Jüdisches Museum in Schwabach wurde feierlich eingesegnet

13.10.2015, 08:24 Uhr
Rabbiner Michael Bar Lev bringt die „Mesusa“ an der Tür das Jüdischen Museums an. Sie enthält das jüdische Glaubensbekenntnis auf Pergament. Damit symbolisiert diese Schriftkapsel die Verbindung des Hauses zu Gott.

Rabbiner Michael Bar Lev bringt die „Mesusa“ an der Tür das Jüdischen Museums an. Sie enthält das jüdische Glaubensbekenntnis auf Pergament. Damit symbolisiert diese Schriftkapsel die Verbindung des Hauses zu Gott. © Foto: Wilhelm

Die Dependance des Jüdischen Museums Franken in Schwabach wurde im Juni 2015 eröffnet (Das neue Jüdische Museum kommt sehr gut an). Bar Lev ist der Enkel des letzten Schwabacher Rabbiners Dr. Salomon Mannes und seit 2007 Rabbiner in Pforzheim.

Das Ritual beginnt handwerklich. Sonntagnachmittag am Museumseingang der  in der Synagogengasse 10a. Museumsleiterin Daniela Eisenstein reicht Rabbiner Michael Bar Lev Schrauben und Schraubenzieher. Damit befestigt er eine längliche Metallkapsel am Türstock. Und zwar schräg im oberen Drittel. So will es die Tradition der mitteleuropäischen Juden.

Symbol für Gottes Schutz

In der Kapsel, der Mesusa, befindet sich eine Pergamentrolle mit einer biblischen Passage: „Höre Israel, der Ewige unser Gott, ist der Ewige der Einzige.“ Ergänzt wird dieser Beginn des jüdischen Glaubensbekenntnisses durch das Wort „Scha-dai“ („Beschützer der Türen von Israel.“)

„Die Mesusa ist das Symbol für die Verbindung dieses Hauses mit Gott“, erklärt der Rabbiner und stimmt ein „Halleluja“ an.

Dieser feierlichen Anbringung ist ein kleiner Festakt in der benachbarten Alten Synagoge vorangegangen. Für Michael Bar Lev ist das ein besonderer Ort. Hier hat sein Großvater Jahrzehnte lang gewirkt, von 1903 bis 1935: Dr. Salomon Mannes war der letzte amtierende Schwabacher Rabbiner.

Der Förderverein des Jüdischen Museums Franken hat den Ausbau eines ehemaligen jüdischen Wohnhauses in der Schwabacher Synagogengasse zu einer neuen Außenstelle des Museums mit 45.000 Euro unterstützt. Das ist die größte Spende, mit der jemals ein Einzelprojekt gefördert worden ist. Am Samstag hat sich eine 20-köpfige Delegation des Fördervereins vom Einsatz dieser Mittel ein Bild gemacht. Einhellige Meinung derjenigen, die schon zur Eröffnung im Juni hier waren, wie auch jener, die erstmals nach Schwabach gekommen sind: „Sehr gelungen.“

Der Förderverein des Jüdischen Museums Franken hat den Ausbau eines ehemaligen jüdischen Wohnhauses in der Schwabacher Synagogengasse zu einer neuen Außenstelle des Museums mit 45.000 Euro unterstützt. Das ist die größte Spende, mit der jemals ein Einzelprojekt gefördert worden ist. Am Samstag hat sich eine 20-köpfige Delegation des Fördervereins vom Einsatz dieser Mittel ein Bild gemacht. Einhellige Meinung derjenigen, die schon zur Eröffnung im Juni hier waren, wie auch jener, die erstmals nach Schwabach gekommen sind: „Sehr gelungen.“ © Text/Foto: Robert Schmitt

Für Oberbürgermeister Matthias Thürauf ist Rabbiner Michael Bar Lev deshalb so etwas wie eine „Klammer“ zwischen der Vergangenheit und heute. „1938 erklärten die Nazis: ,Schwabach ist judenfrei’“, blickt Thürauf zurück. „Dieser Satz bedrückt uns noch heute.“ Damit endete die über Jahrhunderte reichende Geschichte der Juden in Schwabach. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich keine jüdische Gemeinde mehr gebildet. Die ehemalige Synagoge wurde als Lager für Bierfässer genutzt.

„Stetiger Aufschwung“

„Doch seit Jahren erlebt das ehemalige jüdische Viertel einen stetigen Aufschwung“, freut sich Thürauf. Zunächst mit der Sanierung der „Alten Synagoge“, nun mit der Eröffnung der Schwabacher Außenstelle des Jüdischen Museums Franken in der einzigartigen „Laubhütte“.

