen. Ganz ohne Termin und Test.

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