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Schloss Wiesentfels ist Räuberhöhle

Das Schloss in Wiesentfels ist ein Schätzkästchen — Ein Besuch mit Geschichten - 21.07.2016 17:28 Uhr

Von außen ist das Schloss unscheinbar. Keiner ahnt, wie idyllisch es hinter den fast drei Meter dicken Mauern ist.

21.07.2016 © Fotos: Thomas Knauber


Dieser Franz von Giech, ein Mann mit Macken, hielt es aber locker aus. Er setzte sich oft in den idyllischen Burghof, sah seinen Tauben zu, schoss ab und zu eine und ließ dann den Spengler von Hollfeld kommen, damit er die Dachrinne repariert, die er  wieder mal getroffen hatte.

70 Jahre nach seinem Tod standen Karin und Klaus Uhlmann aus Lauf in diesem Burghof. Sie stiegen durch die endlos vielen Zimmer des Schlosses, bestaunten die schöne Stimmung der alten Kapelle im ersten Stock, trauerten den Pferden nach, die einst in einem bunkerartigen Stall hausen mussten und genossen den Blick hinunter ins Tal der Wiesent, die ein paar Kilometer weiter die Stadt Hollfeld erreicht.

 Karin Uhlmann erkannte hier keine Räuberhöhle, sondern etwas sehr Romantisches, so dass sie sofort zugriff. Seit 2009 sind sie und ihr Mann die Eigentümer. Er war bei Siemens ein Ingenieur, sie hatte in der Nürnberger Theatergasse eine Apotheke. Jetzt war ihr Ziel, dem befreundeten Team vom „Theatersommer“ eine Bleibe zu geben. Die Scheune sollte zum Theater werden und der Burghof zur Bühne. Doch nach ersten Arbeiten kommt die Sache nicht mehr voran. Im Gegenteil: Forchheim ist jetzt als Theatersitz im Gespräch. Klaus Uhlmann versteht es nicht. 

Malerin kennt viele Anekdoten

In dem schönen Innenhof, den niemand vermutet, der vom Tal aus das Schloss mit seinen hochragenden Mauern sieht, unterhält  sich Uhlmann mit Dora Gebhardt. Die bekannte Malerin lebt hier im Dorf, betreut die Führungen im Schloss und hat einen besonderen Bezug dazu. Denn sie kam mit ihren Eltern als Zweijährige aus dem Sudetenland her, mit 150 anderen Vertriebenen aus dem Altvatergebirge.

Wegen dieser Kindheit, wegen ihrer zehn Jahre „größter Freiheit“ in ziemlicher Armut, kann sie wunderbar aus der jüngsten Schlossgeschichte erzählen, aber auch aus der alten. Sie berichtet zum Beispiel  vom alten Grafen, der 1914 starb — zwei Jahre, nachdem man die B 22 durchs Dorf gesprengt hatte. Im Januar 1916 ruinierte dann ein Tornado das Dorf und die Schlossdächer.

So sah ein Zimmer aus, in dem die Sudetendeutschen von 1946 bis 1956 lebten. „Alle hatten dasselbe, nämlich nichts“, sagt Dora Gebhardt.

21.07.2016


Erwähnenswert ist auch, dass Bofrost-Gründer Josef Boquoi die Wälder rundum kaufte, nachdem  des Grafen letzter Erbe in Australien gestorben war.  Gebhardt erzählt vom Freiherrn Johann Hiller von Gaertringen, der das Schloss an eine Dr. Elisabeth Bender-Fughe verkaufte, die alles irgendwie antik möblierte, sich konsequent abschottete, oft die Dorfkinder  anraunzte und 1969 einsam starb. Ihre Erben waren ein Rechtsanwalt und seine Frau in Saarbrücken. Aber auch sie starben. Deren Kinder schlugen das Schloss aus. So hatten die Uhlmanns 2009 ihre Chance.

Zwischen all dem war das Schloss im Zweiten Weltkrieg kurz das Waren- und Uniformlager der Nürnberger Polizei. Sogar das Bayreuther Richard-Wagner-Museum nutzte es für Auslagerungen. Die Flüchtlinge fanden nach 540 Kilometern Reise zunächst für zwei Wochen in der Polizeischule von Ebermannstadt einen Unterschlupf, dann zwängten sie sich hier in die Zimmer – oft mit sechs oder sieben Personen.

Die Eltern von Dora Gebhardt hatten 1942 geheiratet. Ihr Hochzeitsgeschenk, ein Christus-Bild, hängt  noch in einem Zimmer, das jene Zeit wieder erweckt: mit Feldbett, Kochbuch, Koffer und rosa kariertem Bettbezug von der Großmutter.

Dora Gebhardt weiß noch, welche Angst damals herrschte, dass die US-Soldaten in ihrer wilden Besatzer-Zeit scharfe Munition in den Kachelöfen hinterlassen haben könnten. Sie berichtet, wie mühsam es war, Wasser zu pumpen und in die Etagen zu tragen. Wie einige Familien in den vier Dachböden lebten, die im Sommer glühend heiß waren. Wie die 96 Kinder den Dorflehrer überforderten. Wie wenig Arbeit ihr Vater, ein Schmied, fand. Wie mühsam er alles abzahlte, was er an Gebrauchsgegenständen vom Landratsamt kaufen musste, darunter eine Art Wamsler-Herd.

Die jungen Leute der Sudetendeutschen gingen später nach Baden-Württemberg.  Als die Eltern von Dora Gebhardt aufbrechen wollten, war das Württemberg-Kontingent voll. Einige kamen nach Forchheim. Sie wurden nach Düsseldorf verwiesen. Dort fiel das Mädchen mit seinem fränkischen Dialekt auf. „Alle haben gelacht.“

1956 war das Schloss wieder leer. Nur  Hauptlehrer Wagner wohnte nach seiner Pensionierung noch zehn Jahre hier. Er hatte ein paar Türen weiter eine Mini-Schule eingerichtet, ein Zimmer für Handarbeit und Religion, weil die Dorfschule so klein war.

So hat dieses „Dornröschenschloss“, wie es Gebhardt nennt, eine bewegte Geschichte hinter seiner romantischen Kulisse, zu der auch ein großes  Sandsteinhaus von 1773 gehört, das einer der Grafen 1883 aus der Kulmbacher Gegend holte und neu aufbaute sowie eine Allee.

Für Dora Gebhardt - die übrigens als Kind  mit Pinseln aus den US-Carepaketen zu malen begann, weil sie im Schlosschor der Flüchtlinge nicht gelitten war („die brummt!“) — sind die Allee und der Schlosshof Schätze. Auch die zweistöckigen Keller, der Ausguckturm, das Gärtchen davor, die Fledermäuse. Sie weiß so viele Anekdoten darüber, dass der Gast nur staunt.

Führungen von Pfingsten bis Ende September sonntags um 14 und 15 Uhr; Zufahrt über eine Steilkehre im Dorf, 500 Meter östlich vom Schloss an der B 22.

 

THOMAS KNAUBER

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