Donnerstag, 21.11.2019

|

Vom Jungen, der auszog, ein Ninja zu werden

Tobias Plötz aus Schwabach ist ein Meister asiatischer Kampfkunst — Am Montag eröffnet er die "Schule der fünf Drachen" - 29.03.2019 13:19 Uhr

Auch mit dem Schwert kann Tobias Plötz umgehen. Gewalt und Kampf sind aber nur ein Teil seiner Suche nach sich selbst. © Foto: Privat


Das einzig Gewöhnliche an Tobias Ploetz ist sein Name. Es ist der Name eines 38-jährigen Schwabachers. Wenn man ihm gegenüber sitzt, merkt man aber schnell: Ein Name kann täuschen. Das fängt schon beim Äußeren an. Ploetz trägt lässige, weite Kleidung, einen Kapuzenpullover und Turnschuhe. Sein Kinnbart ist lang und läuft spitz zu, der Kopf ist rasiert. Die stahlblauen Augen glänzen, wenn Ploetz spricht, seine Gesten sind flüssig und erinnern an Hiphop-Musiker. So cool würde man sich einen Tobias Plötz eigentlich nicht vorstellen.

Cool ist auch, was er erzählt. "Meine Kampfkunst ist nicht nach außen gerichtet. Es geht darum, sich selbst zu besiegen – und deshalb keine Gegner mehr zu haben." Solche Sätze sagt er oft. Sätze, die man in Stein meißeln könnte. Manchmal klingt das etwas vage und ist vielfältig interpretierbar, aber eines nimmt man ihm sofort ab: Plötz ist zu 100 Prozent aufrichtig. Er ist kein Blender. Er lebt seine Philosophie und spricht gern darüber, allerdings ohne jeden missionarischen Eifer.

Schon als Kind wollte Plötz kein Fußballer oder Lokomotivführer werden, sondern ein Ninja. "Ich war schon immer begeistert von den Meistern. Es geht ja nicht nur um Gewalt, sondern um eine Lebens-Meisterschaft – darum, dass man sich in allen Lebenssituationen schützen und verteidigen kann." Als Teenie, die Familie lebt zu dem Zeitpunkt im Eichwasen, besucht er zum ersten Mal China, zusammen mit einem Freund. Der 16-jährige Tobias hat sich selbst einige Brocken chinesisch beigebracht. In Schwabach beim TV 48 lernt er Kampfkunst.

"Das hat mich krank gemacht"

Sein beruflicher Weg geht derweilen in eine ganz andere Richtung. Der gelernte Zahntechniker baut in Nürnberg eine Firma mit auf, die mit Immobilien und Versicherungen handelt. Später nutzt er seine dort geknüpften Kontakte, um selbständig in der Schweiz reiche Menschen an Banken zu vermitteln, als "private broker", wie er sagt. "Ich wollte finanziell frei sein, um das zu machen, was ich wirklich machen will." Aber: "Das hat mich krank gemacht."

In den Wudang-Bergen steht der „Tempel der fünf Drachen“ – dort hat Tobias Plötz die Schule „Wu Dang Principles“ mitgegründet. Außerdem ist der Tempel Namensgeber seiner neuen Ausbildungsstätte in Eberhardshof.


2008 bedeutet die Finanzkrise den großen Wendepunkt. "Jetzt ist es vorbei", sagt sich Plötz und schließt radikal mit seinem bisherigen Leben ab. Er geht nach Berlin in eine Kung-Fu-Schule, wo er auf einem Feldbett in einem einfachen Schlafraum mit den anderen Schülern nächtigt. Der Leiter der Schule ist Ismet Himmet, ein Mann, der für Plötz zum Lehrer und Vorbild wird. Nach dem ersten Training mit Himmet "hat alles Sinn bekommen; aus leeren Bewegungen wurde Lebendigkeit", erinnert sich Ploetz.

Schule in China

Himmet ist auch der Initiator der "Wu Dang Principles"-Schule. Es ist ein ambitioniertes Projekt: Die Berliner Kämpfer gründen im Mutterland der Kampfkunst, in den Wudang-Bergen in China, eine Ausbildungsstätte. "Wir wurden sehr kritisch empfangen", erzählt Plötz. Man habe sich etwa bei den Preisen nach der Konkurrenz richten müssen, um keinen Ärger zu bekommen. Die Fremden bleiben standhaft und etablieren die Schule.

