Praxistest: Warum Radfahren durch Nürnberg gefährlich ist

26.10.2018, 05:39 Uhr
Auf der Pillenreuther Straße endet der Radweg abrupt — der ADFC-Vorsitzende Jens Ott und NN-Redakteurin Silke Roennefahrt müssen auf die Straße ausweichen.

Auf der Pillenreuther Straße endet der Radweg abrupt — der ADFC-Vorsitzende Jens Ott und NN-Redakteurin Silke Roennefahrt müssen auf die Straße ausweichen. © Roland Fengler

Das geht ja gut los. Eben noch habe ich mich über den zwar schlecht markierten, aber immerhin noch sichtbaren Radstreifen hinter dem Willy-Brandt-Platz gefreut, der uns in Richtung Bahnhof lotst, da bremsen uns die Autos aus. Zwischen parkenden und fahrenden Pkw ist kein Platz mehr für zwei Räder, wir kapitulieren und schieben ein Stück auf dem Gehweg entlang. "Das war jetzt schon mal der perfekte Einstieg", witzelt der ADFC-Vorsitzende Jens Ott, als wir uns an der Baustelle vor dem Hauptbahnhof zwischen den Fußgängern durchlavieren - dass uns dabei ein Absperrgitter von den vorbeirauschenden Autos trennt, ist ein Pluspunkt: Es fühlt sich sicherer an.

Und gleich wird es ja bestimmt angenehmer werden, schließlich haben wir uns für unseren Test zunächst eine der offiziell von der Stadt ausgeschilderten Fahrradrouten ausgesucht. Ganz komfortabel soll es in Richtung Gartenstadt gehen. Doch leider haben wir kurz nach dem Celtistunnel eine Abzweigung verpasst - und stoßen bald darauf auf die nächste Hürde: An der Ecke Pillenreuther und Bogenstraße endet der Radweg im Nichts, mitten auf der Straße. Wohl oder übel müssen wir uns in den Autoverkehr einordnen  nicht ganz ungefährlich, aber an dieser Stelle noch machbar.

Wir kehren auf die offizielle Radroute zurück und stoßen auf der Tafelfeldstraße mal auf ein positives Beispiel in Sachen Verkehrsführung: Hier taucht unvermutet eine markierte Radspur neu auf, die uns zwischen rechts- und linksabbiegenden Autos sicher über die Landgrabenstraße führt. Schade nur, dass auf der gegenüberliegenden Seite ein abbiegendes Auto die Radspur blockiert - immerhin hebt dessen Fahrerin die Hand zu einer entschuldigenden Geste. Doch schon ein paar Meter weiter zwingt uns ein mitten auf der Straße parkendes Auto an den Fahrbahnrand.

Spätestens hier taucht ein Gefühl auf, das uns während der gesamten Fahrt nur selten verlassen wird: Für Fahrräder ist eigentlich nirgendwo richtig Platz, man muss sich seinen Weg suchen und irgendwie durchmogeln. Jens Ott drückt es anders aus: "Das ist Alltag", sagt der passionierte Fahrradfahrer nüchtern. Er legt so gut wie jeden Weg in der Stadt mit dem Fahrrad zurück - und wählt die Strecke von A nach B vor allem nach einem Kriterium aus: "dass man möglichst gefahrlos durchkommt". Das versuchen auch wir, halten, wenn möglich, den geforderten Sicherheitsabstand von mindestens einem Meter zu parkenden Autos ein, vertrauen überall dort, wo das nicht geht, und das ist meistens der Fall, darauf, dass der Autofahrer schon gucken wird, bevor er die Tür aufmacht.

Pluspunkt in Sachen Sicherheit

Ein paar Hundert Meter geht es mit Hilfe der städtischen Schilder ganz entspannt in Richtung Gartenstadt weiter, durch die Voltastraße mit wenig Verkehr, später entlang der Schuckertstraße auf einem markierten Radstreifen. Schade nur, dass den mal wieder zur Hälfte ein Auto blockiert. Auch in der Pfälzer Straße wird der Radweg als Parkplatz missbraucht. Dafür wartet ein paar Meter weiter an der Kreuzung zur Gibitzenhofstraße eine Kreuzung mit Vorbildcharakter auf uns: Hier gibt es eigene Radspuren sowohl für rechts als auch für links abbiegende Radler, ein Pluspunkt in Sachen Sicherheit. Dennoch ist das Zwischenfazit nach dem ersten Teil der Strecke nicht gerade positiv.

