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Jugendrichter Reinhard Hader: Nach 20 Jahren ist Schluss

"Es war mein Traumjob", sagt er im Rückblick auf seine juristische Karriere - 17.10.2020 07:27 Uhr

Auch das gehörte zu seinen Aufgaben am .Amtsgericht Schwabach: Richterin Dr. Andrea Martin und der Stellvertretende Direktor des Amtsgerichts Schwabach, Reinhard Hader (Vierter von links), verabschiedeten die langjährigen Schöffen.

© Foto: Arno Heider


40 Sozialstunden wegen "Fahrens ohne Führerschein" und sechs Monate Freiheitsstrafe, unter anderem wegen eines "Tätlichen Angriffs auf Vollstreckungsbeamte". Das waren zwei der letzten Urteile von Jugendrichter Reinhard Hader, der sich zum Ende dieses Monats in den Ruhestand verabschiedet.

Zuständig für Jugendliche und Heranwachsende

20 Jahre lang hat Hader dieses Amt mit Leidenschaft gelebt. "Es war mein Traumjob", sagt er im Rückblick auf seine juristische Karriere. Zuständig war er als Jugendrichter für Jugendliche und Heranwachsende aus dem Landkreis Roth und aus der Stadt Schwabach, die mit dem Gesetz in Konflikt geraten waren.

Als Jugendrichter geht Reinhard Hader Endes des Monats in Ruhestand.

© Foto: Arno Heider


Mit seinen Urteilen hat er viele Angeklagte motiviert, nach der Verhandlung ein straffreies Leben zu führen. Bei fünf bis zehn Prozent seiner Klienten hat es leider nichts genützt, auch wenn er zum Schluss der Prozesse meist sehr persönliche Worte formulierte, um zum Nachdenken anzuregen. "Wir kennen uns ja schon", sagte er dann zu Wiederholungstätern bei Prozessbeginn. "Hast Du kein Organ zwischen den Ohren? – Du solltest mal Dein Gehirn anschalten", musste sich dann so mancher Angeklagte fragen lassen.

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Verhandlungen "aus väterlicher Sicht" geführt

Die Kandidatinnen und Kandidaten, die bei ihm aufschlagen mussten, hat er meist geduzt. "So bin ich", sagt Hader, es sei ihm nie darum gegangen, jemanden abzuwerten. Er habe seine Art, Verhandlungen zu führen "eher aus väterlicher Sicht" gesehen, unterstreicht der Richter, selbst Vater von drei Söhnen.

Sie alle haben studiert, machen einen guten Job in ihrem Fach und sind gut durch die Pubertät und die kritische Zeit heranwachsender junger Männer gekommen. "Ich habe ihnen immer gesagt, dass ich keine Akte mit dem Namen Hader auf dem Schreibtisch haben möchte", sagt der Richter.

Auf einem Schreibtisch, der in einem Gebäude an der Weißenburger Straße steht, die es in seiner Kindheit noch gar nicht gab. Da war noch eine Gaststätte, ein Reitplatz und eine Wiese neben dem Bahnhof, erinnert sich Reinhard Hader, der dort in einem "Bahnerer"-Wohnblock aufgewachsen ist und auf eben dieser Wiese Fußball gespielt hat.

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Jugendstrafrecht soll ja erster Linie eine pädagogische, erzieherische Wirkung haben. Deshalb überlegte Reinhard Hader oft, ob er jemanden in den Arrest schickt. Als "Schnupperlehre für den Knast" bezeichnete er diese Möglichkeit der Bestrafung. "In der Mannertstraße in Nürnberg ein verlängertes Wochenende oder gar ein oder zwei Wochen verbringen zu müssen, ist alles andere als lustig", sagt Hader. "Das ist ein offenes Klo in dem man 13 Stunden eingesperrt ist, bis zu einem einstündigen Hofgang." Außer Büchern dürfe nichts mitgebracht werden; Handy sei out und der Radiosender, den man hören könne, werde von den Justizbeamten ausgesucht. Also wirklich Zeit zum Nachdenken über Blödsinn oder eine kriminelle Karriere.

Fast alle jungen Leute, die einen Arrest absitzen mussten, hätten ihm bei zufälligen Treffen in der Stadt im Nachhinein beteuert, dass "ich da nie wieder hinwill."

Jemanden ins Gefängnis schicken, ist nicht einfach

Jemanden in den Arrest oder gar ins Gefängnis zu stecken, "ist auch für einen Richter nicht einfach", gesteht Hader und erinnert sich an seine Zeit als Berufsanfänger bei der Justiz in Ingolstadt, wo er als Strafrichter (ab 15. Oktober 1982) aufgrund der Aktenlage wusste, dass er einen Angeklagten in den Knast schicken muss. "Da war ich mehr aufgeregt, als der Mann, der vor mir saß."

Schon im Oktober 1984 kam Reinhard Hader zurück nach Mittelfranken. Zunächst als Staatsanwalt für Verkehrsdelikte in Nürnberg; dann übernahm er ab 1. April 1987 das Familienreferat am Amtsgericht Schwabach. Vorher hatte man ihm das Angebot gemacht, ans Oberlandesgericht zu wechseln.

Er wollte nicht. Und er wollte auch im Jahr 2005 nicht als Direktor ans Amtsgericht Weißenburg wechseln. "Zu viel Verwaltung, zu wenig Kontakt zu den Menschen, deshalb wollte ich nicht Richter werden", sagt Hader, der seine Arbeit als Familienrichter allerdings "als oft sehr belastend" empfand. Der Streit um Kinder und Geld sowie das Thema häusliche Gewalt – das sei manchmal unerträglich und unverständlich gewesen.

