Wo sind die Tagesmütter im Landkreis Roth?

28.7.2018, 16:00 Uhr
Gemäß Kita-Qualitätsoffensive sollen künftig verstärkt Tagesmütter in den Kindertagesstätten arbeiten und die Randzeiten vor beziehungsweise nach Öffnung der Einrichtungen auffangen.

© Foto: Jan-Philipp Strobel/dpa Gemäß Kita-Qualitätsoffensive sollen künftig verstärkt Tagesmütter in den Kindertagesstätten arbeiten und die Randzeiten vor beziehungsweise nach Öffnung der Einrichtungen auffangen.

Nennen wir sie Sonja H., 32, alleinerziehend. Die gelernte Verkäuferin ist nach der Trennung von ihrem Mann mit den beiden Kindern Tim (2) und Svenja (4) nach Roth gezogen. Betreuende (Groß-)Eltern hat sie keine am Ort, auf ihren Vollzeitjob kann sie trotzdem nicht verzichten. Der beinhaltet aber auch Schichten, für die sie bereits vor 7 Uhr das Haus zu verlassen hat beziehungsweise erst nach 18 Uhr heimkehrt. Zu schaffen ist das nur mit einer Tagesmutter.

38 solcher, übers Jugendamt qualifizierter Frauen zählt man im Landkreis Roth. Gerade wieder haben zehn Damen aus der Region um Roth und Gunzenhausen einen gemeinsamen Ausbildungskurs bei der Gesellschaft für berufliche und soziale Integration (gfi) absolviert.

Denn wer fremde Kinder zu Hause betreuen will - "Kindertagespflege" heißt das im Fachjargon – von dem verlangt der Gesetzgeber mindestens 100 kostenpflichtige Qualifizierungsstunden und regelmäßige Fortbildungen im Sinne des Bayerischen Kinderbildungsgesetzes (BayKiBiG). Der Job bringt dann denen, die via Jugendamt vermittelt werden, zwischen 3,21 und 3,42 Euro pro Stunde. Je nach Arbeitsjahren. Plus Sozialleistungen.

Nicht gerade viel. "Bayern ist da am unteren Level", weiß Waltraud Elsner (60) sehr genau, weil sie vor ihrem Umzug nach Guggenmühle bei Allersberg viele Jahre in Nordrhein-Westfalen als Tagesmutter aktiv war. "Die Arbeit wird dort besser entlohnt!"

Trotzdem hat die ehemalige Quelle-Abteilungsleiterin auch im Frankenland ihre Passion wieder aufgenommen und betreut hier, in einem eigens hergerichteten Einliegerbereich ihres Hauses, Kinder zwischen noch nicht ganz einem und knapp drei Jahren. "Weil sie mich jung halten und man jeden Tag Neues mit ihnen entdeckt", umschreibt Waltraud Elsner Kernaspekte ihrer Motivation. Im Augenblick ist Elsners kleine Rasselbande vierköpfig. Wobei gilt: Fünf Minis pro Gruppe dürfen’s maximal sein, acht Betreuungsverträge darf die Tagesmutter abschließen.

Stellenwert nicht allzu hoch

Ein durchaus anstrengendes Geschäft, zumal man sich "nicht einfach rausnehmen und der Kollegin kurz das Feld überlassen kann." Denn Kolleginnen hat Waltraud Elsner keine. Dass der Stellenwert ihres Berufs in der Gesellschaft nicht sehr hoch angesiedelt sei, finde sie daher "schon ein bisschen traurig". Vor allem, weil es bayernweit ja an Kita- sowie Krippenplätzen und Personal mangle.

Das will die Bayerische Staatsregierung mit ihrer sogenannten "Kita-Qualitätsoffensive" ändern. Ab kommendem Kindergartenjahr sollen unter anderem 2000 zusätzliche Tagespflegepersonen akquiriert werden. "Dies ermöglicht eine Flexibilisierung der Öffnungszeiten, Betreuung in Rand- und Ferienzeiten und bringt eine Verbesserung des Personal-Kind-Verhältnisses mit sich". So steht’s im Beschlusspapier des Ministerrats.

München beschließt...

