Betrugsprozess

Prof. Dr. Schwindel: Hochstapler an Nürnberger Klinikum aufgeflogen

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Ulrike Löw

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2.7.2021, 09:19 Uhr

© Patrick Seeger, dpa

Am Nürnberger Klinikum war er sechs Wochen als persönlicher Referent des Vorstandes für Medizin und Entwicklung tätig, bis er im Frühjahr 2019 aufflog. Vorher war er vier Jahre an der 310Klinik.

Wie konnte es nur soweit kommen?

Wie gutgläubig waren die echten Ärzte und Personalchefs, dass sie sich so foppen ließen? "Ich hatte ja zwei Jahre Zeit, über all dies nachzudenken", sagt Toni F. (Name geändert) im Amtsgericht Nürnberg. Er trägt ein gestreiftes Hemd und eine Stoffhose, eine unauffällige Erscheinung. Wohl zu unauffällig, meint F. selbst. Aus seiner Sicht schenkten ihm die Eltern kaum Beachtung. Im Mittelpunkt, ob zu Hause, im Freundeskreis oder in der Schule, stand nur der ältere Bruder. Er glänzte mit Erfolgen.

Erst als Medizinstudent und Rettungssanitäter "hatte ich plötzlich viel zu erzählen", meint F. Er engagierte sich bei den Johannitern und flog als Rettungsassistent im Hubschrauber mit. Doch leider hielt er an der Uni dem Druck nicht stand, und warf das Handtuch.

"Ich war zu blöd für das Examen"

"Die Peinlichkeit, dass ich zu blöd für das Examen war, wollte ich nicht einräumen." Er verließ Rostock und zog nach Berlin. Doch die Lüge über das mit bestem Prädikat gemeisterte Studium ließ sich nicht abschütteln, viele seiner Bekannten pflegten Kontakte nach Berlin.

Plan B. sei gewesen, sich nun als Jura-Student neu zu erfinden. Er bestand die Erste juristische Staatsprüfung, doch scheiterte am Zweiten Staatsexamen – nun regte ein Freund an, aus dem Mix Medizin und Jura einen Beruf zu machen.

Rechnungen über 165.000 Euro Honorar

Und weil dieser Freund auch über gute Kontakte verfügte, fing Toni F. als Verwaltungsdirektor in der Nürnberger 310Klinik an; dank Vitamin B. brauchte er kein Zeugnis vorzulegen.

"Der Geschäftsführer ahnte nichts von meinen Lügen", sagt F. und zeigt sich zerknirscht. "Ich wollte dort nicht medizinisch tätig sein", gibt er im Amtsgericht zu Protokoll. Doch er prahlte mit seinen medizinischen Kenntnissen - und wurde nur deshalb aufgefordert, einige Bereitschaftsdienste zu übernehmen.

"Ich wollte raus aus dem ärztlichen Zeug"

Tatsächlich nahm er Patienten Blut ab, und schloss Transfusionen an. Als ausgebildeter Sanitäter konnte er dies, "doch die Situation überforderte mich". Wenn es ging, schob er die Tätigkeiten an Pflegekräfte ab. Seine Dienste stellte er der Klinik in Höhe von 165.000 Euro dabei durchaus in Rechnung.


Im Frühjahr 2019 flog der Hochstapler am Nürnberger Klinikum auf


Die Klinik, auch dies ist im Amtsgericht zu hören, verzichtet auf die Rückforderung des Honorars, offenbar will man abschließen.
Als sich die 310Klinik damals vergrößerte, wuchs der Druck. "Ich wollte aus diesem ärztlichen Zeug unbedingt raus", schildert F. "Ich bekam einen Herzinfarkt und suchte eine neue Stelle."

Am Nürnberger Klinikum hatte er Erfolg: Sechs Wochen lang war er persönlicher Referent des Vorstandes für Medizin und Entwicklung. Er war ausschließlich mit Verwaltungsaufgaben betraut, doch als Leisetreter fiel er nicht auf. Im Gegenteil.

Viel Milde im Amtsgericht

Die Zeugnisse für das Klinikum bastelte er am Computer, und er schuf eine bemerkenswerte Karriere. Er erstellte die Urkunden für den Doktortitel und die Approbation, er ernannte sich zum Professor und verzierte diese Urkunde mit einer Unterschrift von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier. Mit Hilfe des Photoshop-Programms beförderte sich der Hans Dampf in allen Gassen noch an die Spitze des BKA.

Ärzte im Nürnberger Klinikum forschten nach

Die Ärzte im Klinikum staunten - und wurden misstrauisch. Sie forschten nach der Promotion des Mannes. Fehlanzeige. Rasch stellte sich heraus, dass auch seine Zulassung gefälscht war und die Sache ging an die Staatsanwaltschaft Nürnberg.

Heute lebt Toni F. in Berlin, er ist in einer Verwaltung tätig und will nie wieder in einen weißen Kittel schlüpfen.
Seine Reue und weil niemand zu Schaden kam, sorgt für viel Milde im Amtsgericht: Er bleibt auf freiem Fuß, die Vollstreckung der zweijährigen Freiheitsstrafe wird zur Bewährung ausgesetzt. Damit ein Denkzettel bleibt, muss er 250 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten.

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