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Selbsttest mit Folgen: Lübecker Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Ex-Pegnitzer Winfried Stöcker

Nach einem Impfselbstversuch ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen den Mediziner - 11.02.2021 16:38 Uhr

Die Lübecker Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den Unternehmer, Mediziner und gebürtigen Pegnitz Winfried Stöcker wegen seines Selbsttests. Die Juristen sehen darin einen Verstoß gegen das Arzneimittelgesetzes.

11.02.2021 © Foto: Matthias Hiekel/dpa


Das von Stöcker gegründete Unternehmen Euroimmun in Lübeck spielt eine wichtige Rolle bei der Bekämpfung des Coronavirus. Die Labordiagnostik-Firma konnte als einer der ersten Hersteller in Europa Tests für den Nachweis von Antikörpern gegen Sars-CoV-2 anbieten. Doch nach einem Impfselbstversuch sowie weiteren Impfungen ermittelt nun die Staatsanwaltschaft Lübeck gegen ihn. Es lägen zwei gleichlautende Strafanzeigen des Paul-Ehrlich-Instituts und des Landesamtes für soziale Dienste vor, teilte die Pressesprecherin der Staatsanwaltschaft Lübeck, Ulla Hingst, auf Anfrage unserer Zeitung mit.

Vorwurf: Ohne Genehmigung

Die Ermittlungen laufen wegen des Verdachts des Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz. Hintergrund ist das im Frühjahr von Stöcker entwickelte Antigen gegen das Coronavirus. Der Vorwurf lautet, Stöcker habe ohne die erforderliche Erlaubnis Sars-CoV-2-Antikörper hergestellt und soll sich diese selbst und anderen Personen verabreicht haben, ohne die entsprechende Genehmigung dafür zu haben.


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Im März und April vergangenen Jahres spritzte sich der Mediziner nach eigenen Angaben das Antigen insgesamt viermal selbst in den Oberschenkelmuskel. Am 8. Mai meldete Stöcker, er sei jetzt immun gegen das Virus. Wie der Spiegel berichtet, habe Stöcker mittlerweile auch seine Frau und seine Kinder mit dem Antigen gespritzt. Nebenwirkungen habe keiner gehabt, sagt er, außer ein paar Reizungen oder Schmerzen an der Einstichstelle, aber alle hätten die Impfungen gut vertragen.

Anfang September soll sich Stöcker an das Paul-Ehrlich-Institut gewandt haben. Die Behörde ist unter anderem zuständig für die Zulassung von Impfstoffen und biomedizinischen Arzneimitteln. Laut Spiegel mailte Stöcker seine Testergebnisse. Gleichzeitig bat er darum, dass er seine Tests mit einer größeren Anzahl Freiwilliger durchführen könne, um festzustellen, ob es auch bei diesen keine Nebenwirkungen gebe. Stattdessen erstattete das Institut Anzeige.

Wie der Spiegel weiter berichtet, soll sich Winfried Stöcker daraufhin an den FDP-Politiker und Rechtsanwalt Wolfgang Kubicki gewandt haben. Dieser argumentiert, sein Mandant habe keine klinische Prüfung durchgeführt. Er habe vielmehr das Antigen im Rahmen individueller Heilversuche gespritzt. Daher habe er auch keine Genehmigung benötigt.

Montag wieder im Haus

Winfried Stöcker war für eine Stellungnahme nicht erreichbar. In seiner Firma hieß es, er sei unterwegs und werde erst am Montag wieder im Haus sein. Auf seiner Homepage hatte er am 5. Februar 2021 die Ergebnisse von Impfungen gegen Corona bei 64 Menschen dokumentiert. Um dem "dummen Vorwurf" mancher der besagten "Wissenschaftler" zu entgehen, dass sein Selbstversuch keine Beweiskraft besitze, habe er, Stöcker, dem inständigen Wunsch einiger Kollegen und Freunde nachgegeben und sie "ganz legal" nach seinem Schema immunisiert – wie er im vergangenen April bei seiner Familie vorgegangen sei. Als Arzt sei er dazu berechtigt und bedürfe keiner Zustimmung einer Behörde. Bei seiner Impf-Serie von Dezember 2020 bis Januar 2021 habe er keine relevanten unerwünschten Nebenwirkungen festgestellt.

"Widerstand entwickelt"

"Gegen mein Vorgehen hat sich einiger Widerstand entwickelt", schreibt Stöcker in seinem Blog. Man sei nicht in der Lage oder willens, das Potenzial der von ihm vorgeschlagenen Impfung zu erkennen. "Sie ist aber nahezu risikolos", versichert der Professor. Jeder Arzt könne den Impfstoff in seiner Praxis verabreichen. Er könne leicht in großen Mengen produziert werden, sei für Massenimpfungen hervorragend geeignet. Innerhalb eines halben Jahres könnte man Impfstoff für 80 Prozent der Bevölkerung Deutschlands in einem mittelgroßen Laborraum produzieren.

Er, Stöcker, habe das Paul-Ehrlich-Institut um die Genehmigung gebeten, diese "bagatellartige Immunisierung" umgehend mit einer größeren Zahl Freiwilliger nachvollziehen zu dürfen, um festzustellen, ob sie ebenso gut funktioniert wie bei ihm und seiner Familie. Hätte sich das Institut nicht quergestellt, "hätten wir längst einen Hersteller in die Lage versetzen können, ganz Deutschland zu beliefern und wirksam zu schützen." Er trete nicht als Impfstoff-Hersteller auf, "ich habe in dieser Sache keine Gewinnabsicht."

Stöcker ist ein Unternehmer, der in keine Schublade passt. Er ist in Pegnitz zur Schule gegangen, legte dort 1967 das Abitur ab, studierte dann in Würzburg Medizin. Der Professor äußert sich immer wieder mal zu politischen Themen und nimmt dabei kein Blatt vor den Mund. In seinem Blog bezeichnet er Kanzlerin Angela Merkel als "armselige Epigonin" und fordert "Schluss mit dem Gender-Unfug" zu machen. Auch die in Deutschland wieder heimischen Wolfsrudel sind ihm ein Dorn im Auge: "Rottet die Wölfe wieder aus, in Sibirien ist genügend Platz. Wir wollen uns mit unseren Kindern im Wald erholen und sie dort frei herumlaufen lassen", schreibt Stöcker. Solche Sätze provozieren.

Kaufhaus erworben

Der 74-Jährige tut auch Dinge, die sonst vielleicht kein anderer machen würde. Vor einigen Jahren hat der aus der Oberlausitz stammende Stöcker in Görlitz ein einzigartiges Kaufhaus gekauft. 2016 erwarb er den Lübecker Flughafen, er hat ihn ausgebaut. Stöcker hatte 1987 in Lübeck das Unternehmen Euroimmun (Labordiagnostik) gegründet und die Firma vor drei Jahren für rund 1,2 Milliarden Euro an den US-Konzern Perkin-Elmer verkauft.

PETER ENGELBRECHT

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