Als Jugendrichter (ab dem Jahr 2000) hat Hader seine Erfüllung gefunden. Der Job als stellvertretender Direktor des Amtsgerichtes Schwabach hat ihn dank der außergewöhnlich guten Zusammenarbeit mit Direktorin Sabine Schwarz und den Kolleginnen und Kollegen Spaß gemacht. Hader hebt zudem das kollegiale Zusammensein mit der Geschäftsstelle, mit der Jugendgerichtshilfe, den Polizeidienststellen und mit "meinen Schöffen" hervor. "Vor allem die Mitarbeiterinnen in den Geschäftsstellen haben mich schon ab und zu auf Fehler meinerseits aufmerksam gemacht", blickt er dankbar zurück.

"Richter mit Leib und Seele"

Dankbar. Ja, das ist auch Amtsgerichtsdirektorin Sabine Schwarz. Sie bezeichnet Reinhard Hader als "Richter mit Leib und Seele, der es verstanden hat, mit Augenmaß und dem Blick für die tatsächlichen Probleme der jungen Menschen zu urteilen und die richtige Mischung zwischen ernster Strenge und väterlicher Milde an den Tag zu legen."

Er habe stets die richtigen Worte gefunden, um den jungen Menschen im erforderlichen Maße ins Gewissen zu reden. Für ihn sei seine Tätigkeit stets in der Verantwortung für die Allgemeinheit gewesen. "Er wird eine Lücke hinterlassen, die nicht einfach zu füllen sein wird", ist Direktorin Sabine Schwarz überzeugt.

Dr. Barbara Kiefner-Weigel sieht das genauso. "Er wird uns allen fehlen", sagt die Zivil- und Betreuungsrichterin, die Reinhard Haders ruhige, freundliche und in der Sache ganz klare Art, mit den Jugendlichen zu reden, bereits als Staatsanwältin gefallen hat. "Schon sein Gang über den Gerichtsflur zum Sitzungssaal machten auf mich den Eindruck größter Gelassenheit und Souveränität."

Für Familienrichter Dirk Kubina war Reinhard Hader aufgrund seiner jahrelangen Tätigkeit als Familienrichter "eine unerschöpfliche Quelle bei auftretenden familienrechtlichen Problemen." Er habe sich stets viel Zeit genommen zur Beantwortung von oft komplizierten juristischen Fragestellungen der noch jüngeren Kollegen.

Strenge, aber gerechte Justiz

Auch Dr. Andrea Martin, ab Februar nächsten Jahres Nachfolgerin Haders in der Funktion als Stellvertretende Direktorin, hebt die "herzliche und geradlinige Art" ihres Kollegen hervor. Sie ist davon überzeugt, dass "die Jugendlichen und Heranwachsenden, die er in seinem Berufsleben verurteilt hat, einen bleibenden Eindruck von einer strengen, aber gerechten Justiz erhalten haben, der nichts Menschliches fremd ist."

Mussten sich vor 20 Jahren viele junge Leute eher wegen Schwarzfahrens, Schlägereien oder Verkehrsdelikten verantworten, so stehen heute immer mehr Verhandlungen wegen Mobbing, Verbreitung pornografischer Schriften, Drogendelikte oder Nazi-Geschichten auf den Sitzungsaushängen im Amtsgericht. Die Auswirkungen des Internets eben.

Fast immer Arrest verhängt bei Fußtritten gegen den Kopf

Dass Körperverletzungsdelikte insgesamt abgenommen haben, freut Hader, doch sieht er die bedenkliche Entwicklung der Brutalität, mit der gegen Opfer vorgegangen wird. Bei Fußtritten gegen den Kopf kannte der Jugendrichter deshalb keine Gnade. Da war fast immer ein Arrest, wenn nicht gar eine Jugendstrafe, fällig.

Schreckliche Erinnerungen hat Reinhard Hader an zwei Prozesse, bei denen Jugendliche oder kleine Kinder ums Leben gekommen sind. Vor gut zehn Jahren war es eine Verhandlung gegen einen Jugendlichen, der bei Bernlohe mit dem Auto seiner Eltern an einen Baum gefahren ist. Drei seiner Kumpel starben. Oder jetzt im Frühjahr. Da musste sich ein junger Mann verantworten, der sein Fahrzeug bei Wernsbach in den Gegenverkehr gesteuert hatte. Eine junge Mutter und zwei ihrer Kinder kamen bei dem Unfall ums Leben. "Da waren weder Alkohol noch Drogen im Spiel, und am Auto konnten auch keine Schäden festgestellt werden, die eine Erklärung für das furchtbare Geschehen gewesen wären", sagt Hader ratlos.

"Meine Arbeit wird mir sicher fehlen"

Was wird der Richter mit Leib und Seele im Ruhestand anstellen? "Meine Arbeit wird mir sicher fehlen", ist sich Reinhard Hader schon jetzt sicher. Als frisch gebackener Stadtrat (SPD) in Schwabach (seit 1. Mai) wird ihm die Decke aber nicht auf den Kopf fallen.

Und als Vorstandsmitglied des SC 04 Schwabach gebe es auch noch genügend zu tun, gibt er im Gespräch mit der Heimatzeitung zu verstehen. Vielleicht bleibt ja auch mehr Zeit zum Fußballspielen. Freilich nicht mehr an der Weißenburger Straße, sondern eher bei den 04ern an der Nördlinger Straße.

ARNO HEIDER

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