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Plötzlicher Herzstillstand - und dann war alles anders ...

Tamara Schwab (26) lebt mit einem Defibrillator-Implantat und lässt sich nicht entmutigen. - 25.12.2019 18:07 Uhr

Tamara Schwab musste bereits einige Operationen über sich ergehen lassen. Doch ihren Optimismus hat die junge Frau darüber nicht verloren. © Foto: privat


Doch Wunder, so wissen "Eingeweihte" wie Tamara Schwab, geschehen nicht nur zur Weihnachtszeit: In besagtem Fitness-Studio trainierten zufällig auch zwei Medizinstudenten, ein Polizist, ein Rettungssanitäter und ein geschulter Ersthelfer, als der Vorfall passierte. Die erkannten sofort, welche Gefahr im Verzug war und "haben mich abwechselnd reanimiert", erzählt die Rotherin. So beginnt die Herzensgeschichte der Tamara Schwab. Und ihr zweites Leben.

Es ist die Geschichte einer adretten jungen Dame, die viel vorhat im Leben: Führungskraft werden, Verantwortung übernehmen. Ihr Erfolgsrezept: Leistung bringen, nicht stehen bleiben, immer einen Tick besser sein als die anderen. Ab 2012 studiert sie Kommunikationswissenschaft in Bamberg, übernimmt nebenbei Jobs als charmante Moderatorin, arbeitet parallel als ehrgeizige Werkstudentin bei einer Nürnberger Bank, wo sie im Zuge der gleichnamigen Kampagne "Herzenswünsche" (!) ihrer Kunden betreut. Deutschlandweit.

Verdacht wurde zur Diagnose

Es ist eine Phase der Rastlosigkeit, die ihr letztlich "das Herz bricht", denn: "Das Ganze war schon ’ne Hausnummer. Ich fand keine Ruhe mehr, war ein Workaholic im Arbeitsrausch, fühlte mich wie ein hyperaktives Hühnchen auf Ecstacy. Und dann erhielt ich auch noch eine Festanstellung bei der Bank." Damals habe sie’s zum ersten Mal gespürt – den Druck, das Stolpern in der Brust – und es geflissentlich ignoriert.

Das strapazierte Organ allerdings, das klopfte wieder an, mehrfach. Deshalb suchte Tamara Schwab im Mai 2016 den Hausarzt auf, der sie zum Kardiologen überwies: Verdacht auf Herzmuskelentzündung. Man veranlasste MRT und Biopsie, sodass besagter Verdacht alsbald zur Diagnose wurde. Ihr Leben verlief – abgesehen von einer zweimonatigen Arbeitspause, eineinhalb Jahren Sportverbot und regelmäßigen Arztkontrollen – trotzdem "relativ normal". Bis zum 28. Januar 2018. Dem Tag, als ihr Herz aufhörte zu schlagen.

"Und dann war alles anders", erinnert sich Tamara Schwab, während sie auf eine Stelle oberhalb der linken Brust deutet. Dort ist nicht viel mehr zu erkennen als der Schatten einer Narbe. Aber es ist das Relikt einer Tortur, die der heute 26-Jährigen seinerzeit noch bevorstehen sollte. Und es ist ihre Lebensversicherung.

Denn unter Tamara Schwabs Haut sitzt seit Anfang vergangenen Jahres ein implantierter Defibrillator; ein Elektroschocker im Miniaturformat, nicht viel größer als eine Streichholzschachtel. Das Gerät überwacht ihren Herzrhythmus und stellt — bei Bedarf — den normalen Takt der "Körperpumpe" wieder her, sobald dieser aus dem Ruder läuft. Das geschieht mittels elektrischer Impulse, die im schlimmsten Fall eine Intensität erreichen, "als würde dir ein Pferd gegen die Brust treten", weiß Tamara Schwab nur allzu gut.

Geschwächt, aber nicht untätig

Im August 2018 hat die zierliche Blondine ihn nämlich zu spüren bekommen, diesen Schock. Fünfmal hintereinander. Im Frühstücksraum eines Hotels auf Ibiza. Weil ihr Herz einmal mehr still stand. Man brachte sie umgehend in eine Klinik der Insel, von wo aus sie sechs Tage später per Privatjet nach Deutschland transportiert wurde. Erst ein halbes Jahr zuvor war ihr der "Defi" in Nürnberg eingesetzt worden, von "furchtbaren Schmerzen" begleitet – nun versuchte er bereits das junge Leben seiner Besitzerin zu retten.

Doch das Herz fand sein Gleichmaß nicht, sodass Tamara Schwabs Freund sie zusätzlich an Ort und Stelle reanimieren musste. Nach diesem Erlebnis wusste sie: "Irgendwas mit dem Gerät stimmt nicht." Zurück in Deutschland, hörten die Herzrhythmusstörungen nicht auf. Und bei einem Besuch ihres Freundes in Kempten kippte sie schließlich erneut um.

