Nürnberger hat Leukämie überlebt - und will jetzt Mut machen

23.1.2020, 17:33 Uhr
An seinem Schlüsselbund trägt Emanuel Häuser ein Erinnerungsstück mit sich. Die blaue Klammer war 2016 Teil des Beutels mit der Blutstammzellspende, die ihm ein zweites Leben schenkte.

An seinem Schlüsselbund trägt Emanuel Häuser ein Erinnerungsstück mit sich. Die blaue Klammer war 2016 Teil des Beutels mit der Blutstammzellspende, die ihm ein zweites Leben schenkte. © Foto: Günter Distler

Bei der Behandlung bestimmter Formen von Leukämie kann eine Stammzelltransplantation (auch: Knochenmarktransplantation) die Rettung bringen. Bei Leukämie ist die Blutbildung, die im Knochenmark abläuft, gestört. Aus Blutstammzellen entstehen rote und weiße Blutkörperchen und Blutplättchen. Für eine Übertragung von gesunden Stammzellen eines Spenders auf einen Patienten müssen mindestens neun von zehn bestimmten genetischen Gewebemerkmalen übereinstimmen.

Der Spender muss sich zur Entnahme entweder einer Art Blutwäsche oder, seltener, einer Operation am Becken unterziehen. Der Empfänger erhält die aus dem Blut oder dem Knochenmark gewonnenen Stammzellen dann mittels Infusion. Er benötigt dazu eine risikoreiche Behandlung aus Chemotherapie und Bestrahlungen, die seine erkrankten Zellen zerstören. In der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS) sind sechs Millionen Spender in Deutschland registriert. Menschen zwischen 17 und 55 Jahren können sich per Post mit einem Abstrich aus dem Mund oder beim Blutspenden aufnehmen lassen. Die Registrierung ist auch am Klinikum Nürnberg möglich, das in seiner Knochenmarktransplantations-Einheit jährlich etwa 40 Transplantationen betreut. 

Der zweite Geburtstag. Es klingt kitschig, aber der Begriff stimmt nun mal, findet Emanuel Häuser. Am Mittag des 7. Oktober 2016 bekam er ein zweites Leben geschenkt. Es steckte in einem Infusionsbeutel, der wie eine Blutkonserve aussah und einen blauen Verschluss besaß. Schon wegen der Gefühlslage kann er den Tag nie vergessen. Ehrfurcht, Angst und die Frage: Bleibst du noch länger auf der Welt oder war’s das?

An seinem Schlüsselbund trägt Emanuel Häuser ein Erinnerungsstück mit sich. Die blaue Klammer war 2016 Teil des Beutels mit der Blutstammzellspende, die ihm ein zweites Leben schenkte.

An seinem Schlüsselbund trägt Emanuel Häuser ein Erinnerungsstück mit sich. Die blaue Klammer war 2016 Teil des Beutels mit der Blutstammzellspende, die ihm ein zweites Leben schenkte. © Foto: Emanuel Häuser

Viele Symptome und eine böse Vorahnung

Vier Monate zuvor fragt Emanuel Häuser sich eher, wie er sich endlich mal erholen könnte. Er ackert viel für seinen Job bei einer Unternehmensberatung. In einem Türkeiurlaub bekommt er eine schwere Mandelentzündung. In den Wochen danach immer wieder Fieberschübe. Beim Treppensteigen schnauft er wie nach dem Jogging. Dann diese rätselhafte Ohnmacht bei einer Fernbus-Fahrt. Auf der Toilette einer Autobahnraststätte kippt er um und erwacht auf dem Boden.


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Die anschließende Ärztetour in Nürnberg macht ihn noch heute etwas zornig. Ein junger Mann, schlank und sportlich – die Fachleute winken ab, der wird nichts Ernstes haben. Allergien, Pfeiffersches Drüsenfieber vielleicht? Auf eine Blutuntersuchung muss er drängen. Aber noch vor dem Termin kommt alles anders.

Eines Abends, als er sich kaum noch rühren kann vor Fieber und Schwäche, beschließt Emanuels Partnerin: ins Taxi und ab in die Notaufnahme. Die Diagnose, die die beiden am nächsten Morgen im Klinikum Nord erhalten, drückt sie nieder. Akute myeloische Leukämie, eine aggressive Form von Blutkrebs. "Ein wahnsinns realer Albtraum war das", erinnert sich Häuser. "Ich müsste eigentlich gleich aufwachen, kann es aber nicht."

