"Wutbürger kultivieren ihren Hass" - Terrorgruppe im Interview

5.3.2016, 21:34 Uhr
Terrorgruppe um Archi

Terrorgruppe um Archi "MC" Motherfucker (vorne rechts). © Foto: PR

Ihre Platten sind Statements zur aktuellen Lage. Wie erarbeiten Sie ein solches Werk?

Archi "MC" Motherfucker: Sicher sind unsere Platten Statements zur aktuellen Lage - vermischt mit einer philosophischen Grundhaltung. Tagespolitik versuchen wir aber immer zu vermeiden. Wir sind klassische Songwriter. Das heißt, die Intention der Musik muss mit der Intention des Textes und der Stimme zusammenpassen. Die Texte auf "Tiergarten" sollen den Nerv der Zeit treffen.

Was hat Sie zu einem radikalen Gesellschaftkritiker gemacht?

Archi: Meine Eltern, mein Vater war bei der DKP. Anscheinend habe ich als Kind sehr viel davon mitgekriegt. Er holte mich immer vom Kindergarten ab und nahm mich zu seinen Parteisitzungen mit. Als pubertierender Teenager in den 70er Jahren hat Punk mich schließlich als Musik und als Style kalt erwischt. Es war für mich das Tollste, was es gab. Der ganze Anarchismus und Nihilismus, der dabei mit rüber kam, hat mich zu dem gemacht, der ich heute bin.

Welche Musik lief bei Ihnen zuhause?

Archi: Meine Mutter war Fan von Jimi Hendrix, den Beatles, den Stones. Textlich berührten die mich gar nicht so sehr, eher musikalisch. Meine Eltern besorgten mir immer Kinderplatten vom Grips-Theater. Die haben viel bei mir bewegt. Mit 16 schrieb ich meine ersten noch sehr holprigen Texte, meine Band hieß damals Inferno. Ich habe mich in das Thema Punk quasi selbst reingefuchst.

Heute singen Sie von einem "Amoklauf der Blutbürger". Wie gefährlich sind die Straßenproteste der sogenannten Wutbürger?

Archi: Diese Leute sind in dem Sinne sehr gefährlich, dass sie von sich denken, sie machen das Richtige. Es ist ihnen nicht mehr peinlich, ihre seltsamen Meinungen in ihrer seltsamen Sprache voller Rechtschreibfehler öffentlich zu posten. Bei diesen Leuten gibt es keine Grenzen und keine Selbstkontrolle mehr - das empfinden wir als Amoklaufen. Sie kultivieren ihren Hass und finden es völlig normal, Menschen, die aus anderen Ländern kommen, zu beschimpfen. Sie verbreiten rechtsradikales Gedankengut und behaupten, es wäre keins. Früher gab es die echten Nazis, die standen auch zu ihrer Meinung. Man wusste, wenn man denen in die Hände gerät, kriegte man eins auf die Backen - oder andersrum. Diese klare Front gibt es nicht mehr.

In „Schlechtmensch“ singen Sie, Rassisten müsse man mit der Faust erziehen. Schon mal versucht, mit Nazis zu reden?

Archi: Ich habe sicher schon versucht, mit Nazis zu reden. Gerade wenn es so verkappte waren, die in der eigenen Szene rumgegeistert sind und abstruse Meinungen geäußert haben. Leider Gottes lief es meist auf eine Prügelei hinaus. Irgendwann war einfach der Punkt erreicht, wo Argumente nicht mehr zählen. Aber in dem genannten Lied geht es eher um die Begriffe "Gutmensch/ Schlechtmensch". Wenn jemand als Gutmensch beschimpft wird, ist der Umkehrschluss ja, dass der andere sich als Schlechtmensch bezeichnet. Das ist genau das, was ich vorhin sagte: Die Leute fühlen sich in dieser schlechten charakterlichen Position auch noch wohl. Warum sollte man denen nicht eins vor die Backen hauen? Verdient haben sie es!

In „Leider keine Zeit“ singen Sie: „Ich hab keine Zeit für Bundeswehr und Sicherheit und für den Fahneneid“. Nun will die CSU die Bundeswehr für Terrorabwehr einsetzen. Wie denken Sie darüber?

Archi: Zunächst einmal ist „Terrorabwehr“ ein völlig beknacktes Wort, es hat etwas mit Propaganda zu tun. Die CSU will ja Anschläge verhindern von Menschen, die sich wahrscheinlich für etwas rächen wollen, was die Politik hierzulande über Jahrzehnte in anderen Ländern und Kulturen verbrochen hat. Wie will sie diese Anschläge verhindern? Sie hat die Polizei, sie hat ihren Geheimdienst, warum soll sie nicht auch die Bundeswehr dazu hernehmen. Das ist eigentlich Haarspalterei. Ob ich nach dem Bataclan-Anschlag nun ein Konzert spiele und es stehen 200 Polizisten vor der Tür oder 200 Bundeswehrsoldaten. Wahrscheinlich sind die Soldaten sogar wesentlich besser trainiert als die Polizisten.

Das Lied "Der Maximilian" hat einen realen Hintergrund. Dort geht es um einen Kreuzberger Investoren. Sind Sie selbst vom Ausverkauf des Kiezes bedroht?

Archi: Ja. Ich hatte mein Studio zwei Häuser weiter. Dieses Gebäude wurde von einem Engländer erworben. Der betrieb dort Pseudo-Luxussanierung, indem der die ganzen Wände abschlug und Parkettbögen in die Lofts reinlegte. Wir konnten die Miete nicht mehr zahlen und mussten raus. So ziemlich alle, die ich kenne, sind von dieser Entwicklung betroffen. Berlin war ja die letzte Großstadt Deutschlands, die noch zu gentrifizieren war. Das ist in den vergangenen fünf Jahren in einem rasanten Tempo geschehen.

Gibt es noch Hoffnung auf Veränderung oder sind wir schon hoffnungslos im Kapitalismus versunken?

Archi: Der Kapitalismus hat uns fest in der Kralle! Jeder hat natürlich die Freiheit, auszusteigen und bei nichts mehr mitzumachen. Aber das bedeutet heftigste Einschnitte. Der Song "Wie es der Staat mag" stellt genau die Frage: Wie richtig kann man in diesem riesengroßen falschen Leben leben, ohne dabei kaputtzugehen? Die Ideale sind immer noch da, aber ich bin mit 50 nicht mehr der Mensch, der in seinem Leben die Verhältnisse noch ändern kann, damit es für ihn besser wird. Mein Idealismus hilft eher der nächsten Generation.

 

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