Flak-Dienst statt Schule: Zeitzeugen erinnern sich

19.4.2015, 13:30 Uhr
Das Bild zeigt Luftwaffenhelfer bei Geschützausbildung in Nürnberg.

Das Bild zeigt Luftwaffenhelfer bei Geschützausbildung in Nürnberg. © Stadtarchiv Nürnberg

Statt Mathematik und Latein zu pauken, sind sie von der Schule und dem Elternhaus weg zwangskaserniert worden, um in Nürnberg Fliegerabwehrkanonen zu bedienen.

Seit 1943 nahmen die Angriffe alliierter Bomber auf deutsche Städte Monat für Monat zu. Hitler und seinen nationalsozialistischen Schergen an der Spitze des Staates war indes nichts zu verbrecherisch, um im bereits damals verlorenen Krieg handlungsfähig zu bleiben.

Zimmermann, Kraus und Rupprecht hatten keine Wahl. „Wir wurden auf Hitler eingeschworen und mussten gehorchen.“ Gasmasken, Uniform und militärischer Drill waren über ein Jahr lang ihre Welt. Indoktrination inklusive. Amis zu beschießen sei Dienst am Vaterland. „Das hat man uns eingetrichtert“, sagt Joseph Kraus. „Wir haben unsere Pubertät bei der Flak verbracht“, unterstreicht Albert Zimmermann.

„Kameraden herausgezogen“

Die meisten der schrecklichen Erlebnisse dieser Zeit sind verblasst. Zimmermann erinnert sich noch an einen einzigen Treffer. „Unsere Hütte hat gebrannt und ich habe einen Kameraden rausgezogen“, erzählt der 85-Jährige. Angst habe man bei den Einsätzen aber nicht gehabt, fügt er hinzu. „Dafür waren wir wohl zu sehr auf die Aufgabe konzentriert“, mutmaßt Zimermann.



Robert Rupprecht widerspricht. „Ich hatte schon ein bisschen Angst“, sagt der Schaftnacher Landwirt. „Was soll’s“, gibt sich Joseph Kraus betont locker, „wir haben doch überlebt“. Die Standorte im Nürnberger Süden wechselten. Maiach im heutigen Hafen, Schusserplatz zwischen Südfriedhof und Ludwigskanal, Rangierbahnhof. „Um uns hat sich keine Sau gekümmert“, erinnert sich Albert Zimmermann.

Eltern in großer Sorge

Zwei Mal pro Monat wurde den Jungs ein Besuch bei den Eltern zugestanden, die dennoch fast umkamen vor Sorge. „Nach jedem Angriff ist mein Vater nach Maiach geradelt“, sagt Albert Zimmermann. Über seinen Kopf hinweg sind englische Spitfire-Maschinen im Tiefflug auf Nürnberg zugedonnert. „Das war das Schlimmste, was ich je erlebt habe“, sagt er.

Mitte März 1945 war der Spuk vorbei. Die drei Buben aus Schwabach kamen wieder nach Hause. Am 19. April rückte die US-Armee in Schwabach ein. Nazidiktatur, Krieg und Flak-Dienst gehörten damit endgültig der Vergangenheit an.

Aus der Bahn geworfen hat die drei Schwabacher ihr Militärdienst in ganz jungen Jahren nicht. Alle drei blicken heute auf ein erfolgreiches und zufriedenes Leben zurück. Zimmermann wurde Beamter und arbeitete am Finanzgericht. Kraus war zweiter Mann im Export der Firma Bergner. Robert Rupprechts Leben bekam durch den Tod seines Bruders im Krieg eine entscheidende Wendung. Er musste nun die Nachfolge auf dem Bauernhof der Eltern antreten.

200000 Jugendliche eingezogen

Insgesamt taten etwa 200000 Jungen der Jahrgänge 1926 bis 1928 Dienst als Luftwaffenhelfer, anfangs ausschließlich im frontfernen Reichsgebiet. Zu Beginn des Einsatzes 1943 waren lediglich Schüler der höheren und mittleren Schulen betroffen, doch ab Herbst 1944 wurden auch Lehrlinge eingezogen.

Robert Rupprecht, Albert Zimmermann und Joseph Kraus (v.li.) wurden vor 70 Jahren als „Luftwaffenhelfer“ eingezogen.

Robert Rupprecht, Albert Zimmermann und Joseph Kraus (v.li.) wurden vor 70 Jahren als „Luftwaffenhelfer“ eingezogen. © Schmitt

Wie viele der Flakhelfer gefallen sind, ist unbekannt, da sie nicht erfasst wurden. Aufgrund der zahlreichen Berichte über Volltreffer in Flakstellungen ist mit hohen Opferzahlen zu rechnen. Allein bei einem Luftangriff auf eine Flakstellung in Köln-Brück am 28. Januar 1945 kamen 17 Luftwaffenhelfer ums Leben. Am 3. Oktober 1943 erhielt eine Flakstellung bei Sandershausen in der Nähe von Kassel einen Bombenvolltreffer. Unter den Opfern befanden sich 23 Oberschüler.

Bei einem Sprengbombenabwurf auf die Flak-Stellung am Nürnberger Schusserplatz sind in der Nacht zum 9. März 1943 laut Augenzeugenbericht vier Luftwaffenhelfer und fünf Soldaten ums Leben gekommen.

Auch der Papst war Flakhelfer

Der bekannteste ehemalige Kollege der drei Schwabacher ist der von 2005 bis 2013 amtierende Papst Benedikt XVI., damals Joseph Ratzinger, Jahrgang 1927. Er befand sich mit seiner Klasse zum Schutz eines BMW-Werkes in einer Flakstellung in der Nähe von München im Einsatz. Auch der ehemalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher, Literaturnobelpreisträger Günter Grass und der kürzlich verstorbene Kabarettist Dieter Hildebrandt taten Dienst als Luftwaffenhelfer.

Nach dem Krieg hatten die von der NS-Zeit weitgehend unbelasteten und im Gegensatz zur Vätergeneration kaum dezimierten Jahrgänge als „Flak-Demokraten“ maßgeblichen Anteil am Wiederaufbau Deutschlands. So waren im engsten Beraterstab von Bundeskanzler Willy Brandt die ehemaligen Luftwaffenhelfer Horst Ehmke, Klaus Schütz und Klaus Harpprecht.
 

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