Man lieferte sie in ein Münchener Krankenhaus ein. Dort führten die Ärzte unter anderem eine Korrektur-OP des "vermutlich inkorrekt ausgerichteten Defibrillators" durch, wie Tamara Schwab heute weiß. Doch das sollte noch nicht das Ende sein.

Seit dem 28. Januar 2018 ist die Rotherin zwar oft geschwächt, aber nie untätig. Für sie steht fest: Jammern gilt nicht! Ihr alternatives Mantra heißt: "Du musst das Positive aus der Situation ziehen!" Also stellte sie die Masterarbeit zum berufsbegleitenden Wirtschaftspsychologie-Studium fertig, das sie im September 2016 begonnen hatte. Und sie fing an, ihre persönliche Story zu notieren – in der Reha, zu Hause. "Ich hatte ja Zeit."

Mit viel Sarkasmus blickt sie auf ihr Schicksal und somit dem Sensenmann trotzig-tapfer ins Auge. Inzwischen hat sie ihre Erlebnisse, Eindrücke, Erfahrungen und Erkenntnisse nämlich auf insgesamt 288 Seiten gebündelt – "so konnte ich mich produktiv fühlen." Die Lektüre soll ab Freitag, 7. Februar, im Buchformat erhältlich sein. Titel: "Mein Speed-Dating mit dem Tod".

Tamara Schwabs Herzleistung liegt mittlerweile bei 36 Prozent, die Entzündung und damit verbundene Rhythmusstörungen sind ihre ständigen Begleiter. Noch immer. Betreut wird sie mittlerweile von einem Berliner Ärzteteam, das sich mit chronischen Herzmuskelentzündungen "bestens auskennt. Ich fühle mich in guten Händen", beteuert sie, wenngleich es ein klassisches Happy End nicht gibt.

Ideen und Träume nicht aufgegeben

Ob sie Angst habe? "Natürlich!" Zum Beispiel dann, "wenn das Herz beim Treppensteigen plötzlich stolpert oder über Stunden aus dem Takt gerät." Drum wohne sie zurzeit auch lieber bei ihrem Vater in Roth – "sicherheitshalber" – und suche wöchentlich eine Psychologin auf. Denn überwältigen lassen wolle sie sich von dieser Angst auf keinen Fall, obschon klar sei: "Ich habe keine Kontrolle über mein Herz und ich kann mir den Defi auch nicht rausreißen."

Doch schreiben, das kann sie. Über sich und die Krankheit und damit anderen helfen, ihnen Mut machen: "Ich bin stark geblieben, auch wenn ich streckenweise ein echtes Wrack war. Das geht", lautet die Kernbotschaft. Oder anders gesprochen: Tamara Schwab hat ihre Ideen und Träume nicht aufgegeben; sie hat "nur" den inneren "Ehrgeizjunkie" in die Schranken gewiesen. "Zumindest hab’ ich mir verordnet, eins nach dem anderen zu machen und meinem Körper den Respekt zu zollen, den er verdient." Schließlich schaffe dieses 1,63 Meter große und 47 Kilogramm schwere Wunderwerk "ganz Außerordentliches". Tag für Tag.

Der Leistungsgesellschaft, dessen integraler Bestandteil sie einst war, hält Tamara Schwab mittlerweile kopfschüttelnd den Spiegel vor: "Es wird als toll dargestellt, wenn man über sein Leistungsniveau hinausgeht, seine Grenzen ignoriert."

Im Buch hat sie daher recht zynisch "10 Gebote, um auf die Fresse zu fallen" festgehalten, und sie spielt das "Spiel des Lebens" mit dem Leser. Motto: "Entscheide selbst, wie lange du auf dem Spielfeld bleiben möchtest...". Daneben findet sich aber auch Tröstliches zwischen den Seiten wie "Energietank-Songs" oder eine "Bedienungsanleitung für den Umgang mit seltenen Erkrankungen". Unter anderem. Das gesamte Machwerk sei einfach "eine große Achterbahn der Emotionen", erklärt Tamara Schwab.

Seit einiger Zeit fühle sie sich allerdings gestärkt – gerade durch ihre Schwäche: "Ich habe wieder ein Gefühl für mich selbst entwickelt und ich weiß jetzt, was wirklich wichtig ist im Leben..."

Ein Teil des Verkaufserlöses von Tamara Schwabs Buch "Mein Speed-Dating mit dem Tod", soll an "Kinderherzen" gehen, die Fördergemeinschaft Deutscher Kinderherzzentren e.V. Diese finanziert Forschungs- und Fortbildungsprojekte sowie diverse Aktionen für Menschen mit Herzfehlern. Vor diesem Hintergrund hat Tamara Schwab auch Schmuck und Kleidung mit charakteristischem Herzlogo designed (zu haben unter www.respectyourlimits.de). 

PETRA BITTNER E-Mail

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