Donnerstag, 01.10.2020

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Rettung in Nürnberg: Uralte Gerberei vor dem Abriss bewahrt

Genehmigung war erteilt - Altstadtfreunde investierten fast vier Millionen Euro - 22.07.2020 06:00 Uhr

Karl-Heinz Enderle, Vorsitzender der Nürnberger Altstadtfreunde, freut sich über die gut erhaltene Bohlendecke im einstigen Gerberhaus Hintere Ledergasse 43.

© Michael Müller


Und nun 18 Jahre später: Die marode Immobilie ist gerettet. Eigentlich sollten jetzt die ersten Mieter jetzt ins Haus Hintere Ledergasse 43 einziehen. Doch daran ist derzeit noch nicht zu denken: Wer das Gerberhaus aus dem 17. Jahrhundert betritt, kommt auf eine Baustelle.

Gerüste versperren den Blick auf Fassade und Innenhof des Hauses, im Gebäude sind schwere Säcke mit Putz aufeinander gestapelt, Schutt liegt am Boden, die Wände sind roh, Handwerker-Leitern stehen herum, kurz: Mit dem Bezug des Hauses kann man erst im nächsten Frühjahr rechnen. Der Zeitplan verschiebt sich, in Corona-Zeiten ist das ja nichts Außergewöhnliches mehr.

350 Kilogramm Vogelkot entfernt

Vier Millionen Euro dürfte die komplette Sanierung nun kosten, ausgegangen waren die Altstadtfreunde als Eigentümer von 3,5 Millionen Euro. Doch bei alten Gemäuern tauchen immer wieder einmal kostspielige Entdeckungen auf. Dass die unansehnliche Ruine nicht schon vor Jahren abgeräumt wurde, ist dem Verein von seinen rund 5000 Mitgliedern zu verdanken.

Schreiner mussten die schadhaften Deckenbalken exakt absägen und neues Holz ansetzen. Es sollte so viel originale Bausubstanz wie möglich erhalten bleiben.

© Michael Müller


Die Lage hinter dem riesigen Elektromarkt Saturn und mit einem Parkhaus als unmittelbarem Nachbarn ist alles andere als attraktiv. Wohlgefühlt hatten sich dort zuletzt nur mehr die Tauben: 350 Kilogramm Vogelkot musste man vor Jahren entsorgen, ehe die eigentlichen Sanierungsarbeiten beginnen konnten.

Großbrand vernichtete 32 Häuser

Ein normaler Investor hätte auf die Rettung der Bruchbude keinen Gedanken verschwendet. Die Altstadtfreunde schon: Sie steckten viel Energie und Geld in das Anwesen, das an die Gerber früherer Jahrhunderte erinnert. Das stinkende Gewerbe war in dieser Gegend angesiedelt. Bei einem Großbrand 1645 waren 32 Anwesen in dem Rotgerberviertel niedergebrannt. Und einer der Neubauten nach dem Feuer ist — mit Galerien zum Trocknen der Felle — eben die Hintere Ledergasse 43.

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Von dieser Geruchsbelästigung ist heute natürlich nichts mehr zu erschnuppern. Und die zentrale Lage in der Altstadt ist für viele ein gutes Argument, sich dort einmal genauer umzusehen. Sieben Wohnungen zwischen 45 und 80 Quadratmetern entstehen in dem Gebäude.

An Interessenten fehlt es nicht, weitere Bewerber können sich auf eine Warteliste setzen lassen. Ein Schmuckstück gibt es in dem Anwesen: "Hier entsteht der größte und schönste Hof der Altstadtfreunde", meint Vorsitzender Karl-Heinz Enderle stolz bei einer Führung, die das Quartiersbüro Altstadt organisiert hatte. Mit Galerien in den Obergeschossen, einem Brunnen in einer Hofecke — das kann schon ein lauschiges Plätzchen werden. Momentan lässt sich dies aber nur erahnen: Gerüste versperren den Blick.

Geschwärzter Balken erinnert an Weltkrieg

Und noch eine Besonderheit befindet sich in dem 20. Haus, das die Altstadtfreunde von Grund auf renoviert und in seiner Originalsubstanz erhalten haben. An der Treppe unter dem Dach ist ein rußgeschwärzter Balken sichtbar — und er bleibt es auch: „Wir setzen Glas davor, damit entsteht ein Fenster in die Vergangenheit“, meint Enderle. Denn im Zweiten Weltkrieg stand das Haus in Flammen. Der Dachstuhl brannte ab, ein Übergreifen auf das gesamte Wohngebäude konnte man gerade noch verhindern.
Es war damals eine Rettung in letzter Sekunde, wie das verkohlte Holz erahnen lässt. Mit den peniblen, teuren Reparaturen haben die Altstadtfreunde das Haus erneut gerettet.

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