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Schnapsidee? Nürnberger baut Wein mitten in der Innenstadt an

Die Ernte soll in diesem Jahr reichhaltig ausfallen - 26.08.2020 05:43 Uhr

Patrik Fritz baut „alten fränkischen Satz“ an, eine Mischung aus sechs Rebsorten.

25.08.2020 © Foto: Michael Matejka


Noch sind sie zu klein und zu unreif, um sie zu probieren. Doch dass die Ernte voraussichtlich reichhaltig sein wird, ist gut zu erkennen. In dicken Trauben hängen die Weinbeeren an den 45 Weinstöcken, die mitten in der Stadt prächtig gedeihen, obwohl die Fläche nachmittags im Schatten liegt. Doch das mache die Wärme, die von den dicken Mauern abstrahlt, mehr als wett, sagt Patrik Fritz, der direkt unterhalb der Burg den einzigen größeren Weinberg innerhalb der Stadtmauern betreibt. "Teilweise ist es hier schon fast zu heiß."


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Bei den Stadt(ver)führungen wird er das Projekt präsentieren, das zunächst eine Schnapsidee war: Von seiner Wohnung in der Oberen Schmiedgasse aus habe er ständig auf den verwilderten Grünstreifen unter seinem Küchenfenster geblickt, sagt Fritz. "Da ich gerne Wein trinke und auch gerne damit koche, kam ich auf die Idee, dort meinen eigenen Hauswein anzupflanzen." Dank einer Nachbarin, die wusste, dass das Grundstück der Stadt gehört, konnte er für die Fläche eine Pflanzpatenschaft übernehmen. Die zuständige Mitarbeiterin sei zwar zunächst etwas irritiert gewesen ob des ungewöhnlichen Projektes, sagt Fritz. "Aber dann wurde die Sache ganz unbürokratisch genehmigt" – mit der Auflage, einen Meter Abstand zur Burgmauer zu halten.

Zeit zum Wachsen

Drei Jahre ist das her, und in diesem Jahr wird der Nürnberger erstmals seinen eigenen Wein genießen können. "Man muss den Weinstöcken Zeit lassen, zu wachsen", sagt der 39-Jährige, der seine Leidenschaft mittlerweile zum Beruf gemacht hat: Er arbeitet, nach einer entsprechenden Ausbildung, als Weinfachberater.

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Mit seinem Projekt im Schatten der Burg knüpft er an eine historische Tradition an. Vor rund 600 Jahren wurde in Nürnberg ebenfalls Wein angebaut, sogar an derselben Stelle, wie Fritz ermittelt hat. "Nürnberg war eine Weinstadt." Der Wein sei damals ein "günstiges keimfreies Getränk" für die mittelalterliche Stadtgesellschaft gewesen. Im 15. Jahrhundert zogen sich Rebstock-Kulturen entlang der Pegnitz von Schniegling über St. Johannis bis nach Laufamholz. Erst eine kleine "Eiszeit" im 16. Jahrhundert, die die Temperaturen im Herbst über mehrere Jahre hinweg sinken ließ, machte dem Weinbau in der Stadt ein Ende.

Teilweise sei es fast zu heiß im Weinberg unterhalb der Kaiserburg, sagt der Weinfachberater.

25.08.2020 © Foto: Michael Matejka


Auch mit den Rebsorten knüpft Fritz an die Vergangenheit an: Er hat sich für den "alten fränkischen Satz" entschieden, bestehend aus Grau- und Weißburgunder, Blauem Silvaner, Gewürztraminer, Bukett-Traube und Adelfränkisch. Falls eine Rebsorte krank wird, soll die Mischung vor einem Totalverlust bei der Ernte schützen. Auf konventionelle Spritzmittel verzichtet Fritz, dem echten Mehltau rückt er mit einer Mischung aus Handseife, Wasser und Backpulver zu Leibe oder er verwendet ein Wasser-Milch-Gemisch.

Die meiste Arbeit hat er jedoch mit dem Schutz vor Menschen und Vögeln: Wenn die Beeren reif werden, wird jede Traube in ein schützendes Säckchen gehüllt, um Naschkatzen abzuhalten. "Sonst wäre die erste Reihe meiner Weinstöcke leer." Denn der ungewöhnliche Garten am Ölberg, in dem zwischen den Rebstöcken unter anderem Tomaten, Kohlrabi und Erdbeeren reifen, wird auch von vielen Touristen bewundert.

Die Mühe lohnt sich

Der Aufwand, um schließlich, wie aus der Ernte des Vorjahres, 35 Liter Wein produzieren zu können, ist also groß. "Ein bisschen verrückt muss man schon sein", gesteht der Hobby-Weinbauer. Doch dafür weiß er mittlerweile, dass sich die Mühe auch lohnt: Seinen ersten orangefarbenen Naturwein, der nach Boskop und Quitte duftet, konnte er im Juli verkosten. Demnächst soll der "Vin naturel" in Flaschen umgefüllt werden, einen Teil davon will Fritz möglicherweise für einen guten Zweck versteigern.

Bei den Stadt(ver)führungen wird er deshalb auch einen anderen Tropfen ausschenken. Dieser stammt aus einem historischen Weinberg, auf dem ebenfalls der alte fränkische Satz angebaut wird. Und wer weiß, vielleicht werden die Teilnehmer eines Tages auch den Nürnberger Wein probieren können, denn wenn es nach Fritz geht, muss mit der Fläche am Ölberg nicht Schluss sein.

Eine Etage höher hat er auf dem Gelände der Kaiserburg eine weitere Fläche ausgemacht, die, so schwärmt er, wäre "eine Top-Lage" Nur die Genehmigung der bayerischen Schlösserverwaltung steht leider noch aus.


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Für die Teilnahme an den Stadt(ver)führungen vom 18. bis 20. September braucht man ein Türmchen, Abonnenten erhalten mit ihrer ZAC-Karte in den Geschäftsstellen Fürth, Erlangen, Forchheim, Lauf und Schwabach und in der Mauthalle Rabatt. Zu den Führungen von Patrik Fritz durch den Hausweingarten (Nr. 48) muss man sich anmelden, das ist ab 5. September, 10 Uhr, ausschließlich online möglich. www.stadtverfuehrungen.nuernberg.de.


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