Montag, 16.12.2019

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Nichts für zarte Gemüter

Bei der 4. Rother Wrestling-Nacht ging es ordentlich zur Sache - 03.10.2010 23:00 Uhr

Keine Angst, der tut nichts, der will nur spielen. Sonjay Dutt lockert ein wenig die verkrampfte Nackenmuskulatur von Amazing Red, der sich schließlich aber aus dem Klammergriff befreit. © Ammer


Steve Douglas gehört offensichtlich zur Fraktion der sogenannten „Heels“, der Bösewichte, und legt nach seinem Einmarsch sofort los mit der Publikumsbeschimpfung. „Ich wäre lieber tot als in Roth“, wütet der wasserstoffblonde Muskelmann und stellt unmissverständlich klar, dass hier im Ring ausschließlich seine Regeln gelten.

Die rund 600 Zuschauer aller Altersklassen zwischen sechs und 66 Jahren buhen und stimmen Schmähgesänge an, während Douglas‘ Kontrahent, der zu Country-Gedudel in die Halle marschierende Farmer Joe bejubelt wird. Klar, dieser Knuddelbär mit seiner Latzhose und seinem Strohhut ist ja der Gute, der Äpfel an die kleinen Zuschauer verteilt.

Sein Gegner jedoch kann sich für Obst nicht so recht erwärmen und spuckt den angebotenen Apfel im weiten Bogen aus dem Ring, woraufhin die Prügelei losgeht. Die Dramaturgie ist schnell durchschaubar: Wenn Steve Douglas Dresche bezieht, wird gejubelt, wenn Farmer Joe in den Schwitzkasten genommen wird oder sich mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Boden wälzt, wird gebuht.

Raue Schale, weicher Kern

Eigentlich sind die Wrestler aber alles ganz nette Menschen – auch die vermeintlichen Bösewichte. Michaela Molnauer, die Schwester von Organisator Nicolas Banner, gerät geradezu ins Schwärmen, wenn sie von den starken Männern und ihrem weichen Kern unter der rauen Schale erzählt. Der amtierende GWP World Champion Ruckus zum Beispiel musste kurzfristig absagen, weil seine Mutter einen Herzinfarkt erlitten hatte und er nun nicht mehr von ihrem Krankenbett weichen will.

Oder „Absolute Andy“, der Lokalmatador aus Hilpoltstein, der seit drei Monaten keinen Kampf mehr bestritten hat, weil er gerade eine Babypause einlegt und der Geburt seiner Tochter entgegenfiebert. Bei seinem Auftritt vor heimischer Kulisse will der 1,91 Meter große und 110 Kilo schwere Hüne seinen Gegnern aber wieder zeigen, wo der Barthel den Most holt.

„Ich verstehe gar nicht, dass so ein Wicht wie Du den Hauptkampf um den World Champion-Titel bestreiten darfst“, giftet „Die Rohrzange aus Franken“ den gut einen Kopf kleineren Murat Bosporus an und bietet „spontan“ ein „Triple-Threat-Match“ an, bei dem sich gleich drei Wrestler um den großen goldenen GWPGürtel kloppen. Die Zuschauer grölen begeistert und brechen in rhythmische „Murat stinkt“-Rufe aus.

Die Wettkampfleiter beteuern zwar, dass sie sich deswegen erst beraten müssen, aber natürlich wird der Kampf in dieser Form ausgetragen. Das gehört zur Show, ebenso wie aus dem Ring geworfene Wrestler, ohnmächtig in der Ecke liegende Ringrichter oder die Fortsetzung eines Kampfes mitten zwischen den Zuschauern. Aber es gibt auch Grenzen: Einige angetrunkene Fans, die die Kämpfer mit Bier vollschütten, werden nach zwei Ermahnungen vom Sicherheitsdienst des Saales verwiesen.

Schließlich ist ein rutschiger Ringboden ein nicht zu unterschätzendes Sicherheitsrisiko angesichts der vielen artistischen Elemente beim Wrestling. Auch für einen Laien ist es beeindruckend, wieviel Körperbeherrschung die Kämpfer an den Tag legen. Salti, Schrauben, Handstandüberschläge — so mancher dieser Profisportler hätte auch einen ausgezeichneten Kunstturner abgegeben.

Rund vier Stunden lang wird in der Mehrzweckhalle an der Nürnberger Straße geschlagen, getreten, gewürgt und an Nasen, Ohren und Haaren gezogen, dass es eine wahre Freude ist, und am Ende treten „Absolute Andy“, Murat, die „Turkish-power-wrestling-machine“, und der langhaarige Joe E. Legend aus Kanada zum großen Showdown an.

Und ausgerechnet der Lokalmatador wird dabei zur tragischen Figur. Eigentlich hatte Andreas Ullmann seinen türkischen Gegenspieler schon die erforderlichen drei Sekunden zu Boden gezwungen, doch dummerweise kümmert sich der Ringrichter gerade in der anderen Ecke um den schwer angeschlagenen Joe. Also zählt es nicht, „Absolute Andy“ wird danach von Murat Bosporus bezwungen und verliert dadurch auch noch seinen Dragonheart-Titel.

Gesamtsieger wird schließlich Joe E. Legend, und die „Rohrzange aus Franken“ kann sich danach immerhin über einen neuen Fan freuen. „Du warst der Schönste von allen“, bezirzt ihn eine junge Blondine, um ein gemeinsames Foto mit dem geschlagenen Helden zu bekommen. Der gibt sich schon wieder kämpferisch. Beim nächsten Mal werde er dem neuen Wrestlingcorner- Champion Steve Douglas so richtig den Hintern versohlen.

ANDRÉ AMMER

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