-1°

Sonntag, 17.01.2021

|

Versteckte Not und Einsamkeit: NN-Weihnachtsaktion hilft

So können Leser Bedürftigen in der Weihnachtszeit eine kleine Freude bereiten - 27.11.2020 07:55 Uhr

Jeder Spender der NN-Weihnachtsaktion Schmücken & Helfen kann eine Kugel am NN-Christbaum in der Pegnitzer Innenstadt aufhängen.

26.11.2020 © Foto: Archiv/Klaus Trenz


Die Sozialämter und Jobcenter aus drei Landkreisen empfehlen immer Bedürftige, die bedacht werden sollten. Im Schnitt sind es 130 Menschen von Auerbach bis Hollfeld, von Schnabelwaid bis Plech. Auch Königstein und Neuhaus sind dabei, Betzenstein und Pottenstein, also die halbe Fränkische Schweiz.

Thomas Knauber, lange Zeit Redakteur in Pegnitz, betreut diese Aktion. Er hat schon großzügige Spenden erhalten, zum Beispiel von der Kaiserbräu – diesmal viel mehr als sonst – und von der Firma Klubert und Schmidt. Vfm hat eine Spende für den 1. Dezember angekündigt. Alle Firmen, die geben, werden immer genannt, ebenso die Leser – wenn sie nicht anonym bleiben wollen.

Knauber lernt, wenn er die Spenden überbringt, jedes Jahr neu, wie glücklich er sein kann, nicht in dieser Armutsfalle zu sitzen (die Betroffenen empfinden es so: Ihr Leben hatte nie eine Chance auf Glück), gesund zu sein und Geld zu haben. Seine Rente ist zum Beispiel Corona-unempfindlich. Sie kommt wie immer.

Da ist kein Job, der plötzlich weg ist, keine fehlende Halbtagsarbeit einer Mutter, die damit vor einem Drama steht.

So traf er vor einigen Wochen eine alleinerziehende Mutter, die schon länger bei "Schmücken & Helfen" gemeldet ist. Sie schlägt sich immer äußerst tapfer durch. Aber die Gesundheit macht nicht mit. "Wissen Sie", sagt sie und ihr Lachen ist plötzlich weggewischt, "ich hatte wieder eine Operation. Es hört nicht auf. Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll."

Ähnlich der alte Mann, den Knauber schon seit Jahren besucht. Immer leerer Kühlschrank, immer ungeheizt, weil kein Geld für Öl. Immer ein grimmiger Humor, der die Einsamkeit wegsteckt. Immer der Staubsauger zur Hand, damit was zu tun ist.

Knauber sah vor einem halben Jahr nach ihm, weil an Weihnachten etwas im Busch war. Seine Medikamente auf dem Küchentisch waren schlagartig mehr geworden, seine Rückenschmerzen stärker. Jetzt, beim Besuch im Juni, summt kein Türöffner. Der Nachbar ruft aus dem Fenster: "Gehn´S einfach nei, der macht nemmer auf."

Der alte Mann hat das Stadium erreicht, zu dem er früher immer gesagt hatte: "Dann räum´i mi wech." Im-Bett-Liegen und Schläuche und nichts mehr. Zu schwach zum Aufstehen. Im Gesicht aber einen so feinen, guten Ausdruck. Sein Humor so herzlich in den Augen. "Ja", sagt er, "eigentli müsst´i ins Heim."

Macht er aber nicht. Da kann die Diakonieschwester reden, was sie will. Er hängt an seinem immer so ordentlichen Wohnzimmer, das jetzt durch einen Wäscheständer entweiht ist, auf dem seine Schlafanzüge liegen und die Handtücher.

Wie geht´s weiter? Ein einsamer Abschied von der Welt? Ein sehnsüchtiger Blick zurück auf Autorennen (er war Kfz-Mechaniker)? Frust über die zahllosen Krankenhausfahrten mit seiner Frau, die vor 15 Jahren langsam an Krebs gestorben war? Knauber lernt über "Schmücken & Helfen" viele Menschen kennen, auch sehr interessante. Da war zum Beispiel eine alte Dame, die ihr Leben auf Bierfesten verbracht hatte. Sie war die Bedienung mit dem bunten Dirndl, die zehn Maßkrüge auf einmal tragen konnte.

Dann kam das Alter, die kleine Wohnung mit dem barocken Schreibtisch, auf dem ein Telefon stand und einige Zettel lagen. Einer hatte die Telefonnummer ihrer Schwester drauf. Die lebte im Ruhrgebiet, familiär fast verschollen, und war für die Dame nur ganz selten zu erreichen. So ging sie allein dem Altersheim entgegen, ab und zu von einem NN-Besuch aufgemuntert. Erst Krücken; dann ihr Bett vereinfachen; dann Sich-Weigern; dann doch.

Im Heim lag sie schnell bewegungslos in den weißen Laken. "Herr Knauber, ich will Ihnen noch was sagen . . ." Ihr Gesicht war eingefallen, die Haare dünn. Nichts mehr von der gut gekleideten Dame von vor zwei Jahren, die viel fernsah und eine Biographie von Putin las. Die hellsehend Dinge beschrieb, die niemand sah. Sie konnte nicht mehr sprechen. Sie starb allein.

Wie geht es irgendwann einer alten Frau, die Knauber öfter auf der Straße trifft? Für sie ist – wie für viele andere auch – die Spende der Leser wichtig, aber genauso wichtig das Gespräch dazu. Es belebt sie. Sie hatte einen Alkoholiker als Mann. Es war mehr ihr Einkommen aus einer Großküche als seines, das alles am Laufen hielt. Dann starb er.

Sie gab jetzt an ein paar Freunde großzügig Kredite, die nicht zurück kamen. Deshalb begann sie noch mit 74 einen Job. Aber kurz darauf starteten Gesundheitsprobleme. Also Rollator und große Unsicherheit. "Ich hab vor zwei Wochen so viele Kilo abgenommen", sagt sie jetzt. "Keine Ahnung warum. Das Alter ist halt Schrott. Immer kommt was anderes."

Sie müsste zum Arzt. Aber sie will nicht mehr, weil sie schon so oft da war. "Nach Weihnachten", sagt sie. "Die haben ja jetzt eh keine Zeit."

Die NN danken Ilse und Annette Löhr sehr für ihre Bereitschaft, hier wieder mitzuhelfen — und dem Bauhof der Stadt, der den NN einen Christbaum gab. Jeder, der bei Löhrs einzahlt, kann dort eine Christbaumkugel signieren und an dem Baum aufhängen.

Info: Wer etwas für "Schmücken & Helfen" geben möchte, kann es direkt tun, indem er seinen Betrag bei Schreibwaren Löhr an der Hauptstraße 59 abgibt. Oder man überweist unter dem Stichwort "Freude für Alle", IBAN DE62 7735 0110 0038 0645 72 (bei der Sparkasse Bayreuth).

nn

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus dem Ressort: Pegnitz