Lebenshilfe Schwabach-Roth

Glücksfall: 25 Jahre im Job mit 100 Prozent Behinderung

25.9.2021, 11:04 Uhr
Ehrung für Andreas Materna (Mitte): Der Schwerbehinderte ist seit 25 Jahren bei der Firma Löhr angestellt. Zu diesem Betriebsjubiläum gratulierten (von links) Elke Rothenbucher und Gerhard Engelhardt von der Lebenshilfe sowie Firmenchef Joachim Löhr und dessen Sohn Max Löhr.

Ehrung für Andreas Materna (Mitte): Der Schwerbehinderte ist seit 25 Jahren bei der Firma Löhr angestellt. Zu diesem Betriebsjubiläum gratulierten (von links) Elke Rothenbucher und Gerhard Engelhardt von der Lebenshilfe sowie Firmenchef Joachim Löhr und dessen Sohn Max Löhr. © Günther Wilhelm, NN

25 Jahre in einem Betrieb. In der modernen Arbeitswelt ist das nicht mehr ganz so selbstverständlich wie in früheren Zeiten, wirklich außergewöhnlich ist es dennoch nicht. In diesem Fall aber sehr wohl. „Das ist schon etwas sehr Besonderes“, sagt Elke Rothenbucher, die stellvertretende Vorsitzende der Lebenshilfe Schwabach-Roth, als sie Andreas Materna zu dessen Betriebsjubiläum bei der Schwabacher Firma Löhr gratuliert. Denn Andreas Materna hat etwas geschafft, was sich die Lebenshilfe für möglichst viele Menschen mit geistigem Handicap wünscht: ein weitgehend eigenständiges Leben, privat wie beruflich.

Der 47-jährige Schwabacher hat seine eigene Wohnung und einen ganz normalen Arbeitsplatz. Letzteres ermöglicht hat ihm die Präzisionsfedern-Firma in der Berlichingenstraße. Direkt nach dem Besuch der Hans-Peter-Ruf-Schule der Lebenshilfe konnte Andreas Materna im Betrieb von Geschäftsführer Joachim Löhr zunächst ein Praktikum absolvieren. Und weil das sehr gut gelaufen war, erhielt er einen festen Arbeitsplatz – trotz seiner mit 100 Prozent eingestuften Schwerbehinderung.

„Ein Aushängeschild“

Ein Glücksfall für beide. „Wir sind absolut zufrieden mit ihm. Was er macht, macht er gut“, betont Joachim Löhr. Auch dessen Sohn Max ist voll des Lobes: „Wenn man ihm etwas zeigt, vergisst er nie etwas.“ Und das gilt nicht nur für die Arbeit. „Er weiß alle Geburtstage von allen Mitarbeitern“, staunt Joachim Löhr. Hinzu kommt sogar eine gewisse künstlerische Begabung. Stolz zeigt Joachim Löhr im Foyer eine Collage aus kleinen Metallteilen, die Andreas Materna gefertigt hat.

Das Allerwichtigste aber ist: Andreas Materna fühlt sich in der Firma richtig wohl. „Schleifen, stanzen, biegen“, beschreibt er einige seiner Arbeiten, die ihm alle Spaß machen, wie er spontan sagt. Und das Klima mit den Kolleginnen und Kollegen? „Sehr gut.“ „Die Firma Löhr ist wirklich ein Aushängeschild“, betont Gerhard Engelhardt, der Lebenshilfe-Vorsitzende, „wir würden uns mehr solche Unternehmen wünschen.“ Viele Schülerinnen und Schüler der Hans-Peter-Ruf-Schule arbeiten nach ihrem Abschluss in der Werkstatt für Behinderte (WfB) der Lebenshilfe, also in einem geschützten Rahmen, den viele auch brauchen.

„Wenn es Sinn macht, versucht die Schule, ihre jungen Leute auch in Firmen zu vermitteln“, erklärt Elke Rothenburger. Dass dies nicht ganz einfach ist, belegen die Zahlen. „Aktuell haben wir sechs sogenannte Außenarbeitsplätze. Das heißt: Betreut werden die Behinderten auch in den Firmen noch von unserer Werkstatt“, erläutert Elke Rothenbucher. „Neben diesen Außenarbeitsplätzen gibt es ja noch ganz normale sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze auf dem ersten Arbeitsmarkt. In den vergangenen fünf Jahren konnten wir zwei Schulabgänger direkt vermitteln. Das ist also eher selten. Es muss eben vieles passen: der Arbeitsplatz, das Umfeld. So passen wie bei Löhr.“

Vor 25 Jahren war der direkte Übergang von der Ruf-Schule in eine Firma noch ungewöhnlicher. Unsere Zeitung hatte damals bereits über Andreas Maternas Start bei Löhr berichtet. „Schwellenängste wurden abgebaut“, lautete die Überschrift. „Ganz wichtig war, dass Roland Gundel, der Konrektor der Schule, anfangs immer wieder mal vorbeigeschaut hat“, erinnert sich Joachim Löhr. „Solche Begleitung bieten wir selbstverständlich“, betont Elke Rothenbucher. Von Schwellenängsten ist jedenfalls längst keine Rede mehr.

Joachim Löhr hat nie bereut, Andreas Materna die Chance seines Lebens gegeben zu haben. Was er mit seiner Erfahrung anderen Unternehmerkollegen rät? „Ganz einfach“, sagt Joachim Löhr: „Probiert’s!“

Kontakt: Peter Auernhammer, Leiter der Lebenshilfe-Werkstatt, Telefon (09122) 181400.