So brachte der Bierpreis 1866 die Franken auf die Barrikaden

22.5.2016, 06:00 Uhr
Nichts schien die Bevölkerung derart auf die Barrikaden zu bringen, wie die Erhöhung des Bierpreises.

© dpa Nichts schien die Bevölkerung derart auf die Barrikaden zu bringen, wie die Erhöhung des Bierpreises.

Nichts bringt das bayerische Blut mehr zum Kochen als eine Verteuerung des Nationalgetränks, das auch als Grundnahrungsmittel dient. "Nachdem das Publikum fast 14 Tage lang den erhöhten Bierpreis ruhig mit ansah und nur insofern Widerstand leistete, als es die Herren Gastwirthe mit ihrem Bier sitzenließ, machte sich einige Aufregung bemerkbar, die abends gegen 9 Uhr zum Ausbruch kam." So berichtete das Fürther Tagblatt am 6. Mai 1866.

Vor dem Wohn- und Bräuhaus der Fürther Brauerei Mailaender heizten sich 50 Erwachsene und einige Hundert Sprößlinge beiderlei Geschlechts auf, bis Steine gegen Tür und Fenster flogen. Als sie zertrümmert waren, konzentrierte sich der Mob auf das Humbsersche Anwesen, wo aber schnell die Versicherung gegeben worden sein soll, den Bierpreis wieder zu ermäßigen. Also traf es die Brauerei Grüner, wo die tobende Menge Läden und Türen zerschlug und Gerstensäcke aufschnitt.

Die Fürther städtische Behörde sah sich genötigt, die Landwehr zu mobilisieren. Nachdem der Mob die Brauereien der Seiboth und der Witwe Steinberger bedroht hatte, zog er zurück zu Mailaender, um erneut zu randalieren. Mittlerweile hatten sich allerdings genügend Bürger zu den Waffen rufen lassen; die Landwehrmänner begannen die Gassen und Plätze zu räumen. Als die Aufrührer das zweite Mailaendersche Brauhaus und eine Bierhalle verwüstet hatten, gelang es der Reserve-Miliz, den Gewalttätigkeiten Einhalt zu gebieten. "Um die Mitternachtsstunde schickte ein ergiebiger Regenguss die Spektakel- und Schaulustigen begossen nach Hause."

Erhöhte Bierpreise als Auslöser

Auslöser der Bierkrawalle war der Beschluss der Brauer, das Sommerlagerbier in den Schänken statt für bisher sechs für fortan acht Kreuzer die Maß abzugeben. Die niedrigen Hopfen- und Gerstenpreise konnten nicht die Ursache sein, hieß es im trinkenden Volk; reine Profitinteressen schienen dahinterzustehen.

„Der revolutionaere Bock“: Eine Darstellung der Bierkrawalle in München 1844. Auslöser war — wie in Nürnberg und Fürth rund 20 Jahre später — eine Bierpreiserhöhung.

„Der revolutionaere Bock“: Eine Darstellung der Bierkrawalle in München 1844. Auslöser war — wie in Nürnberg und Fürth rund 20 Jahre später — eine Bierpreiserhöhung. © Foto: SZ Photo

In Nürnberg, wo der Krawall vom 1. bis zum 4. Mai 1866 tobte, war der Preis eines Eimers Sommerbier auf sechs Gulden festgesetzt worden. Die Maß kostete also sechs statt fünf Kreuzer; einige Bierwirte schraubten den Preis noch auf sieben Kreuzer in die Höhe. Soldaten des I. Chevauxlégers-Regiments lösten den Tumult aus und trugen ihn in den "Mohrenkeller", die "Wolfsschlucht" und das "Scharfe Eck".

Die Proteste und Ausschreitungen führten zur Rücknahme der Preiserhöhung. 22 Randalierer waren verhaftet worden. Ein 76-jähriger Pfründner des Heilig-Geist-Spitals erlag seinen Sturzverletzungen; ein Soldat hatte ihn mit drei Bajonettstichen niedergestreckt.

Dass der Preis des Gerstensaftes die bajuwarische Bevölkerung leichter auf die Barrikaden zu bringen vermochte als alle politischen Kapriolen oder sozialen Verwerfungen, hatte sich bereits rund 20 Jahre zuvor gezeigt, als in der Landeshauptstadt München Aufruhr emporzüngelte, weil das Sommerbier einen Kreuzer mehr kosten sollte. 1844 und 1848 richtete der Pöbel immense Schäden an, im letzten Fall in Höhe von 22 600 Gulden, was König Maximilian II. zum Ausruf verleitet haben soll: "Können das die Bayern tun, und muss es unter meiner Regierung sein?" Zu allem Überfluss trug der Bier-Radau den Bajuwaren auch noch beißenden Spott ein: "Anders als im Paris von 1789 wurde in München 1848 von den revolutionären Massen keine Bastille erstürmt, sondern die Brauerei des Marktführers Pschorr."

Einwöchiger Streik in Bamberg

1907 brachte der "Bamberger Bierkrieg" einen einwöchigen Streik gegen die Brauereien, weil sie nach 110 Jahren den Schankpreis des Seidla von zehn auf elf Pfennige gesteigert hatten. Aus Protest schenkten die Wirte Forchheimer Sud aus - bis die Erhöhung wieder kassiert wurde.

1910 kam den Biertrinkern erneut die Galle hoch. Die Brauer wollten den höheren staatlichen Malzaufschlag weitergeben, mit 26 statt 24 Pfennigen pro Maß. Das Volk sei nicht länger gewillt, sich durch indirekte Steuern ausbeuten zu lassen, postulierten die Fürther Arbeiterführer. Freilich: "Stärker als der gute Wille der Boykottierenden hat sich die Hitze und der dadurch erzeugte Durst erwiesen", höhnte der Fürther Central-Anzeiger. "Auch gab es viele geheime Sünder, die öffentlich Wasser und Limonade predigten und sich heimlich an Bier labten, das die Frauen und Kinder, unter den Kleidern versteckt, in die Wohnung bringen mussten." So erging es auch Großvater Glockner, der geprahlt hatte: "Ich trink etzt bloß noch Zitronenwasser, bis der Humbser barfäß lefft.“ Schon wenig später machte der Opa einen Rückzieher: "Wie paßt denn zu einem Backsteinkäs ein Selterswasser!"

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