Das Bayerische Familienministerium sieht sich dabei in der Rolle des "Qualitätsbegleiters", wie eine Sprecherin informiert, denn Fakt sei: "Die Hoheit liegt bei den Kommunen". Im Klartext: Umzusetzen sind die Wünsche aus München jeweils vor Ort.

Das lässt Anja Eitel, Leiterin des Awo-Waldwichtelkindergartens in Roth, wo momentan ein sich verzögernder Krippenanbau und entsprechende Notlösungen zu schultern sind, erstmal tief durchschnaufen. Der Wunsch nach flexibleren Öffnungszeiten sei bisher aber kaum seitens der Elternschaft geäußert worden, erklärt Eitel mit Blick auf die aktuelle Debatte.

Konzept mit "Charme"

Gleichwohl weiß die Kita-Leiterin um die Nöte jener Erziehungsberechtigten, die besonders früh oder spät zur Schicht müssten: Morgens werde der Nachwuchs zur Tagesmutter geschafft, von da ging’s in die Kita, dann erneut zur Tagesmutter und schließlich wieder nach Hause.

"Das kommt bei uns zwar selten vor, weil die meisten Eltern schauen, wie sie’s privat lösen können, aber es kommt eben vor." Und freilich wär’s dann besser, das "Durcheinander" zu umgehen, indem der Nachwuchs gleich in die Kita gebracht werde, wo die Tagesmutter schon auf ihn warte.

Kein Betreuungs-Tourismus

Genauso sieht’s Anja Knieling, Tagespflege-Fachaufsicht am Rother Jugendamt: "Das Randzeitenbetreuungsmodell hat den Charme, dass die Kinder nicht ständig den Ort wechseln müssen, sondern nur das Personal." Für Knieling "ein Schritt in die richtige Richtung", denn mehr Nachwuchs und eine zunehmend entgrenzte Arbeitswelt "machen abweichende Betreuungsmodelle immer nötiger."

Ilse Hoffinger, Kita-Aufsicht für den Landkreis Roth, kennt dazu die entsprechende Statistik: Das Aufkommen der zu betreuenden Kinder habe sich in den vergangenen zehn Jahren verdoppelt. Aktuell tummeln sich 6000 Steppkes in den hiesigen Kindertagesstätten. Tendenz steigend. Faustregel: "Je ländlicher gelegen, desto arbeitnehmerunfreundlich die Öffnungszeiten."

Auch Tagesmütter wollen Feierabend

Drum sei mit der Option einer Randzeitenbetreuung durch Tagesmütter sowohl den Einrichtungen als auch den Familien geholfen, glaubt Anja Knieling und spricht von einer "Win-win-Situation". "An sich eine schöne Sache", bestätigt Anja Eitel, "aber wer macht freiwillig solche Dienstzeiten zu diesen Gehaltsbedingungen?", fragt sich die Chefin der "Waldwichtel".

Waltraud Elsner ist ebenfalls verhalten optimistisch: Für so manche Tagesmutter sei’s bestimmt gut, wenn sie die Ausstattung einer Kita nutzen könne, ja - "aber nur in Früh- und Spätschicht? Ich will doch auch Feierabend haben."

Dem Argument, dass Tagesmütter aufgrund mangelnder Fachlichkeit nicht in Kitas gehören, gibt Elsner indes den Laufpass und verweist auf das vorgeschriebene, am BayKiBiG orientierte Aus- beziehungsweise Weiterbildungsvolumen sowie einschlägige Erfahrungswerte. Auch Anja Eitel findet das Auffangen der Randzeiten durch Tagesmütter "okay, solange sie als Zusatz- und nicht als Ersatzpersonal arbeiten".

Noch ist das Thema mehr heiße Luft als Substanz: Im Landkreis Roth macht bislang eine einzige Aspirantin die Probe aufs Exempel in einer Kita. Für Anja Knieling steht auf lange Sicht allerdings fest: "Die Einrichtungen werden sich an die Lebenswelt der Eltern anpassen müssen, ihre Öffnungszeiten hinterfragen und neue Modelle zu entwickeln haben. Die Tagespflege kann dabei eine sinnvolle Ergänzung sein."

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