Weltgästeführertag: Erinnerung an Nürnberger Marktfrauen

25.2.2013, 06:56 Uhr
Zum Weltgästeführertag lud der Verein der Stadtführer zu kostenlosen Rundgängen rund um den Hauptmarkt ein. Das Motto:

Zum Weltgästeführertag lud der Verein der Stadtführer zu kostenlosen Rundgängen rund um den Hauptmarkt ein. Das Motto: "Menschen und Märkte". © Harald Sippel

Das Gewand der Marktfrau Kunigunde hat Brigitte Rossbach heute zu Hause gelassen. In der historischen Tracht führt die Nürnbergerin gern Gäste durch die Altstadt und lässt ein Stück Mittelalter lebendig werden. Doch im dichten Schneetreiben ist wetterfeste Kleidung gefragt und um die Begeisterung für ihr Thema zu wecken, ist die 60-Jährige nicht auf eine Verkleidung angewiesen. Vor sechs Jahren erst hat die Bankkauffrau ihr Hobby zum Nebenberuf gemacht. Das sei eine ihrer besten Entscheidungen gewesen, sagt sie. „In dieser traumhaften Stadt gibt es immer wieder etwas Neues zu entdecken.“

In diesem Fall zum Beispiel die Lebensläufe einiger Nürnberger Marktfrauen, die aus den unterschiedlichsten Gründen eine gewisse Berühmtheit erlangten. Passend zu den Minusgraden führt Rossbach die Gruppe zunächst zum Suppenstand der Familie Stange — vermutlich eine der bekanntesten Anlaufstellen auf dem Hauptmarkt. Noch immer steht hier ein Foto der „Nürnberger Suppenfee“ Johanna Linde Hübsch, die jahrzehntelang Passanten mit einem „Tässle Supp’n“ wärmte.

Die Frau eines Pastors und sechsfache Mutter hatte mit dem Suppenverkauf auf Kirchweihen und Sportplätzen begonnen, um die Familienkasse aufzubessern. „Sie hat die Suppe allen mit einem freundlichen Lächeln serviert, auch jenen, die nicht so aussahen, als ob sie etwas kaufen würden“, sagt Rossbach. Dem Wunsch der Stadt, auf dem Hauptmarkt aktiv zu werden, entsprach Linde Hübsch erst, als ihr der Ausschank dort genehmigt wurde.

Neben Familie und Beruf nahm sich die Pfarrersfrau noch Zeit für ehrenamtliches Engagement — und wurde dafür 1999 mit der Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland geehrt. Tochter Magdalena Stange, die auch Vizesprecherin der Marktkaufleute ist, führt die Familientradition fort. Mit ihren Geschwistern sorgte sie dafür, dass auch anderswo die Erinnerung an die Mutter weiterlebt: An der Lorenzer Straße pflanzten sie „eine Linde für die Linde“.

In Bronze gegossen

Die Erinnerung an eine andere Marktfrau wurde gar in Bronze gegossen: Am Hauptmarkt hängt nahe der Frauenkirche eine Büste der „Marcharedd“. Margarethe Engelhardt gab laut Rossbach 1948 ihren Einstand auf dem Markt. Mit Pferd und Wagen brachte sie Gemüse aus dem Knoblauchsland in die Stadt, um sie herum lag alles in Trümmern. Bereits als 13-Jährige habe sie sich als Magd bei einem Bauern verdingt, für einen Lohn von 200 Mark im Jahr, wie Rossbach weiß.

„Die Zeit hat sie geprägt und zuverlässig gemacht, so dass sie auch mit über 80 Jahren noch täglich auf dem Hauptmarkt stand.“ Insgesamt fast 50 Jahre war die „Marcharedd“ im Einsatz. Weil ihre Augen schlechter wurden, durften Stammkunden zuletzt sogar selbst das Wechselgeld aus der Kasse nehmen. Showmaster Rudi Carrell würdigte das Durchhaltevermögen der Marktfrau sogar in einem Lied über das „Nürnberger Original“ am „rotweißen Stand“, den die Familie aus Buch nach wie vor betreibt.

Auch Gunda Herbst schaffte es bis ins Fernsehen — Alfred Biolek hatte die streitbare Marktfrau, die sich über Jahre hinweg immer wieder mit der Obrigkeit angelegt hatte, in seine Talkshow eingeladen. „Bauernschläue, Wortwitz, Stimmgewalt und eine Prise Anarchie“ — so beschreibt die Stadtführerin die Bäuerin, die 1968 ihren Stand auf dem Hauptmarkt eröffnet hatte. Lautstark vertrat Herbst ihre Meinung, und manchmal, sagt Rossbach, seien auch Tomaten und Feigen geflogen.

Ob es um die Einhaltung der Standgrenzen oder um Ladenschlusszeiten ging, Herbst wollte nicht alle Vorgaben akzeptieren und fühlte sich häufig schikaniert. Stolz habe sie sich mit Hunderten von Strafzetteln und Bußgeldbescheiden fotografieren lassen, sagt Rossbach. Weil Herbst einen Polizeibeamten duzte, landete sie sogar vor Gericht. 1985 bekam sie Marktverbot, auch eine Unterschriftensammlung ihrer Kunden änderte daran nichts. Nur vier Jahre später starb „die Gunda“ im Alter von 57 Jahren — ein Denkmal gibt es für sie nicht.

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