Stadtmission eröffnet Reha für psychisch kranke Jugendliche

4.9.2020, 13:27 Uhr
Ruhige Lage mit viel Grün: In dem Neubau der Stadtmission entstehen vier Wohngruppen, die Jugendlichen ziehen nach und nach ein.

Ruhige Lage mit viel Grün: In dem Neubau der Stadtmission entstehen vier Wohngruppen, die Jugendlichen ziehen nach und nach ein. © Foto: Michael Matjeka

Den Eltern fiel auf, dass ihre Tochter sich immer mehr zurückzog. In der Schule war die 14-Jährige unkonzentriert, ihre Noten wurden schlechter. Das Mädchen wirkte unsicher, ängstlich. Es hörte Stimmen, fühlte sich bedroht. Nach einem Besuch beim Kinderarzt folgte ein Aufenthalt in einer Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Diagnose: Schizophrenie. Die Nürnbergerin ist eine der zukünftigen Bewohner der neuen Reha für psychisch erkrankte Jugendliche.


Seelische Krisen in Zeiten von Corona: Wer hilft?


Die neue Jugend-Reha im Nordostpark richtet sich an Mädchen und Jungen im Alter von 14 bis 18 Jahren. Jeder bekommt ein eigenes Zimmer mit Bad. Ferner gibt es einen Aufenthaltsraum als eine Art Wohnzimmer und eine Küche. "Die Wohngruppen haben einen familiären Charakter ", betont Anita Krivec. Sie leitet gemeinsam mit Bärbel List die neue Einrichtung. "Wir wollen einen Ort schaffen, an dem sich die Jugendlichen in den sechs bis maximal 18 Monaten hier wohlfühlen, damit sie ohne Heimweh die Maßnahme absolvieren können", erzählt sie. Erkrankte Teenager finden hier eine "Heimat auf Zeit".

Drehtürpatienten in Kliniken

Die Doppelspitze setzt auf eine schrittweise Belegung der insgesamt 28 Plätze. Schon jetzt sei die Nachfrage von Eltern und Kliniken enorm. Denn: In Bayern gibt es lediglich ein weiteres stationäres Reha-Angebot für Teenager – und zwar im südbayerischen Peiting-Herzogsägmühle, informiert List. Dem gegenüber stehen etwa 470 000 psychisch erkrankte Kinder und Jugendliche, schätzt die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns. Bis Ende März 2021 soll das neue Haus der Stadtmission Nürnberg vollständig belegt sein.

Ruhige Lage mit viel Grün: In dem Neubau der Stadtmission entstehen vier Wohngruppen, die Jugendlichen ziehen nach und nach ein.

Ruhige Lage mit viel Grün: In dem Neubau der Stadtmission entstehen vier Wohngruppen, die Jugendlichen ziehen nach und nach ein. © Foto: Michael Matjeka

Von psychischen Erkrankungen wie Depressionen, Angst- oder Persönlichkeitsstörungen sind Teenager aller Milieus betroffen, sagt List. Kindliche Traumata oder unsichere Bindungen können dafür genauso Auslöser sein wie die "Krise des Erwachsenwerdens, des Sich-Ablösens". Sie ergänzt: "Kinder tragen schwer an der Belastung ihrer Elternhäuser, an finanziellen Sorgen, Suchtproblemen, der immer höheren Arbeitsbelastung."

Selbstständige junge Erwachsene

Mit ihrer stationären Reha will die Stadtmission den Jugendlichen nicht nur helfen, gesund zu werden. Sie bereitet die Mädchen und Jungen auf die Selbstständigkeit als junge Erwachsene vor. List: "Sie sollen die Aussicht auf ein gutes, zufriedenstellendes Leben haben. Nicht alle werden vollständig genesen, aber sie können lernen, mit einer chronischen Erkrankung gut zu leben." Während ambulante Therapien in Wohnortnähe oft nicht ausreichten, um akut psychotische Jugendliche zu stabilisieren, seien Psychiatriestationen langfristig "kein geeigneter Ort zum Leben". Die Jugend-Reha soll Betroffene davor bewahren, "Drehtürpatienten in den Kliniken" zu werden. Der Neubau kostete fünf Millionen Euro und wurde mit Spenden – etwa von der Zukunftsstiftung der Sparkasse Nürnberg – finanziert.

"Wenn professionelle Hilfe für Jugendliche nicht Hunderte Kilometer vom Wohnort entfernt ist, fällt es Teenagern und Eltern leichter, frühzeitig eine längerfristige Reha anzutreten", weiß List. Zumindest regional könne die Stadtmission die bestehende Versorgungslücke füllen.


Psychische Probleme: Arbeitsausfälle nehmen deutlich zu


Sie meint: Ein deutschlandweit flächendeckendes Reha-Angebot für Jugendliche, die von Angststörungen, Schizophrenie oder Depressionen betroffen sind, bleibt auch mit der neuen Einrichtung eine Zukunftsvision. Bundesweit gibt es fünf größere Jugend-Rehas. In Deutschland stehen jetzt etwa 100 stationäre Rehabilitationsplätze für psychisch erkrankte Jungen und Mädchen zur Verfügung, schätzt sie. "Vergleichen Sie das einmal mit dem Angebot von Adipositas-Kliniken und –Kureinrichtungen für übergewichtige Kinder, dann sehen Sie, dass wir mit Blick auf die Zahlen den Bedarf von psychisch erkrankten Kindern und Jugendlichen lange nicht decken können." Gerade für junge Menschen seien Wartezeiten von einem halben, ein oder zwei Jahren schwer tragbar.

Keine Kommentare