"Sache positiv und mit Leichtigkeit angehen"

Leukämie – ironischerweise hat er die Krankheit anhand seiner Symptome sogar schon ergoogelt. Aber "Dr. Google" vertraut man doch nicht. Seine Eltern und sein Bruder kommen ins Zimmer, eine "hilflose Trauer" habe die Familie da gepackt. "Ich weiß noch, dass ich vor Wut auf der Toilette rumgeschrien und gefragt habe, ob ich mich jetzt gleich in die Schweiz bringen lassen soll."

Es folgen Monate des Schmerzes und des Kampfes. Der Fahrplan, den Emanuel Häuser von der Onkologie verordnet bekommt, strukturiert diese dunkle Zeit. Aber die existenziellen Fragen beantwortet er nicht. "Ich habe versucht, die Sache positiv und mit Leichtigkeit anzugehen", erzählt er. Die Stimmung auflockern, schwarzen Humor verbreiten, das sei schon immer seine Rolle gewesen.

Mit Chemotherapie versucht man bereits drei Tage nach der Diagnose die bösartige Vermehrung der unreifen Blutzellen zu stoppen. Häuser zeigt Fotos aus dem Sommer im Krankenhaus. Quatschbilder mit der Glatze, die ihm Bruder und Freundin scheren, bevor die Haare ausgehen. Der 29. Geburtstag mit seinem Zimmergenossen. Grimassen mit der Familie, mit der Lieblingskrankenschwester, zu der er bis heute Kontakt hält. In einer Behandlungspause macht er seiner Freundin einen Heiratsantrag. Kurz vor der Therapie hat er bei einer Samenbank Sperma einfrieren lassen, falls das Paar später Kinder haben will. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird ihn die Behandlung unfruchtbar machen.

 

Nach zwei Monaten überrascht eine Ärztin Häuser mit der Nachricht, dass ein passender Stammzellspender gefunden sei. Damit beginnt aber erst die eigentliche Tortur. Zur Vorbereitung auf die Übertragung – sie erfolgt per Infusion in die Vene – sind eine hochdosierte Chemotherapie und Bestrahlung nötig. Sie zerstören das Immunsystem und Knochenmark, damit das neue anwachsen kann. "Das hat reingehauen. Es war die schlimmste Zeit."

Der 32-Jährige verhehlt nicht, welche mentalen Abgründe er in den Wochen im Isolierzimmer durchschreitet. Wie ihn die Medikamentencocktails und die künstliche Ernährung von seinem Körper entfremden. Der ohnehin zierliche Mann verliert ein Drittel seines Körpergewichts. "Ich habe viel fantasiert, was ich einmal wieder essen möchte. Obstsalat. Burger."

Boden wischen, Pfandflaschen wegbringen

Zwischendurch stehen seine Überlebenschancen schlecht. Er bohrt einmal bei der Ärztin nach, deshalb weiß er das. Und als er dann sechs Wochen nach der Transplantation entlassen wird, ist nichts gut. Fatigue, Depression, extreme Schwäche. Über Wochen geht das so. Vom Sofa in die Küche zu gehen kostet ihn so viel Kraft, dass er es fast auf seine To-do-Liste schreiben muss, mit der er aus dem Loch zu kriechen versucht. Boden wischen, Pfandflaschem wegbringen.

Der junge Mann mit dem Dutt, der abgesehen von leichten Nachwirkungen an Lunge, Nieren und Haut längst wieder einen normalen Alltag lebt, erzählt das alles ohne Scheu in einem langen Interview in der NZ-Redaktion. Er zeigt die To-do-Liste, Laborberichte und das Käppi mit den Mut-Sprüchen, das ihm Freunde fürs Krankenhaus schenkten. Zu Hause wäre es schwieriger, er möchte seine Frau damit nicht belasten, ihr geht das Erlebte immer noch ans Innerste. Er hat sich vorbereitet, auf ein Blatt Papier Schlagworte rund um seine Krankheit notiert. Analysieren – das kommt von seinem BWL-Studium und dem Job. Aber schon auch aus seinem Vorsatz, reflektierter zu leben als vor dem Einschnitt. Im Zentrum seiner "Mindmap" stehen zwei Begriffe: "Leid & Segen".

