Mittwoch, 13.11.2019

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Nürnbergs vergessener Tiergarten

Es gab ihn nur drei Jahre lang - 14.07.2009

Ein Wildpark schon im Mittelalter

Die Erinnerung an den ältesten Nürnberger Tiergarten halten die Namen Tiergärtnertor beziehungsweise Tiergärtnertorplatz bis heute wach. Mancher mag sich freilich Gedanken darüber machen, wieso gerade an dieser Stelle ein so überraschender Name auftaucht, wenn doch der Tiergarten am Schmausenbuck so weit entfernt ist. Doch der Name bezieht sich gar nicht auf den heutigen Tiergarten, sondern auf den ersten Tiergarten Nürnbergs, einen schon im Mittelalter angelegten ehemals burggräflichen Wildpark, der unmittelbar nördlich der Burggrafenburg lag.

Nahezu völlig in Vergessenheit geraten ist ein Zoo der Kaiserzeit, nämlich der Tiergarten Nürnberg-Unterbürg. Schon um 1907 hatten die wohlhabenden Brüder Carl, Hugo und Alfred Kührt aus reiner Liebhaberei mit dem Sammeln fremdländischer Tiere begonnen – damals ein sehr teures Unterfangen. Die Brüder Kührt stammten ursprünglich aus einer thüringischen Fabrikantenfamilie, die nach Nürnberg gezogen war.

Am 11. März 1908 stellten sie beim Königlichen Bezirksamt Nürnberg das nicht nur für die damalige Zeit ungewöhnliche Gesuch, im Ortsteil Unterbürg der seinerzeit noch selbstständigen Gemeinde Laufamholz einen Tiergarten mit Wirtschaftsbetrieb eröffnen zu dürfen. Er sollte für die Öffentlichkeit «gegen ein geringes Entgelt» zugänglich sein.

Affen können in die Straße kommen

Im Rahmen des Genehmigungsverfahrens musste auch die Gendarmerie eine Stellungnahme abgeben. Sie äußerte zwar prinzipiell keine Einwände gegen die Eröffnung eines Tiergartens, hielt dies aber «zum augenblicklichen Zeitpunkt» noch nicht für ratsam, weil «namentlich Affen in die Ortsstraße (von Laufamholz) kommen konnten und dort die Leute belästigen».

Am 26. März 1908 erneuerten die Gebrüder Kührt ihren Antrag. Schon wenige Tage später, ausgerechnet am 1. April 1908, beschloss der Gemeindeausschuss Laufamholz einstimmig, das gegen die Errichtung des Tiergartens nach Vollzug entsprechender Sicherheitsmaßnahmen nun keine weiteren Einwände erhoben würden. Am 19. April 1908 war es dann soweit: Die Betreiber öffneten gegen eine Eintrittsgebühr den Tiergarten für das Publikum. Der Tierbestand wurde erweitert. Bald trafen auch zwei junge Löwinnen in Unterbürg ein, von denen noch die Rede sein wird. Sie machten den Bau eines Raubtierhauses notwendig.

Im Laufe der Zeit jedoch wurden die kritischen Stimmen zum Tiergarten unüberhörbar. Die Auseinandersetzungen mit den Behörden und auch die Kritik in der Presse nahmen kein Ende mehr. Nach einer Aufstellung vom 3. April 1909, rund ein Jahr nach der Eröffnung, beherbergte der Tiergarten drei Bären im festgemauerten Raubtierhaus, zwei junge Löwen in einem Menageriekäfig mit Gittern, vier Affen, einen Waschbären, einen Nasenbären, drei Adler, drei Hirsche, zwei Wildschweine, drei «Eskimohunde» (wahrscheinlich Huskies), zwei Füchse, zwei Dachse, zwei Schakale, acht Papageien, zwei Kamele und viele andere.

Zu jener Zeit erfreute sich der Tiergarten Unterbürg eines außerordentlich großen Interesses bei der Bevölkerung. So sollen an Ostern 1909 über 20 000 und an Pfingsten nochmals etwa 10 000 Besucher in den Park gekommen sein. Der Tiergarten hatte sich - wie nicht ohne einen kritischen Unterton geäußert wurde - zu einem «Reklameunternehmen und Vergnügungsetablissment» entwickelt. Zum Reiten hatte man Pferde angeschafft, ein Wirtschaftszelt zur Bewirtung der vielen Besucher wurde aufgestellt.

