Naturgarten: Wohlfühlen in der grünen Oase

RESSORT: Lokales / Sonstiges..DATUM: 05.10.2016..FOTO: Roland Fengler..MOTIV: Mitarbeiterporträt / Mitarbeiterportrait: Robert Gerner..ANZAHL: 1 von 1..Veröffentlichung nur nach vorheriger Vereinbarung
Robert Gerner

Schwabacher Tagblatt

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25.8.2020, 14:00 Uhr
Entspannter Feierabend. Birgit Helbig genießt ein Glas Orangensaft – und den Blick in ihren Naturgarten. Jetzt, im Spätsommer, hat er im Jahreskalender nach ihren Angaben „den höchsten Grad der Verwahrlosung“ erreicht. Ein grünes Paradies für hunderte von Pflanzen- und Tierarten und auch für Helbig und ihre Familie ist er trotzdem.

© Foto: Robert Gerner Entspannter Feierabend. Birgit Helbig genießt ein Glas Orangensaft – und den Blick in ihren Naturgarten. Jetzt, im Spätsommer, hat er im Jahreskalender nach ihren Angaben „den höchsten Grad der Verwahrlosung“ erreicht. Ein grünes Paradies für hunderte von Pflanzen- und Tierarten und auch für Helbig und ihre Familie ist er trotzdem.

Eine Alibi-Thuja ragt aus einem Meer von grauem Kies heraus, drei Meter weiter sind noch zwei Pflanzschalen drapiert. Und am anderen Ende der steinernen Wüste ist eine japanische Zierkirsche in eine Form gebracht, die sie auf natürlichem Weg niemals erreichen würde.

So sehen sie aus, die viel verspotteten "Gärten des Grauens", die sich in den vergangenen Jahren in ganz Deutschland ausgebreitet haben. Nicht erst seit dem Volksbegehren "Rettet die Bienen" weiß man: Für Insekten und die Tiere, die sich von Insekten ernähren, ist das eine lebensfeindliche Umgebung. Bayern arbeitet derzeit an einer Novellierung der Bauordnung. Kommunen könnten dann leichter die extremen Auswüchse der Steingärten verhindern.

Aber wie soll er dann aussehen der Garten, in dem wächst, was wachsen darf? In dem Dutzende von Bienen- und Wespenarten eine Heimat haben? In denen Heuschrecken durchs Gras hüpfen? In denen Eidechsen auf einer Autobahn aus Totholz unterwegs sind? In denen Ringelnattern zu sehen sind? In denen Frösche quaken, Vögel jagen und in denen sich auch Zweibeiner tierisch wohl fühlen? Ein Besuch bei Birgit Helbig in Dürrenmungenau.

Quereinsteigerin

Birgit Helbig hat es zum Termin gerade so geschafft am frühen Abend. Es ist viel zu tun in diesen Tagen. Die studierte Kommunikationsdesignerin, die später viele Jahre als Grafikerin beim Landesbund für Vogelschutz (LBV) in Hilpoltstein gearbeitet hat, hat schon vor Jahren umgesattelt und darf sich nach einer speziellen Ausbildung Naturgarten-Profi nennen.

Die robuste Arbeitshose und das weinrote T-Shirt mit der Aufschrift "Let it blüh’" zeigen, dass es bei Helbig nicht bei der Theorie geblieben ist an diesem Tag.

Sie sitzt auf ihrer Holzterrasse und überblickt üppig wucherndes Grün. 2000 Quadratmeter Naturgarten sind auch jetzt im Spätsommer, wo gar nicht mehr so viel blüht, ein Hingucker. "Ich muss gar nicht mehr raus in die Natur. Denn ich habe mir die Natur ja schon nach Hause geholt", sagt sie.

Quote: Zwei Drittel

Der Naturgarten ist die Weiterentwicklung des oberbayerischen Bauerngartens und der später in Mode gekommenen Biogärten. Der für Helbig "spannende Ansatz": Mindestens zwei Drittel der Blumen, Büsche und Sträucher sind heimische Pflanzen, höchstens ein Drittel Exoten dürfen hinzu kommen.

Wer sogar ausschließlich auf die rund 4500 in Deutschland vorkommenden Wildpflanzenarten setzt, der wird im Frühjahr und im Frühsommer mit einem bunten Blütenmeer beschenkt.

Dafür geht die Zahl der Farbtupfer schon jetzt, im Spätsommer, spürbar zurück. "Das muss man dann halt aushalten können", sagt Birgit Helbig. Oder halt doch ein paar länger blühende Exoten dazustellen.