Nach einigen Jahren und einem Umzug auf die Insel Hainan – "dem chinesischen Hawaii" – tritt eine Frau ins Leben von Plötz. Allzuviel ist nicht aus ihm herauszukriegen zu dieser Episode: Er ist ihr nach La Réunion gefolgt, einer französischen Insel im Indischen Ozean, und hat dort – wie könnte es anders sein – Kampfkunst unterrichtet. Dann kam aber die Trennung.

Körperbeherrschung steht im Zentrum der Übungen zur fernöstlichen Kampfkunst. © Fotos: Privat


"Meine Ausbildung ging weiter. Das war immer klar, das wusste sie auch. Irgendwann ging es nicht mehr", sagt Plötz. Er geht zurück nach Hainan.

In den verbotenen Bergen

Einige Jahre später folgt er einem weiteren Schicksalsruf. Es ist ein immer wiederkehrendes Motiv in Plötz’ Erzählung: Eine Gelegenheit ergibt sich und er sagt ja, auch wenn es bedeutet, dass sein Leben sich wieder und wieder radikal verändert. Dieses Mal sind es die Berge von Zhong Nan. Ein Ort, den Ausländer eigentlich gar nicht betreten dürfen. Nicht dass Plötz sich um eine solche Vorschrift kümmern würde. Er verbringt einige Jahre in den verbotenen Bergen.

Die Frage drängt sich auf: Was macht man in diesen Bergen den lieben langen Tag? Man steht um vier Uhr auf, macht Qi Gong Übungen und frühstückt. "Dann macht man immer etwas anderes, das kommt von selbst", sagt Plötz und lächelt. Von selbst? "Man wandert irgendwo hin oder es kommen Gäste vorbei, man sät oder erntet, man putzt die Toiletten; und wenn man nichts zu tun hat, dann beschäftigt man sich mit sich selbst." Dafür, so Plötz, sei man ja schließlich in die Berge gegangen. "Man fängt an, sich von der Umgebung schulen zu lassen, zuzuhören, leiser zu werden."

Ein Wink des Schicksals

Es folgt ein weiterer Aufbruch. Plötz fühlt den Drang zur Veränderung, wandert eines Tages los und wird kurz darauf vom chinesischen Militär festgenommen. Er erfährt, dass bereits seit eineinhalb Jahren nach ihm gesucht wird. Der Fremde muss gehen. Sein nächstes und unwahrscheinlichstes Ziel: Deutschland. Es treibt ihn zurück. Er verbringt Zeit in Berlin und Leipzig, ist dort aber unzufrieden. Dann kommt er an den Ort, "wo ich am allerwenigsten wieder hin wollte": nach Schwabach.

In Chinas Bergen zu wandern birgt Gefahren, aber auch erstaunliche Blickfänge. © Fotos: Privat


Wieder erkennt er einen Wink des Schicksals: "Ich bekam einen Anruf, dass hier eine Wohnung frei ist, die perfekt für mich wäre. Klick Klack. Ich hab’ sofort meine Sachen gepackt, weil ich wusste: Hier geht’s weiter." Plötz beginnt wieder von Neuem, einfach so, Klick Klack. Er jobbt als Putzmann und als Fahrer – und er macht abends im Stadtpark seine Übungen. Nach und nach finden ihn dort Leute, die er unterrichtet. Das war vor einem Jahr.

Kung Fu in Eberhardshof

Das vorerst letzte Kapitel der Geschichte ist die "Schule der fünf Drachen". Es ist "eine verrückte Idee, die Realität wurde", so Plötz. Er übernimmt eine Kung-Fu-Schule in Nürnberg-Eberhardshof als Leiter und eröffnet sie neu – am kommenden Montag.

Dort wird Tobias Plötz dann weiterhin das tun, was er seit Jahren tut: Menschen seine Philosophie nahe bringen. Mit in den Stein gemeißelten Sätzen wie: "Durch das Training wird man sich bewusst, wer man nicht ist. Dadurch erfährt man mehr und mehr, wer man ist." Wer ja sagt und dem Wink des Schicksals folgt, der kann sich in diesen faszinierenden Kosmos hineinziehen lassen. Von dem Jungen, der auszog, um ein Ninja zu werden. Einfach so. Klick Klack.

www.5drachenschule.de

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus: Schwabach, Eberhardshof