Doch hatte der Tiergarten mit immer neuen Auflagen der Behörden zu kämpfen. Die Presse kritisierte weiterhin mangelnde Sicherheitsvorkehrungen und erhob sogar den Vorwurf der Tierquälerei. Ein anonymer Beschwerdeführer bedauerte zutiefst die armen Tiere und behauptete gar, dass sich für sie Hunger und Prügel einander abwechseln.

Der GAU: Löwe beißt Kind

Am Ostermontag, dem 28. März 1910 kam es dann zu einem folgenschweren Unfall: Alfred Kührt gab im Menageriekäfig eine Dressurvorstellung mit den beiden jungen Löwinnen. Mehrere Kinder waren auf das Dach des Löwenkäfigs geklettert, um von dort aus die Vorführung aus nächster Nähe verfolgen zu können. Der Tierwärter forderte sie auf, sofort das Dach zu verlassen – aber sie folgten nicht. Erwachsene Zuschauer ergriffen für die Kinder Partei und riefen, man solle die Kinder auf dem Dach lassen, weil «die Löwen doch nichts tun». Die Schauvorführung selbst verlief ohne Probleme, doch kaum hatte der Tierbändiger am Ende der Vorführung den Käfig verlassen, sprang blitzschnell eine der beiden Löwinnen am Gitter hoch. Sie packte einen kleinen Jungen am Kopf und am Arm. Kührt kehrte sofort in den Käfig zurück und zwang das Tier kraft seiner Dominanz, von seiner Beute abzulassen. Der Junge wurde von den Sanitätern verbunden und zu seinen Eltern gebracht.

Angesichts des «grässlichen Unglücks, das sich im so genannten Tiergarten in Unterbürg ereignete», setzten nun schwerste Vorwürfe der Presse wegen der angeblich mangelhaften Sicherungsvorkehrungen ein. Eine der schaurigsten Schlagzeilen lautete, die in Wirklichkeit relativ leichten Verwundungen unmäßig aufbauschend: «Von einem Löwen an Kopf und Arm zerfleischt!»

Doch für die Tiergartenbetreiber kam es zu amtlichen Konsequenzen: Der Genehmigungsbescheid vom 10. April 1909 wurde aufgehoben. Erst nach Beseitigung mehrerer als gefährlich eingestufter Tiere - dazu gehörten selbstverständlich die beiden Löwinnen - und nach Erfüllung einer langen Liste von Auflagen kam es am 27. August 1910 zur Wiedereröffnung. Die Besucherzahlen waren aber nun drastisch gesunken. Da half auch die Herabsetzung des Eintrittspreises auf zehn Pfennig im Oktober 1910 nichts mehr. Zu den drückenden finanziellen Problemen kamen weitere, so dass schließlich am 25. Januar 1911 der Betrieb eingestellt werden musste. Es hatte sich in der letzten Zeit immer mehr gezeigt, dass das Interesse der Bevölkerung am Tiergarten erloschen war, ließ sich doch die Eröffnung des neuen Nürnberger Tiergartens am Dutzendteich (11. Mai 1912) absehen.

Der letzte Bär wurde erschossen

Ein besonderes Problem breitete die «Liquidation» des noch verbliebenen Tierbestandes. Die meisten Tiere ließen sich relativ leicht veräußern, nicht so das einzige noch vorhandene «wilde und gefährliche» Tier: der blinde Bär. Der Vorschlag, ihn an den neuen Nürnberger Tiergarten abzugeben, wurde abgelehnt, würde doch ein blindes Tier einem neuen Tiergarten kaum zur Ehre gereichen. Am 29. Februar 1912 kam ein bisher noch nicht in Erscheinung getretener Bruder namens Otto Kührt mit vier weiteren Herren auf das ehemalige Tiergartengelände. Das Ende war traurig: Der Bär wurde erschossen, sein Fleisch aufgeteilt.

Hermann Rusam

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