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Wie kommen Nürnbergs Straßen zu ihren Namen?

Die CSU will den Bahnhofsvorplatz nach Helmut Kohl taufen - 27.06.2017 05:49 Uhr

"Hauptstadt" heißt das Kunstwerk von Raffael Rheinsberg im Germanischen Nationalmuseum. Es zeigt Straßenschilder aus Ostberlin. Dass es nicht einfach ist, Namen für Straßen, Brücken und Plätze zu vergeben, zeigt die aktuelle Debatte in Nürnberg um die beiden verstorbenen Altkanzler Helmut Schmidt und Helmut Kohl.Foto: Harald Baumer


Die CSU ist kürzlich nach vorne geprescht. Sie möchte in Erinnerung an den jüngst verstorbenen Altkanzler den Bahnhofsvorplatz zum "Helmut-Kohl-Platz" machen. Ein entsprechender Antrag ist bereits auf den Weg gebracht worden. Thorsten Brehm, Vorsitzender der SPD Nürnberg, bestätigt nun, dass auch Altkanzler Helmut Schmidt zu Ehren ein geeigneter Platz, eine Brücke oder eine Straße in Nürnberg gesucht wird. Ein offizieller Antrag sei noch nicht in Arbeit, telefonisch habe man die Verwaltung aber schon informiert. "Beide Altkanzler haben einen würdigen Ort verdient", sagt er.

Leserin Renate Gottwald ist überzeugt: "Historiker Arnd Müller sollte unbedingt mit einer Straßenbenennung geehrt werden, er hat es absolut verdient. Warum negiert man einen so wichtigen Autor ausgerechnet in Nürnberg, in dieser Stadt, die sich so stark für Menschenrechte einsetzt und Wert auf die Aufarbeitung der Geschichte legt?"

Die Kalchreutherin hatte Müllers vergriffenes Standardwerk "Geschichte der Juden in Nürnberg 1146-1945" geschenkt bekommen. Die Seniorin war von dem Werk gepackt, sie fand es spannend und aufwühlend geschrieben. Als zwölfter Band in der Reihe "Beiträge zur Geschichte und Kultur der Stadt Nürnberg" ist die Publikation sehr wissenschaftlich gehalten, trotzdem hat Gottwald die Schrift "bis zum letzten Satz verschlungen"

Öffentlich aktiv sowie bereits verstorben

Bei Straßenbenennungen gelten normalerweise folgende Kriterien: Die Persönlichkeit muss öffentlich aktiv gewesen sowie bereits verstorben sein und einen Bezug zu Nürnberg haben. "Es ist außerhalb von Diktaturen unüblich, Lebende mit einem Straßennamen zu ehren", meint Stadtarchiv-Direktor Michael Diefenbacher.

Aber keine Regel ohne Ausnahme: Nelson-Mandela-, Olof Palme- und Andreij-Sacharow-Platz verstoßen gegen die Bestimmungen. Den beiden Politikern und dem russischen Friedensnobelpreisträger fehlt eine Verbindung zu Nürnberg. Der Platz in Hauptbahnhof-Nähe erhielt seine Bezeichnung außerdem noch zu Lebzeiten Mandelas.

Das Stadtarchiv hatte sich in seinem Gutachten zwar dagegen ausgesprochen. Doch der Verkehrsausschuss des Stadtrats folgte der Empfehlung nicht — und der Stadtrat hat das letzte Wort. Frank Seidler, Leiter des Amts für Geoinformation, nennt noch einen entscheidenden Punkt, der vor der Namensvergabe geprüft wird: "Die vorgeschlagenen Persönlichkeiten müssen einen unbelasteten Lebenslauf haben. Die Öffentlichkeit ist sensibler geworden", sagt der städtische Mitarbeiter. 

Dass Änderungen von Straßennamen heftige Emotionen auslösen können, weiß man in Nürnberg: Das Verwaltungsgericht musste nach jahrelangem Streit 1992 über die Umwandlung der Treitschkestraße in Steuerwald-Landmann-Straße entscheiden. Die Stadt wollte nicht mehr an den Historiker Heinrich von Treitschke erinnern, dessen im 19. Jahrhundert geprägter Ausspruch "Die Juden sind unser Unglück" später von den Nationalsozialisten übernommen wurde.

Viele Anwohner waren jedoch gegen die Umbenennung. Die Justiz gab letztlich der Kommune recht. Auch die Änderung der Bischof-Meiser-Straße 2008 sorgte für heftige Diskussionen: Dem evangelischen Landesbischof war seine Haltung im Nationalsozialismus vorgeworfen worden.

Was meinen Sie: Sollen Straßen oder Plätze in Nürnberg nach Helmut Kohl oder Helmut Schmidt benannt werden — und welche Objekte eignen sich, um an die Altkanzler zu erinnern? Bitte schreiben Sie uns eine Mail an nn-leserbriefe@pressenetz.de, einen Brief an die Nürnberger Nachrichten, Marienstraße 9-11, 90402 Nürnberg, oder kommentieren Sie das Thema direkt hier.  

Hartmut Voigt und Alexander Brock

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