Freitag, 05.03.2021

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Sie war furchtlos und renitent

Vor 30 Jahren siegte Christine Roth mit ihrer „Stoppt Strauß“-Plakette vor Gericht - 18.06.2011

Christine Roth mit ihrer „Stoppt Strauß“-Plakette von 1980.

17.06.2011 © Horst Linke


Frau Roth, haben Sie das Corpus Delicti noch?

Christine Roth (kramt in ihrer Schreibtischschublade): Doch, da ist es. Ich hab’s all die Jahre aufgehoben.

Wegen dieser „Stoppt Strauß“-Plakette sind Sie 1980 in Regensburg von der Schule geflogen. Respekt vor dem CSU-Ministerpräsidenten und damaligen Kanzlerkandidaten hatten Sie offenbar keinen?

Christine Roth: Die Politik von Strauß hatte keinen Respekt verdient. Der hat Diktatoren hofiert und sich vom Faschismus nie ausdrücklich distanziert. Besonders entsetzt war ich als knapp 18-Jährige über die „Ratten und Schmeißfliegen“, als die er die Schriftsteller Bernt Engelmann und Luise Rinser tituliert hat. Das war Menschenverachtung. Dass das Volk laut Strauß ein Recht darauf habe, nichts mehr von Auschwitz hören zu müssen, hat mich ebenfalls schockiert. Der Holocaust darf nie vergessen werden, nie.

Der „Fall Schanderl“, so hießen Sie damals noch, hat hohe Wellen geschlagen. Respekt ist Ihnen dann vor exakt 30 Jahren vor Gericht widerfahren.

Roth: Der Bayerische Verfassungsgerichtshof hat mir 1981 recht gegeben und jenen Passus aus der Schulordnung gekippt, der Schülern politische Meinungsäußerungen verbot. Sogar mein Vater, der ganz anders dachte, hat mir da insgeheim Respekt gezollt. Zeigen konnte er mir das freilich nicht.

Was hat die Tochter aus gutem katholisch-konservativem Elternhaus so renitent gemacht?

Ihr Kampf um die Plakette hatte vor 30 Jahren Erfolg vor Gericht.

17.06.2011 © NN-Archiv



Roth
: Mit 13 habe ich eine Ausstellung über den Widerstand und die Verfolgung während der Nazi-Zeit gesehen und eine erste Ahnung davon bekommen, was da geschehen war. Mit meinem Vater habe ich seither gestritten ohne Ende. Als ich nicht mehr in die Kirche gehen wollte, war’s ganz aus. Es folgte ein langes Schweigen zwischen uns, erst viel später haben wir uns wieder angenähert.

Ihr Respekt für ihn war dahin?

Roth: Nicht der vor seiner Lebensleistung. Er kam aus bitterarmen Verhältnissen und hat sich seine Bildung bis zur Uni hart erkämpft. Ihm hat nur die nötige Gelassenheit gefehlt. Wir waren beide unheimliche Sturköpfe. Und ich war pubertätsbedingt frech und habe alles hinterfragt. Mit 17 bin ich ausgezogen und jeden Tag putzen gegangen, um mich durchzuschlagen.

Sie müssen geradezu furchtlos gewesen sein, was Schulstrafen anging. Es hat Verweise gehagelt, der Rausschmiss folgte ...

Roth: ...mich hat das alles innerlich nicht wirklich berührt. Ich war schon in der siebten und achten Klasse Schülersprecherin, bei der Schülerzeitung habe ich seit Jahren gegen die Zensur gekämpft. Da war ich gut im Training. Und was war schon ein Disziplinarausschuss in der Schule gegen meine Empörung darüber, wie NS-Verbrechen damals unter den Teppich gekehrt wurden.

Sind Sie auch als Anwältin ein harter Knochen?

Roth: Nur wenn es sein muss. Ich versuche immer zuerst eine gütliche Lösung. Meine Prozesse führe ich so, dass vernünftige und gute Lösungen möglich sind.

Das Wort Respekt hat ja mehrere Bedeutungen. Welche hören Sie heraus?

Roth: Im Lateinischen bedeutet es Rücksicht nehmen, zurückschauen. Ich verstehe darunter die Achtung vor dem Menschen. Nicht weil er ein Amt hat oder Macht, sondern weil er ein Mensch ist. Der erste Satz in unserem Grundgesetz drückt das einfach am besten aus: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“

Und wenn es heißt, die Jugend habe keinen Respekt mehr?

Roth: Wie habe ich diesen Satz früher gehasst. Aber es ist natürlich

Respektlosigkeit, die Füße in der U-Bahn auf den Sitz zu legen, seinen Hund überall hinmachen zu lassen oder Müll auf die Straße zu werfen, egal, ob Jung oder Alt das tun. Da werde ich wirklich giftig, manchmal spreche ich das auch an, je nach Tagesform.

Ihr Sohn ist jetzt 16. War der immer respektvoll?

Roth: Er hat’s, wie alle Kinder, durchaus ausprobiert und mir als Vierjähriger mal ein übles Schimpfwort an den Kopf geworfen. Da bin ich aber losgegangen wie ein Taifun. Er hat es dann nie wieder gesagt.

Respekt. Was würden Sie ihm raten, wenn er wegen politischer Aktivitäten von der Schule zu fliegen drohte — so wie Sie damals?

Roth: Da hielte ich es mit Voltaire, der sinngemäß sagt: „Ich bin zwar nicht Deiner Meinung, aber ich werde darum kämpfen, dass Du sie kundtun kannst.“ Sich aus Angst zu verbiegen, ist verkehrt. Man muss zu seinen Überzeugungen stehen, auch wenn einem der Wind um die Nase weht. Den „Stoppt Strauß“-Anstecker habe ich auch erst abgenommen, als die Wahl vorüber war und uns ein Kanzler Strauß erspart blieb. Vorher ging da gar nichts.
 

Interview: CLAUDINE STAUBER Lokales Nürnberg

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