Verkümmert Nürnbergs Grab-Reliefkunst?

8.5.2017, 20:10 Uhr

Die meisten Menschen verdrängen ihn gern, den Tod. Doch zwischen Friedhofsphobie und Todessehnsucht stellen sich immer mehr Franken bewusst dem unausweichlichen Ableben samt Organisation der letzten Ruhestätte, zu deren individueller Gestaltung auf den beiden traditionsreichsten Nürnberger Friedhöfen ganz typisch ein Epitaph (Metallrelief) gehört. Häufiger sieht man inzwischen wieder künstlerisch gestaltete, moderne, vom Leben der oder des Verstorbenen erzählende Reliefs, die das historische Erbe fortschreiben. Die Regel ist das keinesfalls: Vielfach regiert auf neueren Grabsteinen noch immer unpersönliche Massenware.

So rückt auch erst seit einigen Jahren der weltweit einzigartige Epitaphienschatz auf dem St. Rochus- und St. Johannisfriedhof wieder stärker ins Bewusstsein der Nürnberger. Ausgerechnet ein Raub aber – 42 wertvolle Epitaphien wurden 2014 von den Gräbern gebrochen, gestohlen und vermutlich eingeschmolzen – verschaffte dem unschätzbar wertvollen Kulturdenkmal erhöhte Aufmerksamkeit. Doch was nun?

Mehr Wertschätzung wie auch verstärkter Schutz des kulturellen Denkmals sind nötig – "beiden Zielen kam man seitdem kaum einen Schritt näher", sind sich Epitaphienkünstler Thomas Haydn und Stadtheimatpflegerin Claudia Maué einig.

"Inwieweit dieser einmalige und für Nürnberg so wichtige Kulturschatz im Bewusstsein der Verantwortlichen bei Kirche und Stadt ist, wird man daran ablesen können, wie sie 2018 das 500-jährige Jubiläum der Friedhöfe und ihrer Epitaphienkultur begehen werden."

Diesen bedeutenden Kulturschatz wieder in das kunsthistorische Bewusstsein der Stadt zu bringen, so Haydn, "soll unter anderem mit Hilfe eines Vereins gelingen, der sich um die Erhaltung der Epitaphien als kulturgeschichtliche Denkmäler kümmert wie auch um die Fortführung der Tradition bemüht".

Im Zuge einer Bewerbung um die Aufnahme des Epitaphienschatzes in die Unesco-Liste als "immaterielles Kulturgut" kam es am 28. Dezember 2015 schließlich zur Gründung des Vereins "Nürnberger Epitaphienkunst und -kultur". 60 Mitglieder gibt es bereits.

"Das ist recht erfreulich für die kurze Zeit", meint Maué, die Vorsitzende des Vereins, zuversichtlich. "Neulich habe ich eine Schulungsführung für den Verein der Gästeführer gemacht; nun wurde dieser Verein Mitglied im Epitaphienverein. Das freut uns sehr, da künftig sicher durch die Gästeführer auch Informationen über unseren Verein fließen werden."

Die Bewerbung läuft

Selbst versuche man über das Internet und die gezielte Weitergabe von Prospekten bei Veranstaltungen auf sich aufmerksam zu machen; dabei ist die Mundpropaganda, die über die Grabbesitzer und Haydns künstlerische Arbeit läuft, ein wertvoller, weil sehr direkter Teil der Informationsverbreitung. Auch Geldgeber und Mäzene sollen akquiriert werden: "Beschädigter Bestand muss restauriert, außerdem Konzepte entwickelt werden, damit eine Fortführung der Epitaphientradition in dieser besonderen Begräbniskultur gelingt", verdeutlicht Haydn die Situation.

In Planung sei zudem ein digitalisiertes Archiv, um eine lückenlose Bestandsaufnahme aller Epitaphien und Gräber zu gewährleisten. "Das würde der Kirchenverwaltung für das tägliche Geschäft zugutekommen, dem Denkmalschutz beim Restaurierungsbedarf von Grabsteinen, und es würde wissenschaftlichen Zwecken dienen", so Haydn, der sich ein tatkräftigeres Bekenntnis von Kirche und Stadt wünscht: "Geschieht das nicht", warnt der Spezialist, "wird zunehmend etwas Unwiederbringliches verloren gehen."

Sehr hilfreich für die Außenwirkung wäre natürlich ein Erfolg der erneuten, doch anders gewichteten Bewerbung zum immateriellen Kulturerbe: "Die Bewerbung ist vollkommen überarbeitet am 31. März abgegeben worden. Das Augenmerk liegt diesmal auf der Herstellung von Epitaphien von damals bis heute, also nicht auf der Historie", betont Maué. "Nun harren wir erneut der Dinge, die da kommen werden. Mitte des Jahres wissen wir hoffentlich mehr. Also: Daumen drücken!"

Weitere Infos über: www.epitaphienkultur.de

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