Alexander Küßwetter, der Vorsitzende des Trägervereins des Museums, ist dankbar, mit Rabbiner Michael Bar Lev einen Gast begrüßen zu können, der Dr. Salomon Mannes noch persönlich gekannt hat: „Denn gerade der biografische Zugang zur Geschichte ist einer der spannendsten.“

Doch ehe der Enkel von seinem Großvater berichtet, nähert sich Verena Ebersdobler, die stellvertretende Museumsleiterin, Mannes’ Biographie wissenschaftlich. „Es war nicht einfach, Informationen über ihn zu sammeln“, berichtet sie von ihrer Recherche.

Seit 1901 in Schwabach

Horav Shlomo Mannes wurde am 15. April 1871 in Wreschen bei Posen geboren, seine spätere Frau Clara Jacobi 1879 in Posen. „1901 wurde Dr. Mannes ordiniert und mit der Verwaltung des Rabbinats Schwabach betraut, als Vertretung des schwer erkrankten Rabbiners Wissmann“, erläutert Verena Ebersdobler. Als Wissmann 1903 stirbt, wird Salomon Mannes dessen Nachfolger.

Ein Jahr später heiratet er. „Clara war wohl die perfekte Ehefrau für ihn. Sie bewunderte ihn und unterstützte ihn in jeglicher Hinsicht.“ Schwabachs jüdische Gemeinde war orthodox geprägt. „Auf sein Bitten hin bedeckte sie ihr Haar mit einem Tuch oder einem Hut anstatt eines Sheitels, also einer Perücke, was ihr anscheinend zunächst ein wenig schwer fiel, es ihm zuliebe aber einhielt. Clara Mannes war in der Jüdischen Gemeinde Schwabachs geachtet und geschätzt und auch sehr engagiert.“ Das Ehepaar hatte sieben Kinder, vier Söhne und drei Töchter.

Flucht nach London

In der Nazi-Zeit verlassen immer mehr Schwabacher Juden aufgrund der Repressalien die Stadt. Die Gemeinde ist bereits 1932 aufgelöst worden. 1935 geht das Ehepaar Mannes nach Frankfurt/Main, wo Dr. Mannes weiter unterrichtet. In Frankfurt erleben sie auch die Reichspogromnacht am 9. November 1938.

Kurz darauf überfällt die Gestapo seine Wohnung, demoliert die Einrichtung. „Wie durch ein Wunder nimmt sie ihn aber nicht mit“, so Verena Ebersdobler. Doch für das Ehepaar ist dies das endgültige Signal zur Flucht nach London.

Dort gibt Salomon Mannes weiterhin Lehrstunden für Talmudschüler, selbst als er in den letzten zehn Lebensjahren sein Augenlicht verloren hat. „Er starb am 27. November 1960 und muss eine ganze Schar von Bewundern hinterlassen haben“, berichtet Verena Ebersdobler. „Clara überlebte ihn um neun Jahre.“

Phänomenales Gedächtnis

Auch ihre Kinder überleben den Holocaust durch Flucht nach England, in die USA oder nach Palästina. Dort wird auch Michael Bar Lev geboren. Er ist der Sohn von Salomon Mannes’ Tochter Recha.

Die besucht ihre Eltern nach dem Krieg in London. So lernt der elfjährige Michael seinen Großvater kennen. „Mit dem Opa habe ich viel gelesen und gelernt“, erinnert er sich. Besonders beeindruckt ist er von dessen Sprachtalent und dem phänomenalen Gedächtnis. Dr. Salomon Mannes beherrschte neben Deutsch und Englisch auch Aramäisch, Arabisch, Syrisch, Griechisch, Latein, Hebräisch und Persisch.

Selbst als er erblindet, kann er weiter den Talmud lehren, weil er die 20 Bände mit allen Kommentaren auswendig beherrscht. „Unter seinen tausenden Büchern hat er genau gewusst, in welcher Reihe welches an welcher Stelle ist und was drinsteht. Er war ein Genie, ein richtiges Genie“, sagt Michael Bar Lev voller Respekt und Sympathie. „Ich bin glücklich, dass ich mit ihm lernen durfte.“ Das aber nicht nur wegen dessen intellektueller Brillanz. „Von ihm habe ich das Menschliche gelernt.“

www.juedisches-museum.org

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