Mittwoch, 14.04.2021

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Sagt eine Gebärde mehr als tausend Worte?

Judit Nothdurft über die Vorteile der Gebärdensprache und ihren Nutzen für Hörende. - 18.08.2020 16:38 Uhr

Judit Nothdurft bei der Arbeit: Die 61-Jährige schult auch Rettungskräfte und Mediziner.

19.08.2020 © Foto: Reiner und Judit Nothdurft


Frau Nothdurft, inzwischen stehen Gebärdensprachdolmetscher neben hochrangigen Politikern in aller Welt oder der Uno. Setzt sich die Gebärdensprache jetzt durch?

Bei uns leider noch nicht. Die tägliche Pressekonferenz des Robert-Koch-Instituts zu Corona war ewig lang ohne Dolmetscher, wir mussten extra einen Antrag dazu stellen. Dabei reden wir seit 2008 über Inklusion und schreiben sie in großen Buchstaben . . .

Ist es schwierig, die Gebärdensprache zu lernen?

Sie ist wie eine Fremdsprache. Sie brauchen zwei, drei, vier Jahre. Wer viel mit Gehörlosen gebärdet, lernt natürlich schneller. Die Gebärdensprache selbst verändert sich ständig. Früher hat man "Straßenbahn" gebärdet, indem mit einer Hand das Steuerrad gedreht wurde: Heute gebärdet es die jüngere Generation mit zwei Fingern nach oben, wie ein Stromabnehmer.

Gibt es für jedes Wort eine sinnfällige Gebärde?

Für viele. Manche Gebärden sind ganz einfach. Für "Guten Morgen" gehen beide Hände vor dem Körper hoch – die Sonne geht auf. Und für "Guten Abend" geht sie wieder unter. Aber es gibt auch Gebärden für neue, abstrakte Begriffe: Für "Internet" zum Beispiel treffen sich die gestreckten Mittelfinger vor dem Körper und werden gedreht. "Corona" wird gebärdet, indem die linke Hand eine Faust macht und die gespreizten Finger der rechten Hand sich darum drehen. So wie die Stacheln des Virus.

So könnten sich Menschen ja auf der ganzen Welt verständigen, oder?

Aber jedes Land hat seine eigene Gebärdensprache, es gibt sogar regionale Dialekte. In Bayern etwa wird der Sonntag mit Beten gebärdet, in Norddeutschland streicht man sich mit der rechten Hand über die Kleider – den Sonntagsstaat. Nur eine Gebärde ist überall gleich, auf der ganzen Welt. I love you wird mit gespreiztem Daumen, Zeige- und kleinem Finger und eingeklapptem Mittel- und Ringfinger gebärdet.

Judit Nothdurft (im Bild mit dem universellen Gebärdengruß ILY – I love you), 61, ist durch ihre Söhne zur Gebärdensprache gekommen. Der Älteste ist gehörlos, der Jüngste einseitig gehörlos, einseitig schwerhörig. 2009 gründete sie die Judit Nothdurft Consulting und machte sich als Beraterin selbstständig. Anfangs schulte sie Notfallmediziner und Rettungssanitäter, inzwischen berät sie Schulen, Pflegeheime und auch Unternehmen.

18.08.2020 © Foto: Reiner und Judit Nothdurf


Wie ist es dann mit Zeit- und Ortsangaben?

Uhrzeiten sind überhaupt kein Problem, die Vergangenheit wird hinter dem Körper gebärdet und die Zukunft zeigt nach vorn. Auch Orte lassen sich leicht übersetzen, für große Städte gibt es eigene Gebärden. Für Bayreuth steht die Geige in der Hand, für Nürnberg zeigt die Handfläche der linken Hand nach unten und man streicht mit dem rechten Zeige- und Mittelfinger über den Handrücken. Manche gebärden das mit der linken Handfläche nach oben, der rechte Zeige- und Mittelfinger ziehen drüber als Symbol für das Bötchen mit den Bratwürsten. Da gibt es auch Diskussionen!

Warum ziehen die Gebärdenden solche, Verzeihung, Grimassen?

Wir bewegen nicht nur die Hände, sondern die Mimik ist ein ganz wichtiger Bestandteil der Gebärdensprache. Anders als in der Lautsprache können wir unterschiedliche Bedeutungen nicht mit Betonung oder Melodie signalisieren. Sondern eine Frage wird mit hochgezogenen Augenbauen und nach vorn geneigtem Oberkörper gebärdet: "Ist das meine Flasche?" Bei der Feststellung "Das ist meine Flasche" dagegen bleibt der Oberkörper aufrecht und die Augenbrauen ruhen in der "normalen" Position. Die Mimik zeigt die Gefühle, erzeugt ganz unterschiedliche Bedeutungen. Beim "Arbeiten" zum Beispiel bewegen sich zwei Fäuste übereinander. Wenn ich dazu freundlich schaue, bedeutet das fleißig oder angenehm. Ist die Mimik grimmig, ist die Arbeit wenig schön oder belastend.

Warum sollten hörende Menschen die Gebärdensprache lernen?

Gegenfrage: Warum lernen Sie Spanisch oder Englisch? Weil man Interesse an der Kultur hat oder mit gehörlosen Menschen in Verbindung treten will. Ich bin Mutter von zwei gehörlosen/schwerhörigen Söhnen und habe null Ahnung gehabt, was das bedeutet. Dann habe ich gelernt, sehr mühsam. Und wenn ich mit den Kindern auf dem Spielplatz gebärdet habe, gab es Kommentare wie "Guck mal, die sind blöd". Ich bin ab und zu weinend nach Hause gegangen. Das hat sich Gott sei Dank geändert. Heute ist es ein bisschen einfacher, die Gebärdensprache zu lernen. Es gibt Bücher und Lexika und auch DVDs.

Sie unterrichten im Ferienprogramm auch Kinder in der Gebärdensprache, die einfach aus Spaß mitmachen . . .

Die Kinder sollen ein Gefühl dafür bekommen, warum Menschen so sprechen, wie sie sprechen. Sie sind begeistert und sagen: "Ich möchte auch mal so sprechen, dass uns keiner versteht – nur meine Freundin." Kinder haben das Fingeralphabet in einer Viertelstunde drin, Erwachsene brauchen dafür manchmal Tage. Es wäre toll, wenn auch Erwachsene sich mehr für die Gebärdensprache interessieren würden. Gerade Menschen, die häufig präsentieren müssen: Sie könnten Mimik und Körperbewegung automatisch in ihre Vorträge einbauen, das löst Blockaden und wirkt lebendig. Sie würden von ihren Zuhörern besser verstanden.

Können sich Hörende denn in Hörbehinderte hineinversetzen?

Seit zehn Jahren trage ich ein Hörgerät und kann nachempfinden, was es bedeutet. Wenn im Hintergrund Musik läuft, kann ich Sprache nicht mehr verstehen. Das ist weit verbreitet: In Deutschland sind 16 Millionen Menschen schwerhörig oder gehörlos.

INTERVIEW: GABRIELE KOENIG

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