"Wenig Artikel, die Hoffnung machen"

Für die Entstehung der Leukämie hat er seine eigene Erklärung gefunden. "Ich habe mit meinem Körper Raubbau betrieben. Er hat zu wenig Wertschätzung bekommen und hat dann einfach gesponnen." Weil er aber trotzdem "so gut rausgekommen" sei aus der Krankheit, möchte er seine Erlebnisse weitergeben. "Man findet so wenige persönliche Artikel dazu, die Hoffnung machen." Am Klinikum sei er von hervorragenden Experten und mit Einfühlungsvermögen betreut worden.

Vor kurzem hat Emanuel Häuser dem Mann, der sein genetischer Zwilling ist und die Blutstammzellen in dem Beutel gespendet hat, wieder zu Weihnachten geschrieben, per E-Mail. "Er hat selbstlos etwas gegeben, um ein fremdes Leben zu retten. Für mich ist das ein Held." Eine Antwort bekam er bisher nie. Aber er hat erfahren, dass der Spender im ähnlichen Alter ist und in der Oberpfalz lebt. "Meine Blutzellen sind jetzt komplett seine. Verrückt, sich das vorzustellen." Den Mann eines Tages zu treffen – er wäre bereit.

Zurück ins Büro

Seit zwei Jahren geht er wieder arbeiten. Seine Rückkehr ins Büro – nach eineinhalb Jahren Pause war das fast wie ein fremder Beruf, so viel hatte er verpasst. Und er war nicht mehr so belastbar. Mit den Kollegen darüber zu sprechen: eine Gratwanderung. "Man macht halt die Stimmung am Tisch kaputt." Er verstehe jeden, der beim Thema Krebs herumzustottern beginne. "Ich bekam da früher ja das selbe Gefühlschaos." Sein Großvater muss Prostatakrebs gehabt haben, sagt er, geredet wurde darüber aber nie. Wer ihn fragt, soll offene Antworten bekommen, das nimmt er sich vor.

In der Medizin gilt ein Krebspatient als gesund, wenn er fünf Jahre nach der Erstdiagnose tumorfrei ist. Emanuel Häuser fühlt sich wohler mit der Formulierung, dass ein Rückfall immer unwahrscheinlicher wird, je mehr Zeit jetzt vergeht. Drei Jahre sind schon vorüber.

Eine Ängstlichkeit, die er früher nicht kannte, sei hinzugekommen. Aber unterm Strich habe ihn die Krankheit "bereichert, in allem". Hat Krebs in jungen Jahren am Ende einen Sinn? Es sei ja nur für ihn persönlich so, erklärt er, aber er habe durch die Krankheit im Rückblick mehr gewonnen als geopfert. "Ich empfinde ein tiefes Gefühl von Dankbarkeit und Freude."

Für mich ist das ein Held

Auch seine Beziehungen hätten sich intensiviert. "Ich bin ehrlicher geworden und tue mich leichter, Leuten Feedback zu geben. Also zum Beispiel einem Freund nach dem Treffen noch mal zu schreiben, dass ich ihn mag und es schön war. Ich bin ein Harmonie-Typ, aber ich gehe jetzt öfter den Schritt, es nicht allen recht machen zu wollen." Häuser ist außerdem Vegetarier geworden. Es sei seltsam, sagt er, aber seit seinem Kreisen ums Leben und Sterben befremde es ihn, in totes Fleisch zu beißen.

Auf seinem Notizzettel steht das Wort "Pessimist" mit einem Fragezeichen. "Ich würde mich als Optimisten bezeichnen", sagt Emanuel Häuser. "Vor meiner Krankheit hätte ich Realist gesagt." Die blaue Klammer vom Infusionsbeutel, in dem die Stammzellen steckten, erinnert ihn an seinem Schlüsselbund jeden Tag daran: "Das Paradies ist hier."

Mein Spender hat selbstlos etwas gegeben, um ein fremdes Leben zu retten. Für mich ist das ein Held

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