"Es fehlt ein durchgehendes Netz in Nürnberg mit deutlich erkennbaren Routen", sagt Ott. Stattdessen geht es oft kreuz und quer, dass Radwege, wie zu Beginn unserer Tour, im Nichts enden, ist ebenfalls keine Seltenheit. Wie zum Beweis blockieren kurz vor dem Dianaplatz Warnbaken den Weg. Wegen einer Baustelle endet die Radspur mitten auf der Straße - wie die Radfahrer hier weiterfahren sollen, bleibt offen.

Hier sehen Sie die Teststrecke im Überblick.

Hier sehen Sie die Teststrecke im Überblick. © Infografik NN

Wir fädeln uns mal wieder zwischen den Autos ein, überqueren die Kreuzung und biegen in die Ulmenstraße ein. Hier am Mittleren Ring, entlang einer der meistbefahrenen Straßen in der Stadt, wird es ja wohl einen akzeptablen Fahrradweg geben?! Den entdecken wir auch direkt auf dem Gehweg, verbunden mit dem Hinweis, dass hier die Benutzungspflicht aufgehoben wurde. Wir könnten also auch auf die vierspurige Straße ausweichen. Warum das so ist, weiß Jens Ott: Der Radweg entspricht nicht mehr den heutigen Anforderungen, denn er ist zu schmal. "Aber was bringt dieses Wahlrecht hier?"


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Mit Blick auf den dichten Verkehr wählen wir lieber den Bürgersteig — und teilen uns einen 1,80 Meter breiten Streifen mit den Fußgängern, während zwei Fahrbahnen pro Richtung für Autos reserviert sind. Und das entlang einer Strecke, die allein schon wegen vieler angrenzender Firmen auch für Radfahrer eine wichtige Verbindung ist.

Dem ADFC werde auch von der Stadt oft vorgeworfen, alles so negativ zu sehen, sagt Ott. "Ich frage mich, ob die, die das sagen, eigentlich selbst mal mit dem Rad unterwegs sind." Warum er trotzdem nicht aufs Auto umsteigt? "Für mich ist das Rad immer noch das beste Fortbewegungsmittel in der Stadt", meint der 48-Jährige. "Und außerdem reicht der Platz nicht aus, wenn jeder Auto fährt."

Mehr in Infraktruktur investieren

Wenn Nürnberg lebenswert bleiben solle, müsse noch viel mehr in den öffentlichen Nahverkehr und die Infrastruktur für Radler investiert werden. Immerhin will die Stadt jetzt den Radwegetat kräftig aufstocken und künftig 3,5 Millionen Euro jährlich investieren — derzeit sind es nur 1,5 Millionen Euro. Das Bundesverkehrsministerium empfiehlt für Städte von der Größe Nürnbergs mindestens 6,5 Millionen Euro.

Wir fahren weiter entlang des Rings, werden zwischendurch mehrfach auf die Rechtsabbiegespuren der Autofahrer geleitet, schlängeln uns dann wieder zwischen Mauern und parkenden Lkw durch, die uns noch ein paar Zentimeter vom ohnehin schon knappen Platz auf dem Gehweg abknapsen. In der Pillenreuther Straße sieht es besser aus – theoretisch.

Hier ist ein breiterer Radstreifen für uns markiert, nur leider ist auch die Fahrbahn großzügig bemessen. Und so fließt der Verkehr zweispurig neben uns, obwohl das so nicht vorgesehen ist und auch nur funktioniert, weil die Autos auf der weißen Linie unseres Radweges fahren. "Wohl fühlt man sich dabei nicht", sagt Ott. Kein Wunder, dass einige Radler auf den Gehweg flüchten.

Ein erneuter Abstecher auf eine der Fahrradrouten soll am Ende dafür sorgen, dass unsere Bilanz doch noch ein bisschen positiver ausfällt. Wir biegen ein in die Humboldtstraße, Teil der Verbindung von Schweinau nach Laufamholz. Hier lässt es sich entspannt radeln, gut ausgeschildert geht es dann im Zickzackkurs durchs Bleiweißviertel weiter, auf Nebenstraßen mit wenig Verkehr. Erst kurz vor dem Pressehaus endet der Radweg entlang der Marienstraße abrupt. Immerhin ist diesmal nur eine Baustelle daran schuld.

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