Razzia in Oberfranken: Gibt es eine neue Spur im Fall Peggy?

13.9.2018, 13:49 Uhr
Die damals neunjährige Peggy verschwand im Mai 2001 spurlos.

Die damals neunjährige Peggy verschwand im Mai 2001 spurlos. © dpa

Am gestrigen Mittwoch rückten die Ermittler gleich mit mehreren Polizeiwagen und zivilen Einsatzfahrzeugen in Marktleuthen (Landkreis Wunsiedel) an, fuhren in einem Ortsteil auf und ab, sperrten eine Straße. Mit einem Durchsuchungsbeschluss in der Tasche suchten sie auch das etwas abgelegene Anwesen der Familie des 41-Jährigen ab. Der Mann und seine Frau wurden eingehend, jedoch getrennt voneinander vernommen. Beide sind inzwischen wieder auf freiem Fuß. Der Mann habe zwar kein Geständnis abgelegt, sagte Jürgen Stadter, Sprecher des Polizeipräsidiums Oberfranken auf Anfrage von nordbayern.de.

Jedoch gelte er derzeit als einziger Beschuldigter in diesem mysteriösen Fall, der ganz Deutschland beschäftigt. Nun müsse man in den nächsten Tagen und Wochen die Aussagen und die gesammelten Spuren intensiv auswerten. Erst dann wollen sich Staatsanwaltschaft und Polizei wieder äußern. Die Aktion der Sonderkommission (Soko), die derzeit aus einem Dutzend Mitarbeitern besteht, war intensiv vorbereitet worden. Auch in Lichtenberg im Landkreis Hof, dem Wohnort der kleinen Peggy, waren Polizeieinheiten mit fünf Bussen und einigen zivilen Autos vorgefahren und hatten Häuser unter die Lupe genommen. Nach Informationen des Nordbayerischen Kurier in Bayreuth soll es sich dabei um das Elternhaus des 41-jährigen Mannes und eine dazugehörige Werkstatt handeln.

In Oberfranken gab es am Mittwoch zwei Großeinsätze der Polizei, die im Zusammenhang mit dem Fall Peggy standen.

In Oberfranken gab es am Mittwoch zwei Großeinsätze der Polizei, die im Zusammenhang mit dem Fall Peggy standen. © NEWS5

"Umfangreiches Material" gesichert

Der Beschuldigte lebte zum Zeitpunkt des Verschwindens von Peggy in Lichtenberg und war auch mit Ulvi K. gut bekannt. Der geistig behinderte K. war im Jahr 2004 wegen der angeblichen Ermordung von Peggy zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt worden war. In einem spektakulären Wiederaufnahmeverfahren wurde der geistig Behinderte jedoch zehn Jahre später, im Frühjahr 2014, von den Vorwürfen freigesprochen. Im Sommer 2016 entdeckte ein Pilzsammler in einem Waldstück nahe Rodacherbrunn an der bayerisch-thüringischen Grenze, etwa 15 Kilometer von Lichtenberg entfernt, die sterblichen Überreste von Peggy. Seitdem sind Spezialisten der Soko dabei, die Spuren auszuwerten. Man habe am Fundort des Skelettes "umfangreiches Material" sichern können, sagte Polizeisprecher Stadter.

Die Kriminalpolizei geht davon aus, dass das Mädchen woanders getötet und später dann im Wald verscharrt wurde. Die Ergebnisse einer wissenschaftlichen Untersuchung der Knochenteile habe man mit den Details der Ermittlungsakten abgeglichen, teilt die oberfränkische Polizei jetzt mit. Daraus hätten sich "Verdachtsmomente" gegen den 41-Jährigen ergeben, die schließlich durch weitere Ermittlungen noch untermauert wurden. Dies führte nun zur großangelegten Durchsuchung mehrerer Gebäude in den beiden Landkreisen, an der insgesamt rund 70 Polizeimitarbeiter beteiligt waren.


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Der Falsche im Fokus?

Der Mann war bereits kurz nach dem Verschwinden von Peggy in den Blickpunkt gerückt: Ausgerechnet Ulvi K. hatte in seinen Vernehmungen den damals 24-Jährigen beschuldigt, "Peggy geknebelt, gefesselt und mit einem Stein beschwert an einem Fluss abgelegt zu haben", wie die Akte festhält. Deswegen führte ihn die Soko "Peggy" als Verdachtsmoment "Nummer 4". Die Staatsanwaltschaft leitete damals ein Verfahren "wegen des Totschlags zum Nachteil von Peggy Knobloch" ein. Doch der Verdacht ließ sich nicht erhärten: Der 24-Jährige konnte eín Alibi vorweisen.

Gudrun Rödel, die Betreuerin von Ulvi K., die auch das Wiederaufnahmeverfahren für ihren Schützling durchgekämpft hatte und von Anfang an von seiner Unschuld überzeugt war, zweifelt jedoch stark, ob Ulvi K. mit seiner damaligen Anschuldigung Recht hatte. Ulvi sei bei seinen Vernehmungen von der Polizei stark unter Druck gesetzt worden und habe sich "alle möglichen Namen einfallen lassen", um von den Verhören befreit zu werden. Rödel vermutet in dieser verworrenen Geschichte vielmehr, man nehme jetzt abermals den Falschen in den Fokus. Noch immer werde wichtigen Spuren nicht nachgegangen, klagt Rödel, die gute Kenntnis der Aktenlage hat.