Dienstag, 22.10.2019

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So streitet man richtig: Nürnberger Expertinnen geben Tipps

Streitschule bietet Seminare an - 10.10.2019 16:19 Uhr

Im Streitgespräch kann es schon mal heftig zugehen. In der Streitschule lernt man, die Bedürfnisse zu erkennen, die dahinterstecken – und seine eigenen klar zu kommunizieren. © pixabay


Und irgendwann schmeißt jemand Geschirr, das hinter dem Partner an der Wand zerschellt – so werden heftige Auseinandersetzungen gerne in Filmen dargestellt. In der Realität sehen Streitigkeiten meist anders aus, es fliegen eher Vorwürfe als Teller quer über den Tisch.

Trotzdem: Gestritten wird überall, ob in der Partnerschaft, in der Familie, unter Freunden, im Job. Susanne Galsterer und Magdalena Steib können das bestätigen. Die beiden Mediatorinnen leiten die Nürnberger Streitschule, einer von deutschlandweit rund 20 Ablegern der Einrichtung aus München. In dieser Schule lernt man genau das, was der Name verspricht: nämlich Streiten. Denn das ist zwar ganz natürlich, doch verläuft es oft in eingefahrenen Mustern, die dafür sorgen, dass die Auseinandersetzung wenig konstruktiv ist.

"Hinter jedem Vorwurf steht ein Wunsch"

Wenn am Ende eines Wortgefechtes dann nur verletzte Gefühle statt einer Lösung stehen, läuft eindeutig etwas falsch. Und an dieser Stelle können Galsterer und Steib von der Streitschule oft helfen.

Magdalena Steib © Foto: Roland Fengler


Eine beruhigende Erkenntnis vorab: Streiten ist ganz normal – und sogar wichtig. "Jeder Mensch hat seine ganz eigenen Bedürfnisse", erklärt Magdalena Steib. Und weil die bei jedem ganz unterschiedlich seien, komme es in jeder menschlichen Beziehung früher oder später dazu, dass ein Bedürfnis nicht erfüllt wird. Der eine wünscht sich vielleicht Zeit mit dem Partner, während der mehr Freiraum braucht. "Hinter jedem Vorwurf steht ein Wunsch", sagt Steib. "Wenn der nicht erfüllt wird, verursacht das unangenehme Gefühle", so die Mediatorin – und denen wird dann in einem Streit Luft gemacht.

Hier zeigt sich bereits ein Grundproblem vieler Konflikte: Sie entstehen aus der Wut des Moments heraus. Es mag klischeehaft klingen, aber oftmals sei es ratsam, erst einmal eine Nacht über ein Thema zu schlafen, bevor man das Gespräch sucht, so Steib. Auch ihre Kollegin schließt sich an: "Vieles ist eine Frage der Rahmenbedingungen." Streit passiere oft in Situationen, in denen man nicht im Vollbesitz seiner Kräfte sei, weder geistig noch körperlich, zum Beispiel spätabends, bevor man ins Bett geht. "Davon kann ich wirklich nur abraten", sagt Galsterer.

Ein Möbelstück als Signal

Susanne Galsterer © Foto: Roland Fengler


Was macht man nun aber, wenn ein Partner diesen Rat befolgen und der andere den Disput sofort klären will? Wie immer in Beziehungen, lautet das Zauberwort Kompromiss. "Jedes Paar muss individuell entscheiden, welche Streitkultur die richtige ist", so die Mediatorin. In der Streitschule erhalten die Teilnehmer eine Vorlage für eine Art "Vertrag", der die Rahmenbedingungen für Konflikte festlegt. "Man kann sich beispielsweise darauf verständigen, dass ein Streit nicht länger als zwei oder drei Stunden dauern darf", so Steib. Solche Regeln können helfen.

So berichten die beiden Expertinnen von einem Paar, das nach dem Besuch in der Streitschule ein eigenes Möbelstück fürs Streiten angeschafft hat. "Wenn einer nach Hause kam und der andere saß auf dem Stuhl, war klar, dass es etwas zu besprechen gibt." Das möge im ersten Moment befremdlich wirken, doch wichtig sei, dass es für das Paar funktioniere.

Wer benutzt welche Waffen?

Doch noch bevor man mit seinem Partner eine Lösung für Streitigkeiten suchen kann, steht für die Expertinnen von der Streitschule noch ein ganz anderer Punkt: nämlich die Auseinandersetzung mit sich selbst. Denn nur wer wisse, was ihm wichtig sei, könne das auch kommunizieren.

In der Streitschule geht es auch darum, herauszufinden, auf welche Art man selbst kommuniziert und welche "Waffen" man im Streit einsetzt. Von Drohungen über Spott und Vorwürfe gibt es unterschiedliche Arten von Reaktionen. Es gilt, diese bei sich selbst zu erkennen und gegebenenfalls durch andere, zielführendere Verhaltensweisen zu ersetzen.

 "Habe ich dich richtig verstanden?"

Sogenannte "Ich-Botschaften" zu formulieren, sei dabei eine wichtige Lektion, erklären die Mediatorinnen. Statt dem anderen Vorwürfe zu machen, weil er einen mit einer Aussage verletzt hat, solle man erklären, wie man sich damit fühlt – und warum. Ein weiterer Tipp der Expertinnen: wiederholen, was der Partner sagt. "Das mag banal klingen", sagt Magdalena Steib. Aber indem man den anderen frage, "Habe ich dich richtig verstanden?", und seine Aussage in eigenen Worten wiedergebe, könne man Missverständnisse vermeiden.

Das funktioniere – wie die meisten Fähigkeiten, die man in der Streitschule lernt – auch im Job oder in der Familie. Denn wer sich selber und seine Bedürfnisse kenne, könne diese auch klar kommunizieren und ohne Vorwürfe benennen, wenn es ein Problem gibt. Und zum Schluss eine gute Nachricht für streitende Paare. "Man sagt oft: Solange ich mich streite, habe ich noch Interesse am anderen", so die Expertinnen. "Wut hat oft viel Energie. Sie zeigt, dass da noch ein Wille ist, für die Beziehung zu kämpfen."

Unter www.streitschule-nuernberg.de finden Sie Seminartermine und Kontaktmöglichkeiten. Seminare werden auch auf Nachfrage angeboten.

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