Donnerstag, 17.10.2019

|

Tod einer Anhalterin am Rastplatz Sperbes vor Gericht

Vor Beginn des Mordprozesses im Fall von Sophia Lösche greift der Verteidiger die Staatsanwaltschaft an. - 20.07.2019 11:46 Uhr

Ein Kreuz steht auf dem frischen Grab von Sophia Lösche auf dem Katharinenfriedhof in Amberg. Die beim Trampen getötete Studentin ist im Familien- und Freundeskreis beigesetzt worden. Die junge Frau wurde im September 2018 bestattet.


Der im Jahr 1977 in Marokko geborene Fernfahrer Boujeema L. und die 28-jährige Sophia Lösche begegneten sich am Donnerstag, 14. Juni 2018, an der Rastanlage Schkeuditzer Kreuz bei Leipzig. Der Fernfahrer kam aus Leipzig und wollte nach Tanger in Marokko zurückfahren, wo der Speditionsstandort seines Arbeitgebers ist. Sophia Lösche wollte ebenfalls nach Süden, nach Hause nach Amberg. Als Anhalterin versuchte sie über die A  9 in die Nähe von Nürnberg zu kommen, um von dort weiter zu fahren nach Amberg, wo sie am Abend erwartet wurde. Doch sie kam nicht.

Mandant hat gestanden

"Weil sie von Boujeema L. umgebracht wurde", sagt sein Verteidiger Karsten Schieseck. Sein Mandant habe die Tötung gestanden, in einer dreistündigen Befragung, die damals auf Video aufgezeichnet wurde. "Er hat geweint, er war sehr emotional", sagt Schieseck. Das Geständnis von Boujeema L. bestätige die groben Umstände des Gewaltverbrechens an Sophia Lösche.

Der Fernfahrer sagt demnach, am Parkplatz Sperbes im äußersten südlichen Zipfel des Landkreises Bayreuth bei Plech Halt gemacht zu haben, um sich dort zum Ende des Ramadan ein Fastenbrech-Mahl zuzubereiten. Er will die Tramperin dabei beobachtet und überrascht haben, wie sie das Führerhaus durchsucht habe.

In der Annahme, sie wolle ihn möglicherweise bestehlen, will er sie zur Rede gestellt haben. Der Streit sei aus dem Ruder gelaufen, schließlich habe er die Frau erschlagen. Für seinen Mandanten schwer zu verdauen: Die Anhalterin habe das Führerhaus gar nicht in Diebstahlsabsicht durchsucht. Mit der toten Frau im Führerhaus machte Boujeema L. sich auf den Weg. In der Zwischenzeit organisierten Angehörige und Freunde von Sophia Lösche die Suche. Ihr älterer Bruder Andreas, der Grünen-Stadtrat ist, sagte später in Interviews, man habe sofort schlimme Befürchtungen gehabt. Man habe die Polizei in Leipzig bedrängen müssen, die Vermisstenfahndung nach seiner Schwester zu forcieren. Freunde und Angehörige wussten durch eine Handynachricht von Sophia selbst, dass sie an der Rastanlage in einen Lastwagen gestiegen war. Mit Bildern aus einer Videoüberwachungskamera von einer dortigen Tankstelle wurde der Laster identifiziert.

In Panik gewesen

Der Fernfahrer sei, so sagt sein Verteidiger, auf der Fahrt in Richtung Süden "in Panik" gewesen. "Er ist an großen Waldgebieten vorbeigefahren, aber er hat die Leiche neben einer Straße abgelegt. Er hat einen Blaumann mit Blut darauf an und zieht ihn unter den Augen einer Videokamera in Spanien aus und wirft ihn in eine Mülltonne. So, dass eine Zeugin den Blaumann findet." So handle jemand, der in Panik ist und keiner, der eiskalt ein Verbrechen plant. Das Verbrechen, sich einer Frau zu bemächtigen und sich an ihr zu vergehen. Schieseck: "Es hat gedauert, bis sich Boujeema L. zu einem Geständnis durchgerungen hat. Erst, als ich ihn darauf hin wies, dass es nicht nur darum geht, wie er mit seiner Schuld umgeht, sondern auch um den Schmerz der Hinterbliebenen, hat er sich entschieden. Und es ist ihm wichtig: Die Tat habe nichts mit einem sexuellen Hintergrund zu tun."

Und das ist der Grund, warum Schieseck sich mit ausdrücklicher Genehmigung seines Mandanten vorab an die Zeitung wandte: Ein sexueller Hintergrund stehe in der Anklage. Schieseck sagt, die Anklagebehörde habe aufgrund von Fotos aus dem Handy seines Mandanten eine Annahme konstruiert, die "nichts in der Anklageschrift zu suchen hat". Der Fernfahrer soll Frauen fotografiert haben und sich selbst in sexuell erregter Stimmung.

Der Verteidiger sagt, es gebe keine objektiven Beweise für das angenommene Sexualdelikt. Am Körper der Getöteten seien keine Spuren einer Vergewaltigung gefunden worden.

Weil es keine Spuren gab oder weil keine Spuren mehr nachweisbar sind? Diese Frage lässt Schieseck offen. Der Leichnam des Opfers wurde laut Schieseck neun Tage nach ihrem Tod in Nordspanien gefunden. Schon vor dem Leichenfund war Hunderte Kilometer weiter südlich der Laster von Boujeema L. ausgebrannt, das Führerhaus war ein glühender Haufen Metall.

Laut Schieseck sagt sein Mandant, er habe den Laster nicht vorsätzlich angezündet, der Motor habe seit längerem gezickt. Dennoch, so Schieseck, bekenne der Fernfahrer, dass ihm das Feuer im Motorraum durchaus gelegen gekommen sei, in der Hoffnung es werde im Führerhaus Spuren vernichten.

Das Strafverfahren gegen Boujeema L. kam ganz knapp in die Zuständigkeit der Bayreuther Justiz. Der mutmaßliche Tatort, der Autobahnparkplatz Sperbes-West, liegt laut Bayernatlas, dem offiziellen Kartenwerk des Landesamtes für Digitalisierung, Breitband und Vermessung im südwestlichen Zipfel des Gemeindegebietes von Plech. Der Parkplatz Sperbes-Ost dagegen gehört zum Gemeindegebiet von Betzenstein. Zwei Kilometer südlich von Sperbes ist die Grenze zwischen den Landkreisen Bayreuth und dem Nürnberger Land.

Zwölf Verhandlungstage

Für den Prozess haben sich viele Medienvertreter über die Region hinaus angemeldet. Das Bayreuther Schwurgericht hat für den Prozess vorerst zwölf Verhandlungstage angesetzt, teilte Gerichtssprecher Clemens Haseloff mit.

Am kommenden Dienstag will Verteidiger Schieseck für den Angeklagte eine Erklärung abgeben, danach solle und wolle Boujeema L. selbst Fragen beantworten. Dann soll auch bekannt werden, warum Sophia Lösche das Führerhaus durchsucht haben soll und wieso der Angeklagte das weiß.

MANFRED SCHERER

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus: Riegelstein