Fast 500 Arten

In ihrem Garten fühlen sich nach Helbigs Schätzung zwischen 400 und 500 Pflanzenarten wie die Sandgrasnelke und die Wilde Möhre pudelwohl, viele davon gedeihen auf mageren Böden oder sogar zwischen Mineralbeton. Weil sie an schwierige Bedingungen gewöhnt sind, muss Familie Helbig niemals zum Gartenschlauch greifen.

Überhaupt: Die Gartenarbeit. Viele Menschen schrecken vor einem Naturgarten zurück, weil sie fürchten, die Pflege könnte ihnen ganz schnell über den Kopf wachsen. Ist aber nicht so. "Eher das Gegenteil ist der Fall", erklärt die Fachfrau.

Ein Naturgarten benötige in den ersten zwei bis drei Jahren "Erziehung wie ein kleines Kind". Doch dann, wenn sich alles sortiert hat, "muss man weniger machen und kann viel mehr genießen". Zwei bis drei anstrengende Tage im Frühjahr zum Zurückschneiden müsse sie einplanen. "Doch das ist unter dem Strich weniger, als mein Nachbar alleine mit Rasenmähen zubringt".

"Völlig widersinnig"

Rasen ist für Birgit Helbig ein schönes Thema. Da legt die Frau, die für die Grünen auch im Kreistag und im Abenberger Stadtrat sitzt, so richtig los. Die typisch deutsche Rasenpflege ist für den Naturgarten-Profi schlicht zum Kopfschütteln.

"Man muss sich das immer wieder vor Augen führen", erklärt sie. Der Rasen wird gedüngt und gewässert. Düngen und wässern macht man eigentlich, damit etwas wächst. Doch der typisch deutsche Rasen darf ja nicht wachsen. Denn sobald er länger als einen Zentimeter geworden ist, kommt der Rasenroboter und macht alles wieder platt, die vielen Kleinstlebewesen und auch manche jungen Igel inklusive."

Dann: Die Steine. Es ist nicht so, dass Birgit Helbig nichts von Steinen hält. Im Gegenteil. In ihrem Garten gibt es eine ganze Menge davon. Sandsteine aus der Umgebung oder Kalksteine aus dem Altmühltal. Keine aus China oder Indien. "Man muss sich immer klar machen, dass die Steine aus Übersee nur deshalb etwas billiger sind, weil da Kinderhände dran waren", sagt sie.

Eine Struktur geben

Aber Steine seien wichtig, um dem Garten, auch dem Naturgarten, eine Struktur zu geben. So entstehen bei ihr in Dürrenmungenau verschiedene Ebenen, Stufen, Pyramiden und ganze Steinmulden, in denen beispielsweise Eidechsen überwintern.

Jeden Tag geht Birgit Helbig in ihrem Garten auf Entdeckungstour. Und fast jeden Tag entdeckt sie tatsächlich neues.

Jeden Tag geht Birgit Helbig in ihrem Garten auf Entdeckungstour. Und fast jeden Tag entdeckt sie tatsächlich neues. © Foto: Birgit Helbig

Eines der zentralen Elemente im Helbig’schen Naturgarten kam erst später hinzu: ein großer Teich inklusive Sumpfgraben. "Durch Wasser potenziert sich die Zahl der Arten und die Zahl der Tiere", betont sie. Auch sie selbst profitiere. "Wasser, noch dazu plätscherndes Wasser, hat etwas Beruhigendes."

Man mag jetzt einwerfen, dass nicht jeder 2000 Quadratmeter zur Verfügung hat wie Birgit Helbig am Ortsrand von Dürrenmungenau. Aber auf die Größe, betont sie, kommt es nicht an. In Schwabach habe sie auf 60 Quadratmeter einen wunderschönen Reihenmittelhausgarten angelegt. Theoretisch sei ein Naturgarten auch in Form von Pflanzkübeln auf dem Balkon denkbar.

Noch fehlt der Mut

Doch noch ist der Naturgarten in Wohnbaugebieten der Exot. "Es fehlt vielen an Wissen – und es fehlt vor allem am Mut", glaubt Helbig.

Anderen die Scheu vor dem wuchernden Grün zu nehmen, das hat sich die Dürrenmungenauerin auf die Fahnen geschrieben. Sie hält Vorträge, sie schreibt für Magazine, sie öffnet ihren Garten für Führungen, auch beim landkreisweiten "Tag der offenen Gartentür" hat sie schon mitgemacht. Sie macht das gerne, denn: "Jeder Baum, jeder Strauch, jede Blume, jedes Tier zählt."

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