Schalom Franken! Jüdisches Leben in der Region

Hans Böller
Hans Böller

Redakteur der Nürnberger Nachrichten

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Eines von vielen Zeugnissen jüdischen Lebens in Franken: Die Synagoge von Ermreuth im Landkreis Forchheim.

Eines von vielen Zeugnissen jüdischen Lebens in Franken: Die Synagoge von Ermreuth im Landkreis Forchheim. © e-nn-for-20160721_105451-5.jpg, NN

Den Gedankengang kann man gut nachvollziehen. "Ob das passt", das hätten sie sich beim Tourismusverband Franken schon auch gefragt, wie dessen Vorsitzender Gerhard Wägemann sagte. Ob das jüdische Leben in der Region zwischen "Kulinarik und Kanuwandern" passt, ob es ins Tourismusprogramm gehört, kurz: "Ob das angemessen ist" (Wägemann). "Ein klares Ja", das ist die Antwort des ehemaligen Landrats von Weißenburg-Gunzenhausen.


Man kann dieses Ja nicht dick genug unterstreichen. Ja, es passt, es passt ganz wunderbar – zu Franken, zu seiner Kultur und Geschichte, die voll des jüdischen Lebens war und es wieder ist. "Das Judentum gehört zu Franken wie der Bocksbeutel und die Bratwurst", das schreibt Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland – im Vorwort zu einer neuen Broschüre des Tourismusverbandes, die zu Begegnungen mit dem jüdischen Leben einlädt. "Schalom Franken!" heißt sie und ist vor allem: sehr, sehr lebendig, kurzweilig, gut verständlich, hochinteressant.

"Ungezwungenes Kennenlernen"

Vorgestellt wurde das 150 Seiten starke Heft zum Jubiläumsjahr 2021 – seit 1700 Jahren ist jüdisches Leben in Deutschland belegt – während einer Pressekonferenz in Nürnberg, es soll nun eine Art Leitfaden sein, neugierig machen auf die jüdische Geschichte, darauf, sie zu erschließen, zu erwandern, und, ja, "auch zu genießen", wie Ludwig Spaenle, der Beauftragte der Bayerischen Staatsregierung für jüdisches Leben und gegen Antisemitismus, sagte. Nur keine Hemmungen, das war ein Teil der Botschaft, Lust auf ein "ungezwungenes Kennenlernen" wünscht sich Wägemann.


Die jüdische Heimatforschung ist ein noch relativ junges Fach mit bereits hervorragenden Verdiensten, das belegen exzellente Forschungsarbeiten und ein auffälliges Engagement von Laien. Ein leicht zugänglicher Überblick gerade für interessierte Anfänger fehlte bisher, eine "gesamtfränkische Darstellung", wie Wägemann es nennt. "Leider", konstatiert Josef Schuster, sei "das Wissen in der Breite der Bevölkerung gering", wenn es um Vergangenheit und Gegenwart jüdischen Lebens in Franken geht, "es ist in vielen Köpfen noch nicht angekommen."


Belegt ist dieses Leben seit gut 1000 Jahren, es begann in den Städten, es erzählt von einem Miteinander – aber genauso von Pogromen und Morden. Die Vertreibung der jüdischen Bürger aus den Städten führte, über Jahrhunderte, zur besonderen Lebensform des fränkischen Landjudentums, später, im 19. Jahrhundert, zu einem Aufstieg jüdischer Akademiker, Unternehmer und Künstler ins städtische Bürgertum – zu einer kurzen Blütezeit, ehe der Nazi-Terror das große deutsch-jüdische Kulturgut beinahe ganz ausgelöscht hätte. Aber es ist keine Geschichte nur des Leidens.

"Wein, Würste, Geschichte"


"Ein ganz wesentlicher Teil der jüdischen Welt" sei Franken immer gewesen, daran erinnerte Spaenle, heute gibt es hier wieder sieben Israelitische Kultusgemeinden und unzählige Spuren über Jahrhunderte zurück. Kein deutscher Landstrich war so dicht jüdisch besiedelt wie Franken, mehr als 100 jüdische Friedhöfe bezeugen es. Man kann Vergangenheit und Gegenwart auf mannigfache Weise begegnen – in (ehemaligen) Synagogen, in glänzend kuratierten Museen wie in Fürth, Schwabach oder Schnaittach, beim Klezmer-Festival in Fürth oder während der jüdischen Kulturwoche in Rothenburg ob der Tauber. Josef Schuster, geboren in Haifa in Israel und seit seinem zweiten Lebensjahr in Würzburg daheim, wünscht sich viele Besucher, die "Wein, Würste und jüdische Geschichte", wie er sagt, in Franken kennenlernen – und viele Franken, die diesen Teil ihrer Heimat entdecken.


So, findet Gerhard Wägemann, könne gerade der Tourismus mithelfen, "Vorurteile und Stereotypen abzubauen". Denn leider, sagt Ludwig Spaenle, sei "Judenhass etwas, das unausrottbar scheint". Die "hässliche Fratze des Antisemitismus" (Spaenle) zeigt sich gerade wieder etwas ungenierter in diesem Land, deshalb sei die Initiative des Tourismusverbandes auch "ein politischer Akt, etwas Hochpolitisches", so Spaenle – und, nicht zuletzt, "etwas Wunderbares".

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